Bis nach dem Australian Open wollte der Tennisverband Klarheit haben, wie sich die Equipe die Davis-Cup-Kampagne 2015 vorstellt, die Anfang März mit einem Auswärtsspiel in Lüttich gegen Belgien beginnt. Übers Wochenende wurden die Gespräche formell beendet. Roger Federer reiste nach seinem Ausscheiden aus Melbourne ab; Verbandspräsident René Stammbach verlässt Melbourne am Dienstag ebenfalls in Richtung Schweiz. Es seien gute Gespräche gewesen, so Stammbach. Ergebnisse kann er aber noch keine vorweisen.

Entweder beide oder keiner

Weiter geht es wie folgt: Roger Federer und Stan Wawrinka entscheiden diese oder nächste Woche und jeder für sich, ob sie im März mit von der Partie sind oder nicht. In der ersten Februarwoche erfährt es Captain Severin Lüthi; danach wird der Berner das Team für die erste Runde nominieren. Klar ist für Präsident Stammbach, dass in Lüttich entweder beide oder keiner spielen wird. "Dass nur Stan Wawrinka spielt, schliesse ich aus", sagt Stammbach.

Die Hoffnung, dass beide nach Lüttich reisen, basiert einzig und allein auf den neuen Selektionskriterien des Internationalen Tennisverbandes (ITF) für die Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro. Federer und Wawrinka müssen trotz aller Verdienste in diesem Jahr oder im März 2016 mindestens einmal für die Schweiz spielen, um die olympischen Startkriterien zu erfüllen. Gäbe es diese Verpflichtung nicht, hätte nicht nur Federer, sondern auch Wawrinka, der bislang im Davis Cup noch nie fehlte, keine Lust auf eine Titelverteidigung.

Eine Sättigung ist spürbar

René Stammbach bringt durchaus Verständnis auf, dass im Jahr 1 nach dem grossen "Coup von Lille" persönliche Karrierenziele vorangestellt werden. Das erging in der jüngeren Vergangenheit auch anderen Siegern nicht anders. Novak Djokovic und Rafael Nadal standen zuletzt Serbien und Spanien ebenfalls nicht mehr zur Verfügung. Stammbach: "In den Gesprächen mit allen Beteiligten, angefangen beim Captain, spürte ich eine Sättigung. Am liebsten würden alle ein oder zwei Jahre aussetzen. Aber das ist natürlich nicht so einfach möglich. Ich gehe davon aus, dass entweder im März oder im September (in einem allfälligen Abstiegsspiel, die Red) Federer und Wawrinka spielen werden, weil sie das für eine Olympiateilnahme tun müssen. Aber 2016 droht für den Davis Cup ein schlimmes Jahr zu werden. Ich denke nicht, dass wegen des vollgeladenen Programms mit den Sommerspielen einer der beiden Topspieler zur Verfügung stehen wird." Aber: Für die Jahre danach haben sowohl Federer wie Wawrinka Bereitschaft signalisiert, im Davis Cup wieder eine Rolle spielen zu wollen.

Wer, wenn nicht Fedrinka?

Kurzfristig bringt diese Haltung den Verband in die Bredouille. Wer soll Davis Cup spielen, wenn Federer und Wawrinka es nicht tun wollen? Marco Chiudinelli wurde nach dem Davis-Cup-Triumph am Ellenbogen operiert und konnte das Training noch nicht wieder aufnehmen. Michael Lammer steht ebenfalls im Spätherbst seiner Karriere. Yann Marti und Henri Laaksonen wären die logischen Alternativen. Oder soll die Verantwortung möglichst schnell den aufstrebenden Jungen Marko Osmakcic (16) und Johan Nikles (17) übertragen werden, die übers Wochenende in Melbourne ins Juniorenturnier starteten?

Lüthi bleibt Captain

Zumindest Captain Severin Lüthi gab am Sonntag ein Bekenntnis zum Davis Cup ab. Der Berner bleibt langfristig Captain, nachdem auch er vor zwei Wochen noch unsicher gewirkt hat, ob er weitermachen will. Zum Meinungsumschwung verhalf ihm der Plan des Verbandes, in den nächsten Jahren massiv in Davis Cup und Fedcup zu investieren. Severin Lüthi erarbeitet bis Mitte März ein Konzept mit dem Arbeitstitel "Agenda 2020", wie der Umbruch im Davis-Cup-Team über die Bühne gebracht werden soll. Die Investitionen in eine hoffentlich erfolgreiche Zukunft will sich Swiss Tennis bis 2020 bis zu anderthalb Millionen Franken kosten lassen.

Finanziert werden diese Investitionen durch die Gewinne aus dem erfolgreichen 2014. Grosse Kasse kann Swiss Tennis in diesem Jahr kaum mehr machen. In den Planungen von Federer und Wawrinka spielt ein Grossanlass im Sommer in Form eines Viertelfinals in einem Fussballstadion keine Rolle. "Die Pläne für einen Viertelfinal vor 31'700 Zuschauern im Stade de Suisse in Bern liegen fixfertig in der Schublade", sagte Stammbach, "die Arena ist für uns reserviert. An dieses Szenario glaube ich mittlerweile aber weniger."