Knapp an der Sensation vorbei rauschten die Beachvolleyballerinnen Zumkehr/Heidrich, sie machten bei ihrer dramatischen Viertelfinal-Niederlage gegen die Brasilianerinnen aber beste Werbung für sich und ihren Sport. Und brachen mit ihren Tränen gleichzeitig ein paar Herzen in der Heimat. Heidi Diethelm Gerber, die «gmögige» Ostschweizerin, begeisterte mit ihrer Coolness und ihrem ruhigen Händchen. Sie verkörperte ein wenig den «Otto Normalverbraucher» unter den Sportlern, lieferte im entscheidenden Moment aber eine hochklassige und hoch konzentrierte Leistung ab: Bronze! Timea Bacsinszky und Martina Hingis stiegen wie Phönixe aus der Asche empor aus dem Tennis-Trümmerfeld, welches die Absagen von Federer und Co. scheinbar hinterlassen hatten: Silber und Freudentränen bei zwei abgeklärten Tennisprofis! Dazu noch folgende Anekdote: Bacsinszky war jene Schweizer Sportlerin, die im Olympiadorf am Abend jeweils alle Schweizer Einsätze des kommenden Tages auf die weisse Tafel schrieb. Die Lausannerin genoss die olympische Atmosphäre in vollen Zügen. Und schliesslich trumpfte auch noch Giulia Steingruber auf mit ihrem cleveren Kalkül beim Sprung im Kunstturnen: Bronze!

Sechs Frauenmedaillen in Sydney
Schon am Dienstagabend könnte die Ostschweizerin für die nächste Schweizer Medaille sorgen, wenn sie im Boden-Final an den Start geht. Im weiteren Verlauf der Woche dürfen wir noch auf Nicola Spirig im Triathlon sowie auf Jolanda Neff im Mountainbike hoffen. Die Chance ist also gross, dass wir, wenn wir am Ende dieser Olympischen Spiele Bilanz ziehen, davon sprechen werden, dass die Schweizer Delegation in Rio hauptsächlich von den Frauen getragen wurde. Zuletzt war der weibliche Part an den Spielen in Sydney im Jahr 2000 ähnlich dominant. Damals gewannen die Schweizerinnen sechs von total neun Medaillen.

Es öffnen sich neue Felder
Die Entwicklung hin zur weiblichen Übermacht mag zufällig erscheinen, entspricht aber auch einer gewissen Logik. Und zwar aus einem einfachen Grund: Die Quotenplätze der Frauen an den Olympischen Spielen wurden in den letzten Jahren sukzessive nach oben angepasst (und bei den Männern weggenommen). Ein Trend, der auch in Zukunft anhalten wird – und deshalb auch neue Chancen für neue Athletinnen bietet. Zum Beispiel beim Rudern, wo die Schweiz in diesem Jahr lediglich eine Vertreterin (Jeannine Gmehlin) am Start hatte. Ralph Stöckli, Chef de Mission von Swiss Olympic, sagt: «Wir Schweizer sind traditionell gut darin, neue Felder zu erforschen. Als kleines Land können wir schnell auf Trends reagieren.»
Doch mit dem Faktor «Frauenpower» allein ist es gemäss Stöckli noch lange nicht getan. Schon gar nicht, wenn es darum geht, in der Politik mehr Geld für die Spitzensportförderung locker zu machen. «Ich glaube nicht, dass mehr Frauenmedaillen einen Einfluss haben. Diese Diskussion ist nicht geschlechterabhängig.» Der ehemalige Spitzencurler sieht die grösste Baustelle an einem anderen Ort: «Der schwierigste Part ist, den Übergang vom Nachwuchs- zum Spitzensport zu sichern. Dort ist die Gefahr latent, dass wir Talente verlieren, weil die Rahmenbedingungen nicht stimmen. Dort brauchen wir das Commitment der Politik.»
Die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro könnten aus Schweizer Sicht also durchaus als «Spiele der Frauenpower» in die Geschichte eingehen. Den ewigen Kampf ums Geld werden sie allerdings nicht nachhaltig beeinflussen. Immerhin: Die von den Schweizerinnen ausgelösten Emotionen werden in bester Erinnerung bleiben.

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Grafik: Elia Diehl

Cartodb: Olympische Sommerspiele 2016 in Rio de Janeiro

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