Rad
Doppel-Weltmeister Peter Sagan: Artist, Clown – und ein verdammt guter Rennfahrer

Doppel-Weltmeister Peter Sagan ist die schillerndeste Figur im oft verbissenen Radbusiness und einer der erfolgreichsten Profis – auch an der Tour de Suisse.

Marcel Kuchta, Bern
Drucken
Teilen
Peter Sagan ist die schillerndeste Figur im oft verbissenen Radbusiness.

Peter Sagan ist die schillerndeste Figur im oft verbissenen Radbusiness.

Keystone

Inzwischen schaut er wieder ganz adrett aus. Die Haare hören im Nacken auf. Der Bart ist weg. Peter Sagan hat sich im Frühling von seinem extravaganten Look getrennt. Noch im Februar sah er mit seinen schulterlangen Haaren und seinem Zottelbart wie ein Abgesandter der slowakischen Heavy-Metal-Freunde aus, aber nicht wie einer der erfolgreichsten Radprofis der Welt.

Mags gerne mal exzentrisch: Peter Sagan zusammen mit seiner Frau Katarina im vergangenen Oktober vor der Gala des Welt-Radsportverbands in Doha.keystone

Mags gerne mal exzentrisch: Peter Sagan zusammen mit seiner Frau Katarina im vergangenen Oktober vor der Gala des Welt-Radsportverbands in Doha.keystone

KEYSTONE

Bei der Gala des Welt-Radsportverbandes UCI im vergangenen Oktober tauchte er in Doha an der Seite seiner Frau Katarina eingekleidet in Hut, Anzug, Hochwasserhosen, roten Socken und Turnschuhen auf – kombiniert mit seiner Haarpracht. Ja: Peter Sagan ist eine schillernde Figur. Der slowakische Doppelweltmeister sticht in der mitunter verbissenen Radsportszene mit seiner exzentrischen Ader heraus. Man stelle sich vor: Im Februar 2016 bestritt er die ersten Rennen der Saison sogar mit unrasierten Beinen. Schon fast ein Sakrileg für einen Radprofi.

Lachen über sich selber

Diese Begebenheit beschreibt die Persönlichkeit von Peter Sagan aber am besten. Er ist kein Mensch, der sich, das Leben und das Rad-Business allzu ernst nimmt. In Zilina, seiner Heimatstadt in der Slowakei, wird seit einigen Jahren ein satirisches Theaterstück aufgeführt, welches zu seinen Ehren geschrieben wurde. «Tourminator» heisst es – in Anlehnung an seine inzwischen fünf Siege der Tour-de-France-Punktewertung – und ist gespickt mit Anekdoten, die allesamt auf Kosten Sagans gehen. Als er bei der Premiere im Saal anwesend war, lachte er von allen Zuschauern am lautesten über die bisweilen grenzwertigen Witze.

Im Netz kursieren unzählige Videos, auf welchen die ausgezeichneten Fahrkünste des 27-Jährigen zu bestaunen sind. Sagan fuhr zunächst Mountainbike und lernte dort den perfekten Umgang mit dem Zweirad. Es gibt keinen anderen Profi im Fahrerfeld, der sein Arbeitsgerät auch nur annähernd so gut beherrscht wie der Slowake. Er ist ein eigentlicher Artist, der auch im Zirkus auftreten könnte. Sein Jugendtrainer Peter Zanicky sagte einst: «Bei ihm bildet das Rad faktisch eine Einheit mit dem Körper.»

Peter Sagan ist Artist, Clown – aber auch ein verdammt guter Rennfahrer. Zanicky hat hautnah miterlebt, wie sich der schmächtige Jüngling langsam zum Siegfahrer entwickelte. Und lernte auch die Ecken und Kanten seines Schützlings kennen. Ein Trainingsweltmeister war er noch nie und wird er wohl auch nicht mehr werden. «Er macht alles nach Gefühl. Man muss ihm nicht mit Watt-Messungen oder Trainingseinheiten kommen. Er sieht den Sinn nicht darin», erklärt Zanicky, wie Peter Sagan tickt.

Aber wie kann ein Fahrer, der seine Ausfahrten lieber mal abkürzt, als dass er sie verlängert, schon über 100 Profi-Siege auf seinem Konto haben? Sagan sagt von sich selber, dass er besser leiden könne als seine Mitkonkurrenten. Dazu kommt sein unbedingter Siegeswille. Nach einer Niederlage kann es lange gehen, bis er sich beruhigt hat. Dabei leidet auch schon mal das Mobiliar des Hotelzimmers.

Peter Sagan ist in seiner Heimat, der Slowakei, längst ein absoluter Superstar.

Peter Sagan ist in seiner Heimat, der Slowakei, längst ein absoluter Superstar.

Keystone

Superstar in der Heimat

Peter Sagan ist in seiner Heimat längst ein absoluter Superstar. In der Slowakei kann er sich nicht mehr frei bewegen. Sein Manager Matej Vysna sagt: «Es ist schwierig für ihn, mit diesem Druck umzugehen. Wo auch immer er auftaucht, wird er verfolgt von den Medien und von Fans. Viele Einrichtungen wollen ihn für karitative Zwecke verpflichten.» Kein Wunder, verbringt Sagan nur eine Handvoll Wochen in Zilina, obwohl er seine Familie gerne mehr besuchen würde. Der Doppel-Weltmeister wohnt inzwischen in Monaco und schätzt die Anonymität des Steuerparadieses an der Côte d’Azur.

Mit einem geschätzten Jahresgehalt von über 5 Millionen Schweizer Franken gehört Peter Sagan zu den absoluten Spitzenverdienern im Peloton. Sein Deutsches Team «Bora-Hansgrohe», ein Küchenhersteller, hat den Star der Szene für drei Jahre unter Vertrag genommen. Im Wissen, dass es kaum einen Fahrer gibt, der öffentlichkeitswirksamer ist. Der Slowake wird trotzdem hermetisch abgeschottet. Interviews gibt der Mann, der inzwischen recht gut Englisch spricht, nur ganz selten. Er lässt lieber seine Leistungen auf der Strasse für sich sprechen. Oder sein bisweilen extravagantes Aussehen.