Fechten

Drama um Benjamin Steffen und Max Heinzer

Welch ein olympisches Drama! Max Heinzer (29) ist in der Form seines Lebens und spurtet sich auf dem Weg zu olympischem Gold ins Abseits. Benjamin Steffen (34) verliert das Gefecht um Bronze. Beide sind nun diplomierten olympischen Verlierer.

Das ganz grosse Drama schreibt Max Heinzer. Dieser Mann ist voll natürlichem Testosteron. Charismatisch. Wild und doch konzentriert und kontrolliert. Er kämpft federnden Schrittes. Jede Faser seines Körpers gespannt. Angriffslustig wie ein Raubtier. Er wirkt unbesiegbar.

Nach den Siegen in den ersten zwei Runden schreit er seine Freude mit drei, vier Urschreien heraus in die Arena. Schlägt sich auf die Brust. Ein bisschen Tarzan. Ein bisschen Supermann. Er wird später sagen: «Ich war topfit, alles stimmte, die Fitness, der Killerinstinkt. Ich traute mir alles zu.» Die Tore in den olympischen Himmel sind offen. Wer sollte ihn auf dem Weg dorthin noch aufhalten?

Niemand. Er tut es selbst. Im Viertelfinale tritt er gegen den Südkoreaner Sangyoung Park an. Und nun ist nichts mehr so wie es war. Max Heinzer verliert die Aura des Supermannes. Als habe jemand den Stecker gezogen. Er verliert in nur vier Minuten und acht Sekunden sang und klanglos 4:15 und wird hinterher sagen, er könne sich nicht erinnern, je so hoch verloren zu haben.

Er hat seltsam passiv begonnen, gerät in Rückstand und versucht dann mit ein paar Verzweiflungsangriffen im Kamikazestil noch etwas zu retten. Der Gegner lässt ihn eiskalt auflaufen. «From Hero to Zero».

Ein paar Minuten nach der Niederlage löst er das Rätsel. Er ist verletzt in dieses letzte Gefecht gestiegen. Er hatte gewusst, dass er keine Chance haben würde. «Ich wärme mich immer intensiv auf. Damit ich heiss bin. Während des Aufwärmens habe ich mir bei einem Spurt eine Verletzung zugezogen.»

Er spurtet sich auf dem Weg zu olympischem Ruhm ins Abseits. Er könne die Verletzung noch nicht genau diagnostizieren. Ein Krampf oder eine Zerrung im rechten Wadenbein und im Oberschenkel. «Ich hoffe, dass es nicht so schlimm und nur ein Krampf ist und dass ich für den Mannschaftswettkampf am Sonntag wieder fit bin.»

War nichts mehr zu machen, nichts mehr zu retten? Mit Massage oder so? «Nein, es blieben nicht einmal mehr zehn Minuten. Alles was wir noch tun konnten, war die Verletzung vor dem Gegner geheimzuhalten.»

Er wirkte nach dem Kampf noch wie unter Schock und sagte: «Ich fühle mich, als hätte ich gar nicht gekämpft….» Die Enttäuschung werde sich wohl erst später einstellen. Und er sagt mehrmals, er wolle die Verletzung nicht als Ausrede verstanden wissen. «Ich bin selber schuld.»

Benjamin Steffen kommt weiter. Der sanfte Riese hat weniger Charisma und Temperament als Max Heinzer. Er wirkt eher wie ein besonnener Intellektueller. Aber es ist, als ahne auch er tragisches Scheitern. Vor dem Halbfinale gegen Heinzer-Bezwinger Sangyoung Park sagt er: «Ich habe noch nichts erreicht, jetzt kommen die entscheidenden Gefechte.»

Er verliert gegen den Südkoreaner klar (9:15) und ist im Bronze-Gefecht gegen den französischen Weltranglistenersten Gauthier Grumier chancenlos (11:15). «Ich wusste, dass es nach einer Halbfinalniederlage gegen diesen Gegner schwer werden würde. Meine Teamkollegen haben mich vor dem Kampf wieder aufgemuntert. Aber nach gutem Beginn kassierte ich zwei Beintreffer und liess mich verunsichern.»

Beide bekommen am Sonntag mit der Mannschaft noch einmal eine Chance. Beide haben es immerhin unter die besten Acht der Welt gebracht. Dafür gibt es ein olympisches Diplom. Ein schwacher Trost. Diplomierte olympischer Verlierer.

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