Der Charter hebt mit viertelstündiger Verspätung um 15.45 Uhr in Zürich ab. Seine Fracht ist die Schweizer Nationalmannschaft, das Ziel Tiflis und die Ankunft nach vier Stunden um 22.45 Uhr Ortszeit reichlich spät an diesem Donnerstagabend.

Morgen beginnt die Schweiz gegen Georgien den Parcours der EM-Qualifikation, in dieser Begegnung ist sie der Favorit. Und dennoch ist diese Reise eine ins Ungewisse, da ihr vor dem Check-in die vielleicht formstärksten, gewiss aber die treffsichersten Akteure abhandengekommen sind.

Seferovic fehlt tatsächlich

Wenn Xherdan Shaqiri nicht spielt, fehlt der Schweiz immer etwas: die Kreativzentrale, das Freche, die Extravaganz. Wenn Admir Mehmedi krankheitsbedingt kurzfristig ausfällt, muss die Offensive ohne die überall einsetzbare Allzweckwaffe auskommen. In der Bundesliga zeigte Mehmedi mit Wolfsburg jüngst brillante Leistungen.

Und wenn Haris Seferovic verletzt passen muss, dann lautete früher das Urteil: Der Mittelstürmer ist ein Chancentod und darum ersetzbar. Die Räume, die er mit seinem immensen Laufpensum aufreisst, können auch andere schaffen.
Ja, Seferovic musste schon immer um die Gunst des Publikums buhlen. Doch die Zeiten haben sich geändert, der Wind hat gedreht.

Heute stellen die Kritiker nüchtern fest: Haris Seferovic fehlt tatsächlich. Der Stürmer hat sich nicht nur bei Benfica in die Herzen der Anhänger geschossen mit dem Liga-Spitzenwert von 15 Saisontoren. Im vergangenen November tat er dies auch bei der Nationalmannschaft mit drei Treffern gegen Belgien, gegen die Nummer eins der Weltrangliste. Der Vielgescholtene würde das zwar nie so sagen, aber es musste für ihn Genugtuung und Balsam für die Seele sein.

Die Suche nach dem Plan B

Aber eben: Petkovic braucht den Plan B. Weil mit Shaqiri und Seferovic 22 respektive 17 Länderspieltore fehlen. Weil nun mit Mehmedi auch gleich noch die erste Alternative erkrankt ist. Diesen Plan B zu finden am Samstag in Georgien und dann drei Tage später gegen Dänemark, könnte durchaus kompliziert sein, zumal die Automatismen in der Offensive nun fehlen. Zwar agiert Shaqiri erst seit der Nations League fix hinter der Spitze, doch im Sturmzentrum ist Seferovic unter Petkovic meist gesetzt, weil andere ihre Chancen nicht nutzten.

Und trotzdem sagt der Trainer: «Ich traue dem einen oder anderen Schweizer zu, Seferovic zu ersetzen. Ich werde nie sagen, jemand fehlt so sehr, dass es ohne ihn nicht geht.» Petkovic interessieren immer nur jene Spieler, die er zur Verfügung hat. Also lamentiert er nicht, vielmehr prüft er Alternativen.

Dabei wird der in Stuttgart überzeugende Steven Zuber gewiss auf der linken Offensivseite auflaufen. Und für die Seferovic-Position kommen im Prinzip drei Akteure infrage: Breel Embolo, Albian Ajeti und Mario Gavranovic. Sie alle haben erst kürzlich in ihren Ligen getroffen, der Formstand könnte also schlechter sein.

Ein Trio und seine Gedanken

Der Basler Ajeti wäre von der Postur her die logische Wahl, auch vom Spielstil. Er ist frech, selbstbewusst. Zwar rennt der 22-Jährige nicht so viel wie Seferovic, aber die physische Präsenz im Sechzehnmeterraum ist mindestens vergleichbar. Und damit auch die Wasserverdrängung. «Vorne ist ein Platz frei. Ich mache mir schon meine Gedanken», sagt Ajeti. «Selbst wenn ich in der Nationalmannschaft noch kein alter Fuchs bin, will ich zeigen, dass der Coach auf mich zählen kann.»

In 34 Pflichtspielen unter Petkovic erzielte die Schweiz 70 Treffer (nur sieben Mal gelang kein Treffer), 22 Spieler waren für all die Tore besorgt. Elf von ihnen stehen auch gegen Georgien und Dänemark im Kader, einer ist Mario Gavranovic.

Der Tessiner kann ein Schlitzohr sein auf dem Platz. Noch in Erinnerung ist sein Tor zum zwischenzeitlichen Ausgleich in Belgien im vergangenen Oktober, als er nach einem Freistoss eine Elvedi-Vorlage vollstreckte. Die Schweiz verlor dennoch.

Nach dem 1:2 schlenderte Gavranovic als Letzter aus den Katakomben und sagte: «Ich werde nie einen Einsatz fordern. Ich konzentriere mich auf meinen Job, der heisst: bereit und topfit sein, und wenn ich die Chance bekomme, das Tor zu machen.» Der 29-Jährige ist erfahrener als Ajeti, doch es ist fraglich, ob er mit seiner eher schmächtigen Körpergrösse die Idealbesetzung in der Sturmspitze und nicht in der Jokerrolle besser aufgehoben ist. Zudem bekam er immer wieder Gelegenheiten, liess sie jedoch viel zu häufig ungenutzt.

Schliesslich ist da noch Breel Embolo. Ob in der Sturmspitze, auf dem rechten Flügel oder hinter den Spitzen, er könnte an vielen Orten spielen. Embolo selbst ist sich nicht sicher, welche Position im Klub und im Nationalteam für ihn die beste ist. Er sagt: «Wichtig ist, dass ich ein Instinktspieler bleibe.»

Ihm fehlt manchmal die Kaltschnäuzigkeit vor dem Tor, in den Jahren mit Schalke ist zudem die Unbekümmertheit etwas verloren gegangen. Kein Wunder, bei all seinen Verletzungen: Bruch des Sprunggelenks und Wadenbeins, Riss des Syndesmose- und Innenbandes, oder wie im letzten Herbst der Bruch des Mittelfusses. Der 22-Jährige ist nur schon froh, wieder gesund und beim Nationalteam zu sein, er sagt: «Ich bin entspannt. Ich weiss, was ich dem Land bringen kann.»

Welcher Spieler auch ausfalle, es sei immer wieder gut gekommen, sagt Petkovic. «Wir müssen das als Mannschaft auffangen.» Die Karte des Kollektivs gilt es zu spielen. Mit der Breite des Kaders, mit der positiven Stimmung, dem Teamgeist. Auf diese Dinge setzt die Schweiz. Für ein erstes positives Resultat – egal wer trifft.