Doping

Dopingjäger Travis Tygart über seine Arbeit: «Wir lassen uns nicht von Hass-Mails beeinflussen»

Travis Tygart fungiert als Chef der US-Antidoping- Behörde und überführte einst Lance Armstrong.

Travis Tygart ist Chef der US-Antidoping-Behörde – und seit dem Fall von Lance Armstrong eine Ikone im Kampf für sauberen Sport. Im Interview spricht er über seinen täglichen Antrieb, den Umgang mit den negativen Seiten seiner Arbeit und die Rolle der sauberen Athleten.

Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Der 48-jährige Travis Tygart ist einer der lautesten Kritiker, wie die Sportwelt mit dem russischen Dopingskandal verfährt. Der Jurist ist seit 2007 CEO der US-Antidoping-Behörde (Usada) und in der Szeneeine Lichtgestalt.

Er hat den siebenfachen Tour-de-France-Sieger Lance Armstrong als Betrüger entlarvt. Aber längst nicht alle haben Tygart dafür applaudiert. Schliesslich war Armstrong eine Ikone des Radsports.

Der Dopingjäger bekam viele Hass-Mails, drei Todesdrohungen und Armstrong versuchte, seine Untersuchungen vor Gericht zu stoppen. Doch Travis Tygart blieb standhaft und am Ende erfolgreich.

Seit Sie Lance Armstrong überführt haben, sind Sie so etwas wie der Rockstar unter den Dopingjägern?

Travis Tygart: Oh mein Gott, nein! Überhaupt nicht. Saubere Athleten sind die Rockstars im Kampf gegen Doping. Ich versuche nur, sie darin zu unterstützen, den richtigen Weg zu wählen.

Aber Sie sind einer der wenigen, die sich nicht fürchten, ihre Meinung laut und deutlich kundzutun?

Es gibt nichts, vor dem man Angst haben muss, wenn es einen klaren Grund für eine Aussage gibt. Man sollte nicht aus Eigeninteresse reden oder um in der Welt der Sportpolitik zu gefallen. Mein Job ist es, den sauberen Athleten zu dienen. Das ist im Grunde eine ziemlich eindeutige Aufgabe. Wir brauchen dafür Menschen, die klar und ehrlich reden. Wir können in diesem Kampf zwar verschiedener Meinung sein, aber wir sollten stets wissen, wer dafür und wer dagegen kämpft. Ich bin privilegiert, die Pflicht zu haben, für einen fairen Sport zu arbeiten. Auch wenn es manchmal hart sein kann.

Ihre klaren Worte kommen wohl nicht überall gut an?

Sie kommen meistens bei Leuten nicht gut an, die etwas zu verstecken haben oder sich vor der Wahrheit fürchten. Diese arbeiten aus einer Position der Angst und nicht des Vertrauens. Ich bin grundsätzlich optimistisch für einen sauberen Sport. Ich denke, der Wandel weht zurzeit mit der Stärke eines Wirbelsturms durch das ganze Antidoping-System. Athleten mobilisieren wie noch nie, ihre Stimme wird von der Öffentlichkeit und von Regierungen gehört. Zivile Behörden und die Strafverfolgung greifen immer stärker ein, wir wählen in diesem Herbst einen neuen Präsidenten der Welt-Antidoping-Agentur Wada. Es ist gerade eine ziemlich aufregende Zeit. Ich bin wirklich ermutigt.

Aber Ihre Ferien verbringen Sie trotzdem noch nicht in Russland?

Die US-Antidoping-Behörde arbeitet mit der neu formierten russischen Behörde zusammen bei unserem neuen UFC-Programm im Bereich des Mix Martial Arts (die UFC – Ultimate Fighting Championship – ist eine Vollkontakt-Kampfsport-Organisation; die Red.). Wir führen dazu auch in Russland mit Unterstützung der russischen Antidopingagentur Rusada Dopingtests durch. Es ist eine hervorragende Zusammenarbeit. Die Rusada hat mich bei dieser Gelegenheit auch eingeladen. Aber mir wurde von unserer Regierung geraten, nicht nach Russland zu reisen.

Sie kritisieren nicht nur Russland, sondern auch die Wada. Was werfen Sie der Welt-Antidoping-Agentur vor?

Ich kritisiere sie seit mehr als einem Jahrzehnt und nicht erst seit dem Fall von Russland. Ich sehe einen Mangel an Unabhängigkeit und Kontrollprozessen. Wer untersucht, darf kein Interesse am Ergebnis haben. Das muss konsequent so gehandhabt werden. Aber ich sehe immer wieder das gleiche Muster: Man kann nicht gleichzeitig Sport-Promoter und Sport-Regulator sein. Die Erfahrung lehrt uns, dass der beste Regulator unabhängig von finanziellen Interessen im Sport ist.

Was lief im Fall des russischen Staatsdopings falsch?

Zuerst einmal ist es grossartig, dass Whistleblower einer Organisation wie der Wada vertraut haben und ihr Informationen über systematisches Doping übergeben haben. Doch die Reaktion darauf war sehr träge. Während des gesamten Prozesses hätten Dinge aus Sicht der sauberen Athleten viel schneller und besser gemacht werden können. Man behandelte den Fall leider aus der Sicht der Verwalter im Sport und berücksichtigte vor allem deren Interessen. Nun geht es aber darum, was mit den Daten aus dem Moskauer Labor passiert und was wir tun müssen, damit so etwas nicht mehr geschieht.

Welche Lehren muss man ziehen?

Solange wir Angst davor haben, eine ehrliche Debatte darüber zu führen, was wir anders hätten machen können, werden wir uns nicht schnell genug für die Zukunft verbessern. Wir wissen, dass es da draussen Athleten, Trainer und Ärzte gibt, die sehr kreativ darin sind, das Antidoping-System zu umgehen. Also brauchen wir echte Diskussionen, wie wir das System besser machen können. Dazu gehört, darauf zu schauen, wie wir auf grosse Dopingskandale reagiert haben, wie wir damit umgegangen sind und ob unsere Anstrengungen etwas verändert haben. Wir haben ein Schild in unserem Büro. Darauf steht: Du wirst am Status quo sterben! Wir müssen den Athleten das Vertrauen zurückgeben, dass sich der Kampf gegen Doping Tag für Tag verbessert.

Sie gehören zu jenen, die den Athleten eine stärkere Position geben wollen?

Die harte Arbeit, die Athleten jeden Tag leisten, hat keinen Zweck, wenn sie von jemandem betrogen werden. Die Art, wie Sportler derzeit mobilisieren, ist fantastisch. Sie informieren sich über die Probleme und vernetzen sich weltweit. Es ist derzeit ein Kräftemessen zwischen den Athleten und den Sportfunktionären. Diese haben heute noch die Macht, weil viel Geld in ihre Organisationen fliesst. Aber egal, ob es der Skandal des sexuellen Missbrauchs im amerikanischen Kunstturnen oder die Antidoping-Situation mit Russland ist – die Stimme der Athleten wurde viel zu lang nicht in jenem Masse gehört, wie es sein müsste. Was jetzt passiert, ist ein wunderbarer Prozess für den Sport und die Rechte der Athleten.

Der Fall Lance Armstrong brachte Sie ins Scheinwerferlicht der Medien. Was brauchte es vor allem, um Armstrong zu stoppen?

Unser Team bei der US-Antidoping-Behörde hat sich dazu verpflichtet, die Regeln zu überwachen und dafür zu sorgen, dass kein Individuum über den Regeln steht. Egal, ob er Lance Armstrong oder sonst wie heisst.

Viele Leute haben mir gesagt, Sie hätten dazu im besonderen Masse Mut gebraucht. Sind Sie ein mutiger Mensch?

Wenn man im Antidoping-Business arbeitet, kann man kein Sportpolitiker sein. Man muss harte Entscheidungen fällen. Es sind Entscheidungen, die man nicht fällen möchte. Es macht keinen Spass, einen siebenfachen Tour-de-France-Sieger als Betrüger zu überführen. Aber wenn man sich verpflichtet, die sauberen Athleten zu schützen, dann Schande über mich oder unsere Organisation, wenn man die Betrüger nicht konsequent erwischen will. Wir tun unseren Job nicht, wenn wir uns von politischem oder medialem Druck, von öffentlichen Meinungen oder von Hass-Mails beeinflussen lassen.

Denken Sie, dass Betrüger vom Sportsystem auch heute noch geschützt werden?

Ja, ich glaube, dass dies nach wie vor geschieht. Wenn du ein Sport-Promoter bist, dann ist es ziemlich einfach, das Falsche zu rechtfertigen.

Auch in Ihrem Land gibt es eine unbefriedigende Situation. In den Profiligen von Eishockey, Basketball, American Football und Baseball wird Doping wie ein Kavaliersdelikt bestraft. Das kann nicht in Ihrem Sinne sein?

Unser Standpunkt ist klar. Der Profisportsollte den Antidoping-Kampf unabhängigvon den wirtschaftlichen Interessen führen und die Ergebnisse transparent machen. Dinge sind schwierig nachzuvollziehen, wenn man die Vergehen nicht kennt. Vier Spiele Sperre für Kiffen mag okay sein, für ein vorsätzliches Betrügen sicher nicht. Wir drängen und unterstützen die Ligen und Spielergewerkschaften, in die richtige Richtung zu gehen. Es gibt durchaus auch positive Entwicklungen, etwa beim Baseball.

Was haben Sie gedacht, als Sie von der Polizei-Razzia an der Langlauf-WM gehört haben?

Die grösste Bedrohung im Kampf gegen Doping ist Teilnahmslosigkeit beim Publikum und den Behörden. Und hier sehen wir genau das Gegenteil davon. Das ist ein grossartiges Zeichen für unsere Arbeit. Wir sehen Strafverfolger wie in Österreich und Deutschland, die ihre Aktivitäten gegenüber diesem organisierten Betrug verstärken. Auch in den USA verstärken die Behörden mit dem Rodtschenkow-Antidopinggesetz ihr Engagement. Wir brauchen diese gesetzlichen Strafen für jene, die Doping organisieren.

Aber die grossen Sportorganisationen sind lautstark gegen diese neuen Antidoping-Gesetze.

Ja, natürlich. Sie wollen den Sport kontrollieren. Und sie werden nervös, wenn Regierungen die Absicht zeigen, dafür zu sorgen, dass der Sport sauber wird. Weil es die schmutzige Seite des Sports offenbart. Die Sportorganisationen sind nicht daran interessiert, dass diese Seite zum Vorschein kommt. Solange niemand merkt, dass saubere Athleten betrogen werden, ist es okay. Diesen Ansatz sehen wir von Sportführern seit Jahren. Das ist genau der Grund, wieso sie keine Rolle spielen dürfen, wenn es darum geht, die Regeln für den Sport zu definieren.

Zurück zur Langlauf-WM. Waren Sie überrascht, dass Athleten so wenige Stunden vor dem Wettkampf Bluttransfusionen vornahmen?

Zwei Dinge erstaunten mich: Dass die Athleten kurz vor dem Start Blut zuführten und es direkt nach dem Wettkampf wieder entnahmen. Das zeigt mir, dass sie sich vor dem Athletenpass fürchten. Er hat das Zeitfenster, in welchem man nicht erwischt wird, stark eingeschränkt. Das zweite sind die Möglichkeiten, welche die zivilen Strafverfolger besitzen, um Athleten auf frischer Tat zu ertappen. Es zeigt die Macht, die sie haben bei der Aufklärungs- und Überwachungsarbeit. Das ist grossartig.

Es gibt zwar immer mehr Dopingkontrollen, aber die Quote der erwischten Sportler bleibt sehr tief. Ist der Spitzensport tatsächlich so sauber oder Ihre Möglichkeiten, Doper zu überführen, so klein?

Man möchte natürlich nicht zu viel hören über tiefe Quoten von positiven Tests. Was ich Ihnen verraten kann: Die Usada bekam im letzten Jahr rund 700 Hinweise zu mutmasslichem Doping. Die Konsequenz daraus waren 144 zielgerichtete Dopingtests. Aus diesen ergaben sich rund 10 Prozent positive Fälle, also eine deutlich höhere Rate als im Durchschnitt der Kontrollen. Es unterstreicht die Wichtigkeit von intelligenten und raffinierten Tests. Sie sind deutlich effizienter als normale Wettkampf- oder Trainingstests. Aber das Problem ist: Wenn man die traditionellen Kontrollen nicht mehr macht, dann fällt die Abschreckung weg. Wir hatten ein solches Beispiel in den Neunzigerjahren im Baseball. Als Konsequenz dopten damals rund 80 Prozent aller Spieler. Es ist also sehr schwierig, den wahren Wert von Dopingkontrollen in Zahlen zu messen.

Was ist der nächste Schritt, der im Kampf gegen Doping passieren muss?

Wir müssen die Möglichkeiten der Strafverfolgung weltweit ausbauen. Aber auch die wissenschaftliche Forschung ist ein Schlüssel, damit die Kontrollen so wirksam wie möglich sind. Und natürlich müssen wir die Athleten ins Boot holen und beteiligen. Denn am Ende des Tages sind sie es, die den Wettkampf austragen. Wir müssen ihnen die Gewissheit geben, dass es für sie keine Option ist, zu betrügen, weil sie mit fairen Mitteln gewinnen können.

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