Sie stammten aus dem Umfeld des in die USA geflohenen langjährigen Leiters des Moskauer Antidoping-Labors Grigori Rodtschenkow. Dessen amerikanischer Anwalt Jim Walden behauptete ausserdem, der Welt-Fussballverband Fifa sei offensichtlich nicht daran interessiert, mit seinem Mandanten Kontakt aufzunehmen. Vorwürfe kamen auf, die Fifa wolle dem Frieden mit Russland zuliebe die angeblichen Dopinggeschichten unter den Tisch kehren.

Während die Medien der Fifa mit dem gewohnten Argwohn begegnen, bekommt der Fussballverband von Antidoping-Fachleuten für sein Vorgehen Applaus. Es sei weitsichtig und clever, zuerst alle Fakten zu sammeln und nicht wie das IOC gegen einzelne Athleten aus der Hüfte zu schiessen, loben Experten.

Kein Fussballer auf der Liste

Ob und wie weit russische Fussballer in systematisches Doping verwickelt waren, ist auch heute nur sehr schwer abzuschätzen. Die Faktenlage präsentiert sich deutlich dürftiger als jene bei den Wintersportlern von Sotschi. So taucht zum Beispiel kein einziger Fussballer auf der sogenannten DuchessListe auf. Dort sind Sportler vermerkt, die gemäss Grigori Rodtschenkow regelmässig einen Dopingcocktail verabreicht erhalten haben.
Einzelnen Spielern eine Schuld nachzuweisen, wird nach dem CAS-Urteil gegen die Olympioniken, bei welchem Zeugenaussagen, Mails und Manipulationen an Doping-Fläschchen nicht als ausreichende Beweise anerkannt wurden, jetzt noch schwieriger. Zumindest kann die Fifa glaubwürdig belegen, dass sie den Vorwürfen mit der notwendigen Sorgfalt nachgeht.

Weil sie ihre Schritte mit der Weltantidoping-Agentur (Wada) koordiniert und diese über die exakt gleiche Faktenlage verfügt, sind Bedenken über eine Tatenlosigkeit der Fifa einfach zu widerlegen.

«Die Wada würde in einem solchen Fall intervenieren und hätte das Recht, direkt beim CAS ein Verfahren einzuleiten oder eine Entscheidung der Fifa weiterzuziehen», sagt Martin Vaso, der zuständige Divisionschef der Fifa, in dessen Division das Medical & Anti-Doping-Departement angegliedert ist.

Und das sind die Fakten: Nach dem zweiten Bericht des kanadischen Juristen Richard McLaren erhielt die Fifa von der Wada Informationen von 34 Dopingproben von russischen Fussballern, die potenziell manipuliert worden sein könnten. Dieser Verdacht basiert hauptsächlich auf E-Mails, die von Grigori Rodtschenkow zur Verfügung gestellt wurden.

Die Fifa hat in der Folge mit einem externen Antidoping-Juristen und in Zusammenarbeit mit der Wada eine Untersuchung eingeleitet. Dabei stellte sich heraus, dass zwei U20-Spielerinnen bereits von den russischen Anti-Doping-Agentur sanktioniert wurden.

Sämtliche im Labor in Lausanne gelagerten Dopingproben von russischen Elite-Fussballern wurden nachgetestet – auch auf neu nachweisbare Langzeit-Metaboliten. Diese Tests fielen negativ aus.

Lausanner Labor an der Arbeit

In diesen Tagen hat das Labor in Lausanne damit begonnen, rund dreissig Proben von russischen Fussballern auf Manipulationen an den Behältern und beim Urin zu untersuchen. Diese stammen von der Wada, welche im Dezember 2014 im Zuge der ersten Anschuldigungen gegen Russland rund 3000 Dopingproben aus dem Moskauer Labor beschlagnahmt hat. Darunter waren auch 154 Tests von Fussballspielern. Das Lausanner Labor wird im Sommer auch für die Auswertung aller Proben der Fussball-WM in Russland zuständig sein.

Am 14. Dezember hat die Wada den Fachverbänden die Informationen aus der «Lims-Datenbank» (Laboratory Information Management System) des Moskauer Labors übergeben. Darauf sind sämtliche Testdaten von Januar 2012 bis August 2015 vorhanden. Allerdings bieten längst nicht alle Daten Indiz für ein Dopingvergehen.

Viele Fragen an Rodtschenkow

Gemeinsam mit externen Laborspezialisten und einem beigezogenen Antidoping-Anwalt hat die Antidoping-Abteilung der Fifa die Informationen in den letzten Wochen ausgewertet. Derzeit ist man daran, den Daten Namen zuzuweisen und sie mit anderen Indizien in Zusammenhang zu bringen.

Auch dienten die Lims-Daten als Basis für einen Katalog mit mehr als 50 spezifischen Fragen, welche die Fifa Mitte Januar an Kronzeuge Grigori Rodtschenkow schickte. Die Wada hat inzwischen bestätigt, dass die Fifa bereits im Frühling 2017 versucht hatte, mit dem früheren Laborleiter in Kontakt zu treten, dies aber aufgrund von Beschränkungen durch die US-Strafverfolgung nicht möglich gewesen sei.

Wann die Antworten von Grigori Rodtschenkow bei der Fifa eintreffen werden, weiss man beim Weltverband noch nicht. Ebenso wenig, ob sie – eventuell zusammen mit weiteren Fakten vom Labor in Lausanne und der Lims-Datenbank – genügend Beweiskraft haben, um russischen Fussballern ein konkretes Dopingvergehen nachweisen zu können.

Wie schwierig das ist, hat das CAS-Urteil von letzter Woche gezeigt. Martin Vaso auf jeden Fall sagt deutlich: «Sollten sich daraus ausreichend Beweise ergeben, werden wir selbstverständlich die notwendigen weiteren Schritte ergreifen.»