Tennis
Durchstarten mit 29 Jahren: Mischa Zverev lanciert am Australian Open seine Karriere neu

Der Deutsche Mischa Zverev musste zuerst ganz unten ankommen, um zu merken, wie wichtig ihm das Tennis ist. In Melbourne meldet er sich mit einem Sieg über Andy Murray spektakulär zurück. Am Dienstag trifft er im Viertelfinal auf Roger Federer

Petra Philippsen, Melbourne
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Mischa Zverev ist am diesjährigen Australian Open in Top-Form.

Mischa Zverev ist am diesjährigen Australian Open in Top-Form.

Keystone

Vor drei Jahren war Mischa Zverev ganz unten angekommen. Sein Handgelenk war operiert worden, sein linker Arm steckte bis über den Ellbogen in Gips. Und seine Tenniskarriere steckte schon lange fest.

In der Rangliste stand er gerade noch innerhalb der Top 200, in dieser Sphäre hat das Niemandsland des Profidaseins längst begonnen. Zverev konnte nichts machen und wusste nicht, was er tun sollte.

Steckbrief Mischa Zverev

Nationalität: Deutsch
Geburtsdatum: 22. August 1987
Grösse: 1.90 Meter
Spielhand: Links
Erste Profisaison: 2005
Turniersiege: 0
Beste Platzierung: 46 (3. August 2009)
Preisgeld: 2 651 936 US-Dollar

Schliesslich betreute er ein paar Juniorenspieler, die von seinen Eltern ab und zu trainiert wurden, zu Future-Turnieren. «Wir sind durch Kleinstädte getingelt, irgendwo in Südtexas», erinnert sich Zverev, der in seiner Karriere schon alle Metropolen der Welt gesehen hatte, «wir wohnten in billigen Hotels und assen bei Subway. Bei solchen Turnieren gibt es ja nichts, nicht mal Verpflegung.»

Und in diesen trostlosen Wochen merkte Zverev, wie sehr ihm das Tennis fehlte. Wie gerne er selbst wieder spielen würde und zwar endlich richtig.

Vor zehn Jahren galt er als eines der hoch gehandelten Talente, ein Linkshänder, der mit seinem Serve-and-Volley-Stil immer ein bisschen wie aus der Zeit gefallen zu sein schien. Doch der Hamburger mit den russischen Wurzeln konnte die Erwartungen nicht erfüllen. Sein Bruder Alexander «Sascha», mit 19 Jahren heute so alt, wie er damals, hat ihn längst überflügelt.

Ein Jahrzehnt ist für Mischa Zverev vergangen zwischen Verletzungen, Zweifeln und Selbstfindung. Bei den Australian Open nun hat sich Zverev zurückgemeldet, mit 29 Jahren. Und mit einem Sieg über den Weltranglistenersten Andy Murray – spektakulärer ging es ja kaum.

Am Dienstag spielt Zverev gegen Roger Federer sein erstes Viertelfinal bei einem Grand Slam, und das immerhin hat sein kleiner Bruder noch nicht geschafft. Doch Alexander Zverev ist wohl der gewichtigste Grund, dass er den Neustart überhaupt noch gewagt hat.

Den Trainer-Stab erweitert

«Mein Bruder hat immer an mich geglaubt», erzählt Mischa Zverev, «als mein Handgelenk operiert wurde, sagte er mir: ‹Du kannst es zurück schaffen, ganz sicher.›» Im Winter 2014 war der Gips dann ab und die Brüder bereiteten sich in Florida gemeinsam auf die neue Saison vor.

Der Familienbetrieb der Zverevs hatte sich neben den Eltern Irina und Alexander Senior, beide ehemalige Tennisprofis, dabei schon um Murrays ehemaligen Fitnesstrainer Jez Green erweitert. Inzwischen gehört mit Hugo Gravil auch ein früherer Physiotherapeut der ATP-Tour dazu. Das Umfeld war für den aufstrebenden Teenager Alexander immer weiter professionalisiert worden, doch Mischa Zverev profitierte nun auch davon. Und die Erfolge seines kleinen Bruders spornten ihn ungemein an.

Trotz des Altersunterschieds passt kein Blatt zwischen sie, aber das Kräftemessen brauchen sie einfach. «Bei uns ist jeden Tag Konkurrenzkampf», erzählt Mischa Zverev: «Es geht immer nur darum: Wer hat mehr Frikadellen gegessen? Wer hat mehr Gewicht gehoben? Wer ist schneller gelaufen?» Der Kleine schlägt ihn inzwischen beim 140-Kilo-Stemmen, dafür läuft der Grosse schneller. «Er ist zwar jünger, aber ich will ja trotzdem nicht schlechter sein», sagt Mischa Zverev und grinst.

Mischa Zverev: «Mein Bruder hat immer an mich geglaubt»

Mischa Zverev: «Mein Bruder hat immer an mich geglaubt»

Keystone

Und so fand er den Antrieb für die mühsame Rückkehr auf die Tour, sein Ranking war mit Platz 1067 zum Saisonbeginn 2015 kaum mehr existent. Neustart von ganz unten. «Ich musste wohl erst auf dem Boden aufschlagen, um zu merken, wie viel mir Tennis bedeutet», sagt er rückblickend.

Aber er bedauert nichts, sagt Zverev. «Ich habe viel erlebt in den letzten zehn Jahren, auf dem Platz und vor allem ausserhalb.» Und das war ihm wichtig. Er wollte als Persönlichkeit reifen, seine Erfahrungen als junger Mensch sammeln und «nicht erst mit 35 alles nachholen» müssen.

«Ich habe nicht gefeiert und getrunken», wiegelt Zverev ab. Dieser Typ ist der sympathische Hamburger nicht. Doch er hatte sich in Beziehungen ausgelebt und dabei manches erlebt. «Ich habe einiges hinter mir», sagt er, ohne ins Detail zu gehen, «und das liess sich teilweise schlecht mit dem Tennis verbinden.»

Nur 17 Mal spielte Zverev seit 2007 bei einem der vier Grand Slams mit. Zwischen den French Open 2012 und den US Open im vergangenen Sommer hatte er es nicht mal mehr ins Hauptfeld eines Major-Turniers geschafft.

Die zweite Runde in New York war sein erster Erfolg nach der Verletzung. Da stand Zverev noch auf Rang 150. «Vom Gefühl wurde mein Spiel besser. Ich war sehr fokussiert, ich wollte es unbedingt.» Mit Erfolg: Schon am Saisonende kletterte er auf Rang 50, nach den Australian Open steht er mit mindestens Platz 35 so hoch wie nie.

Der lange Atem wurde belohnt. Und mit jeder Runde in Melbourne gehen der Rausch, das ungläubige Staunen und die Gratulationen weiter. Auch Federer hatte ihn nach dem Sieg über Murray beglückwünscht. «Das war ein unglaublicher Erfolg für Mischa, und das hat mich sehr gefreut», sagte der 35 Jahre alte Schweizer, «mir tat es leid, wie lange er verletzt war. Jetzt ist es mir auch so ergangen, umso schöner, dass wir beide so weit im Turnier gekommen sind.»

Für einen von beiden geht das rauschende Comeback Down Under jedoch zu Ende.

Die besten Bilder vom Australian Open 2017:

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Der Maestro spürt den Erwartungsdruck in Melbourne.
Denis Istomins lässt seinen Emotionen freien Lauf nach dem überraschenden Sieg gegen Novak Djokovic.
Auf der anderen Seite des Gefühlsspekrtums: Der gescheiterte Favorit Djokovic.
Hohe Körperspannung: Stan Wawrinka gibt vollen Einsatz.
Wawrinkas Schatten.
«Stan the man» ist hochkonzentriert.
Sogar Ritter gibt es in Melbourne: Zwei Briten unterstützen Andy Murray.
Timea Bacsinszky freut sich über den Punktgewinn.
Belinda Bencic streckt sich, um Serena Williams Schlag zu erwischen.
Stefanie Vögele fixiert den Ball.
Viktorija Golubic schlägt auf.

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