Doping
Dopingskandale: Täglich ein Verdacht, aber fast nie ein positiver Fall

Im Anti-Doping-Labor in Seoul wird die Rekordzahl von insgesamt 2500 Proben (1800 Urin- und 700 Blutproben) der Olympia-Athleten ausgewertet. Nach den vielen Schlagzeilen rund um Doping in den vergangenen Wochen lohnt sich ein etwas genauerer Blick auf die Arbeit der Fachleute.

Rainer Sommerhalder
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Im Doping gibt es täglich neue Fälle, doch werden nur selten positive Resultate gemeldet

Im Doping gibt es täglich neue Fälle, doch werden nur selten positive Resultate gemeldet

KEYSTONE/AP/MATT DUNHAM

Namentlich will niemand mit uns über die Abläufe und Erkenntnisse der Anti-Doping-Arbeit bei den Winterspielen sprechen. Zu heikel sei die derzeitige Situation, zu angespannt die Nerven der verantwortlichen Personen.

Wir finden dennoch eine kompetente Auskunftsperson, die uns einen Einblick gewährt. In drei Schichten mit je rund 35 Personen werden die Tests im Labor rund um die Uhr ausgewertet. Vom Test des Athleten bis zum Ergebnis dauert es in der Regel 24 Stunden, je nach Resultat oder Komplexität der Analyse bei einigen Proben auch 48 Stunden.

Neu eine doppelte Sicherung

Nach den Enthüllungen, dass die neuen Dopingproben-Flaschen des Schweizer Herstellers Berlinger auch von Laien geöffnet werden können, setzt man bei Olympia auf die gleichen Fläschchen wie schon in Rio 2016. Um eine mögliche Manipulation so gut wie auszuschliessen, werden die Proben nun in einen weiteren abschliessbaren Behälter gesteckt, der wie auch die Probe selber plombiert wird.

Vier Supervisor der Medizinischen Kommission im IOC, die sogenannte «Games Group», überwachen die Abläufe im Labor. Diese Experten werden auch zurate gezogen, wenn Tests unklar oder interpretierbar sind. Im Schnitt ein Test pro Tag weist ein auffälliges Ergebnis auf. Wobei auch heute – wie schon vor zehn Jahren bei den in die Schlagzeilen geratenen Langläufern – ein Verdachtsmoment noch lange keinen wissenschaftlich und juristisch eindeutigen positiven Befund ergibt.

Der Unterschied ist, dass man jetzt viel mehr und viel komplexere Substanzen testen kann, die ungleich präziseren Messmethoden hat und seit der Einführung des biologischen Athletenpasses auch über mehr Möglichkeiten für individuelle Interpretationen der Ergebnisse verfügt.

Bei Verdacht nochmals testen

Können die Experten eine Auffälligkeit nicht eindeutig klären, werden weitere Massnahmen und Abklärungen ergriffen. Oft wird der Athlet dann nochmals getestet, um die Ergebnisse auf Unterschiede zu prüfen. Illusionen darf sich niemand machen. Die Erfahrung zeigt, dass kaum ein Athlet bei Olympischen Spielen direkt des Dopings überführt wird.

Am erfolgversprechendsten sind – neben einem potenten Whistleblower wie im Fall von Sotschi 2014 – die sogenannten Nachtests bis maximal zehn Jahre im Anschluss an einen Wettkampf. Allerdings gibt es auch hier gewaltige Unterschiede. Während bei den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking und 2012 in London total 113 Betrüger nachträglich aufflogen, wurde bei den Winterspielen 2010 in Vancouver eine einzige Athletin – die slowenische Biathletin Teja Gregorin – erwischt.

Deshalb zu glauben, Wintersportler seien «sauberer», wäre naiv. Der Grund liegt in der Nachweismethode. Während man in jüngster Vergangenheit beim Nachweis von anabolen Steroiden grosse Fortschritte gemacht hat und die Einnahme nun nicht mehr nur nach Tagen, sondern auch noch nach Monaten entdeckt, ist bei der Einnahme von EPO eine Woche derzeit das höchste aller Gefühle für die Wissenschafter im Labor.

Anabolika werden primär im Kraftbereich eingesetzt, EPO und Blutdoping bei den Ausdauersportlern. Die in Peking und London nachträglich überführten Sportler kamen zum grössten Teil aus dem Kraftbereich. Ein neckisches Detail am Rande: Für den Quantensprung bei der Entdeckung von anabolen Steroiden ist der Russe Grigori Rodtschenkow verantwortlich.