EM 2016
Dubiose EM-Sponsoringverträge in Frankreich als Resultat von Kaviar-Diplomatie

Aserbaidschan präsentiert sich an der EM als offizieller Sponsor – das sorgt für Kritik am europäischen Fussballverband.

Adrian Lobe
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Die Bandenwerbung von Socar ist an der EM oft zu sehen. key

Die Bandenwerbung von Socar ist an der EM oft zu sehen. key

KEYSTONE

Dem aufmerksamen Beobachter der EM wird nicht entgangen sein, dass an der Bandenwerbung rund um den Rasen in den Stadien in schöner Regelmässigkeit «SOCAR» und der Schriftzug «Energy of Azerbaijan» prangt. Der staatliche aserbaidschanische Erdölkonzern Socar, in der Schweiz durch die Übernahme der Esso-Tankstellen bekannt, ist offizieller Sponsor der Uefa.

Fernando Torres mit dem Atletico-Trikot der Saison 2014/15 wo der Schriftzug Aserbaidschans zu erkennen ist.

Fernando Torres mit dem Atletico-Trikot der Saison 2014/15 wo der Schriftzug Aserbaidschans zu erkennen ist.

Keystone

Das ölreiche Land zwischen dem Kaspischen Meer und dem Kaukasus hat eine sportliche Grossoffensive gestartet: Vor kurzem fand in der Hauptstadt Baku der erste Formel-1-Grand-Prix statt, bei der nächsten EM 2020 ist Baku einer von 13 Spielorten, an dem drei Vorrundenbegegnungen und ein Viertelfinal ausgetragen werden.

Das Land ist zudem Trikotsponsor von Atlético Madrid und dem RC Lens, der vom aserbaidschanischen Geschäftsmann Hafiz Mammadov aufgekauft wurde. Vor diesem Hintergrund darf die Bandenwerbung an der EM in Frankreich als eine Art Charmeoffensive verstanden werden, die Welt mit dem (Fussball-)Standort Aserbaidschan vertraut zu machen.

Die Uefa weiss von nichts

Doch hinter der Hochglanzfassade steckt ein hochkorrupter Familienclan, der mit aller Macht in die Glitzerwelt des Sportbusiness vordringen will und dabei vor unlauteren Mitteln nicht zurückschreckt. Bei Auftragsvergaben an den Schweizer Logistiker Panalpina flossen zwischen 2002 und 2007 rund 900 000 Dollar Schmiergelder an hohe Socar- und Staatsvertreter. Bei dem staatlichen Energiekonzern verschmelzen die Grenzen zwischen Politik und Wirtschaft.

Der Panalpina Hauptsitz in Basel.

Der Panalpina Hauptsitz in Basel.

KEYSTONE/CHRISTIAN BEUTLER

Der amtierende Präsident Aserbaidschans, Ilham Aliyev, der mit harter Hand regiert, war früher Vizepräsident von Socar. Die Präsidentenfamilie darf kostenlos die Luxusjachten von Socar nutzen, die Töchter Arzu und Leyla Aliyeva sollen laut Panama Papers eine Offshore-Firma in London besitzen. Korruption und Vetternwirtschaft gehören am Kaspischen Meer zum Alltag. Immer wieder gab es Kritik wegen Menschenrechtsverstössen in der ehemaligen Sowjet-Republik: Regierungskritiker werden verfolgt und inhaftiert, Proteste brutal von der Regierung beendet.

Die Frage ist, warum die Uefa mit einem solchen Regime kooperiert, wo sich der europäische Fussballverband Werte wie «Respekt» auf die Fahnen schreibt und von seinen Sponsoren explizit die Einhaltung der UN-Grundsätze in den Bereichen Menschenrechte, Umwelt und Korruption einfordert. Geht Geld vor Respekt? Auf Anfrage teilt die Uefa mit: «Es ist uns wichtig, dass unsere Sponsoren die Werte der Uefa von Fairplay und Respekt teilen. Es liegen uns keine Belege vor, dass irgendeiner unserer Sponsoren dem nicht nachkommt.»

Nun kann man generell der Meinung sein, dass Sport und Politik nicht miteinander vermengt und der Sport nicht unnötig politisiert werden dürfe. Doch die Uefa argumentiert dezidiert politisch. «Die Unterstützung des europäischen Fussballs durch Socar erlaubt uns, Werte wie Respekt und Fairplay zu entwickeln, die über das Spielfeld hinausgehen.»

Die Finger im Spiel: Michel Platini.

Die Finger im Spiel: Michel Platini.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Eingefädelt durch Platini

Das klingt fast schon stereotyp. Bei lukrativen Sponsorendeals – insgesamt erwartet die Uefa bei der EM Werbeeinnahmen in Höhe von 450 Millionen Euro – ist es mit den Werten dann allerdings nicht mehr so weit her.

Die Kooperation geht zurück auf eine alte Männerfreundschaft zwischen dem inzwischen geschassten UefaPräsidenten Michel Platini und der Führungsriege Aserbaidschans. Platini wurde für seine «Verdienste» vom Präsidenten Aliyev höchstpersönlich mit einem Ruhmesorden ausgezeichnet, der höchsten Ehre des Landes – «für seinen Beitrag zur Entwicklung des Fussballs in Aserbaidschan», wie es zur Begründung hiess.

Französische Abgeordnete werden reihenweise nach Aserbaidschan eingeladen, um bei der Rückkehr von einem «modernen Land» und «demokratischen Fortschritten» zu fabulieren. Im Gegenzug antichambrieren Uefa-Funktionäre bei Politikern in Aserbaidschan. «Kaviar-Diplomatie», nannte das die Sendung «Cash Investigation».

Das autoritäre Regime in Baku nutzt den Sport geschickt als Vehikel, um sein ramponiertes Image in der Öffentlichkeit aufzupolieren und sich als guter Gastgeber zu inszenieren. Beim Formel-1-GP in Baku performten Stars wie Pharrell Williams, Enrique Iglesias und Chris Brown und verliehen dem Event Glamour.

«Sportswashing», eine Reinwaschung durch Sport, nannte das der aserbaidschanische Journalist und Menschenrechtsaktivist Emin Huseynov in einem Beitrag für den «Guardian». Während die Gefängnisse voller Dissidenten seien, mache es sich die Herrscherfamilie auf der Zuschauertribüne bequem. Zu dieser Taktik gehört auch die Bandenwerbung bei der EM.