Die Ausgangslage präsentierte sich mehr als delikat. Ende 2013 verabschiedeten sich mit Simone Niggli und mit der Postfinance 23 Weltmeistertitel und eine Million Franken Sponsoringleistungen vom Schweizer OL-Sport. Der direkte Zusammenhang war offensichtlich. Kaum ein anderer Schweizer Sportverband lebte in der Öffentlichkeit derart von einem einzelnen Gesicht wie «Swiss Orienteering».

OL war Simone Niggli und Simone Niggli war OL. Die ertragreichste WM-Goldmedaillengewinnerin der Schweizer Sportgeschichte garantierte der Disziplin eine einmalige Positionierung in der Öffentlichkeit. Und ein potenter Hauptsponsor sorgte dafür, dass uns die «OL-Königin» regelmässig zur besten TV-Sendezeit vom Siegespodest anlächelte.

Die Erfolgsgeschichte geht weiter

Logische Folge ihres Rücktritts deshalb das nachlassende Interesse von Sponsoren. Der Verband hat bis heute keinen Nachfolger für die Postfinance gefunden. Im Grunde brachte diese Konstellation alle Ingredienzien mit, um Orientierungslauf wieder zurück in die Anonymität des dunklen Tannenwalds zu verbannen.

Trailer: OL-Weltcupfinale in Aarau

Doch trotz einigen Geldsorgen bleibt OL bis heute eine sportliche Grossmacht. Es ist die mit Abstand erfolgreichste nichtolympische Sportart und die Schweiz die stärkste OL-Nation der Welt. 20 WM-Medaillen haben die Athletinnen und Athleten in den vergangenen drei Jahren gesammelt.

Selbst die zurückgetretene Simone Niggli trägt weiterhin zur imposanten sportlichen Darbietung der Kompasskünstler bei. Als OK-Chefin der Junioren-Weltmeisterschaften diesen Sommer im Engadin erlebte sie die beeindruckendste Goldflut aller Zeiten mit. Sieben von acht möglichen WM-Titeln gingen an den Schweizer Nachwuchs. Für die Zukunft der Sportart ist also gesorgt.

Niggli-Luder während ihrer Aktivkarriere, als sie im Rahmen des «PostFinance Sprints» mit Jugendlichen trainierte.

Niggli-Luder während ihrer Aktivkarriere, als sie im Rahmen des «PostFinance Sprints» mit Jugendlichen trainierte.

Und Niggli generiert sogar weiterhin Einnahmen für den Spitzensport. Sie ist Präsidentin des «Diamond-Clubs», welcher dem Nationalkader jährliche Gelder in mittlerer fünfstelliger Höhe garantiert. Diese Gönnerorganisation für potente Geschäftsleute wurde nach ihrem Rücktritt von ihr und dem damaligen Post-CEO Jürg Bucher ins Leben gerufen.

«Die Idee war, dass wir neben dem Gönner- und dem Golden Club, die primär aus der OL-Familie gespeist werden, auch vermehrt externe Personen als Geldgeber gewinnen können», sagt Simone Niggli. Rund 20 Mitglieder gehören dem exklusiven Kreis der OL-Mäzene inzwischen an.

Rund 15 Prozent musste das Budget für den Elitesport nach dem Wegfall des Hauptsponsors zurückgeschraubt werden. Die Verantwortlichen fanden dafür einen verträglichen Weg. «Ich spüre gar nichts davon. Die Qualität der Leistungen im Nationalkader bleibt unverändert hoch», sagt Welt- und Europameister Matthias Kyburz. Und auch Judith Wyder meint: «Es hat sich auch nach Simone Niggli nicht viel verändert. Wir dürfen zufrieden sein mit dem, was wir leisten und was wir darstellen.»

Nationaltrainer hebt den Warnfinger

Der OL-Verband versucht mit einer Re-organisation die Grundlage zu schaffen, damit künftig wieder mehr Geld fliesst. Die operative und strategische Ebene wird ab 2017 strikt getrennt. Trotzdem hebt Elitesport-Chef und Cheftrainer Patrik Thoma den Warnfinger. «Wir brauchen mittelfristig jährlich bis zu 200 000 Franken mehr Geld, um unsere Leistungsfähigkeit zu behalten».

Der Grund liegt im neuen Konzept von Swiss Olympic. Weil der Dachverband den nichtolympischen Sportarten ab 2017 den Geldhahn zudreht, fehlen bald nochmals knapp 20 Prozent in der Kasse. OL hat zwar seinen Weg auch ohne Simone Niggli gefunden, doch die Dornenfelder unterwegs werden nicht weniger.