«Im Fussball gibt es kein Doping.» «Das bringt doch gar nichts im populärsten (Mannschafts-)Sport der Welt.» «König Fussball war immer und wird auch immer dopingfrei sein.»

Das sind Antworten, die Fussballer, Trainer und Funktionäre zum Thema Doping häufig abgeben. Der Fussball blieb tatsächlich von grossen Doping-Skandalen verschont. Bis jetzt. Der Londoner Arzt Mark Bonar soll etwa 150 Top-Athleten mit Doping versorgt haben – darunter auch Fussballer. Diese Enthüllung hat Staub aufgewirbelt in der Welt des Fussballs, die, was Doping betrifft, eine heile zu sein schien.

«Die These, dass Doping im Fussball nichts bringt, würde ich stark bestreiten. Selbstverständlich ist Talent im Fussball notwendig, doch die technische und taktische Komponente sind nur zwei Zusatzfaktoren. Aber Fussballer sind, wie andere Athleten auch, auf Faktoren wie Erholung und Ausdauer angewiesen», sagt Marco Steiner, stv. Direktor von Antidoping Schweiz. Ihm zufolge verdient der Fussball keinen Sonderstatus: «Fussball ist genauso ein Sport wie andere Sportarten auch. Damit stehen auch Fussballern alle Techniken und Möglichkeiten offen.»

1990: Diego Maradona wird positiv auf Kokain getestet und für 15 Monate gesperrt. 1994: An der WM in den USA wird Diego Maradona das Aufputschmittel Ephedrin nachgewiesen. Er wird erneut für 15 Monate gesperrt und fliegt aus der Nationalmannschaft.

Diego Maradona

1990: Diego Maradona wird positiv auf Kokain getestet und für 15 Monate gesperrt. 1994: An der WM in den USA wird Diego Maradona das Aufputschmittel Ephedrin nachgewiesen. Er wird erneut für 15 Monate gesperrt und fliegt aus der Nationalmannschaft.

In der Tat wäre es naiv zu glauben, im Fussball käme es nur auf Talent an. Die Anforderungen an Fussballer in den Bereichen Regeneration, Heilung von Verletzungen, Muskelaufbau, Ausdauer und kognitive Fähigkeiten sind dieselben wie für andere Athleten. Ohne hier nachzuhelfen, wäre ein professioneller Saisonbetrieb nicht möglich. Nachhelfen kann man durchaus auf erlaubtem Weg, zum Beispiel durch Nahrungsergänzung. «Wir versuchen vor allem in der Regeneration alle Möglichkeiten auszureizen. Diese beinhalten genügend Schlaf, Kältebäder nach dem Spiel, Saunabesuche etc. Medikamentös machen wir nicht viel, allenfalls individuelle Nahrungsergänzungsmittel. Bei Schmerzmitteln vermute ich eine Dunkelziffer, die gängigen Entzündungshemmer stehen aber nicht auf der Dopingliste», sagt Dr. Stefan Sannwald, Mannschaftsarzt des FC Zürich. 

Doch warum sich konsequent auf den legalen Bereich beschränken? Fussballer sind nicht wie von Zauberhand immun gegen Dopingmittel. Steroide beispielsweise helfen jedem Athleten bei Muskelaufbau und Regeneration. EPO erhöht auch im Körper eines Fussballers die Anzahl roter Blutkörperchen und stärkt damit die Ausdauer. Partys und Drogenexzesse kommen in der Fussballszene vor; Drogen wie Cannabis und Kokain gelten als Doping. So geschehen beim ersten Dopingfall im Schweizer Fussball: 1995 wurde der damalige Aarau-, Kriens- und Zug-Stürmer Frank Triebold positiv auf Kokain getestet. Der Blick zurück zeigt, dass die Weste des Fussballs nicht so weiss ist, wie man annehmen möchte.

2001: Der Niederländische Kult-Spieler Edgar Davids wird gesperrt, nachdem man in seinen Proben Spuren des anabolen Steroids Nandrolon findet.

Edgar Davids

2001: Der Niederländische Kult-Spieler Edgar Davids wird gesperrt, nachdem man in seinen Proben Spuren des anabolen Steroids Nandrolon findet.

Diverse Fussballstars wie Diego Maradona, Pep Guardiola und Adrian Mutu wurden schon positiv getestet. Es ranken sich auch Gerüchte um den Einsatz heute verbotener Mittel beim Wunder von Bern 1954. Angeblich fand man leere Ampullen von Pervitin, einem Mittel, das Soldaten im Krieg die Angst nahm, in der Kabine von Weltmeister Deutschland – aber in diesem Fall fehlen Beweise. Und ohne Beweise gilt in einem Rechtsstaat die Unschuldsvermutung.

Die Schweiz ist nicht dopingfrei

Doch wie sieht es in der Schweiz aus? Von 2005 bis 2015 wurden hierzulande nur vier Fussballer des Dopings überführt. Doch wie aussagekräftig sind diese Zahlen? Gemäss dem Jahresbericht von Antidoping Schweiz für 2015 entfielen von total 1948 eigenen Urinkontrollen 172 auf den Fussball – das sind lediglich 8,8 Prozent. Für Steiner ist auch hier keine Sonderstellung nötig: «Man muss die Gesamtzahl der Disziplinen, in denen wir kontrollieren können respektive müssen (92 im Jahr 2015, d. Red.), beachten.

2001: Der Barca-Spieler Frank de Boer wird wegen Nandrolon des Dopings überführt.

Frank de Boer

2001: Der Barca-Spieler Frank de Boer wird wegen Nandrolon des Dopings überführt.

Damit ist der Prozentsatz des Fussballs ausreichend.» Es wäre wünschenswert, jeden Athleten stetig kontrollieren zu können, doch das bleibt durch fehlende finanzielle Mittel eine Utopie. Und doch fällt auf, dass im Fussball keine Bluttests durchgeführt wurden. Laut Steiner hat dies zwei Gründe: «Erstens kann man im Urin viel mehr direkt nachweisen als im Blut. Zweitens entscheidet sich Antidoping Schweiz vornehmlich, aber nicht ausschliesslich aus finanziellen Gründen für Urin- statt Blutkontrollen im Fussball und anderen Nicht-Ausdauer-Sportarten.»

Die vier Fälle beweisen, dass zumindest in Einzelfällen gedopt wird. Es bleibt zu beachten, dass es sich hier um den Schweizer Fussball handelt. Die Qualität, die Intensität und die finanziellen Dimensionen sind geringer als in anderen europäischen Ligen. Folglich sind Schweizer Fälle gravierender zu werten, als sie im ersten Moment scheinen. Man muss sich fragen, wie hoch die Resultate ausfielen, würde die Kontrolldichte durch mehr Kontrollen und zusätzliche Bluttests erhöht. Ist der Schweizer Fussball wirklich sauber oder sind die Kontrollmöglichkeiten schlicht ungenügend? «Das kann man abschliessend nicht sagen. Was definitiv ungenügend ist, ist die Kontrolldichte. Doch das ist kein fussballspezifisches Problem», sagt Steiner.

2004: Juve-Teamarzt Riccardo Agricola wird zu 22 Monaten Haft verurteilt. Er hatte seine Mannschaft zwischen 1994 und 1998 systematisch mit EPO gedopt. Juventus Turin gewann 1996 die Champions League.

Riccardo Agricola

2004: Juve-Teamarzt Riccardo Agricola wird zu 22 Monaten Haft verurteilt. Er hatte seine Mannschaft zwischen 1994 und 1998 systematisch mit EPO gedopt. Juventus Turin gewann 1996 die Champions League.

Als Mediziner sieht Sannwald die Zusammenarbeit von Spielern und Ärzten als Schlüssel: «Die Spieler werden von uns Ärzten individuell beraten. Sportler sind letztlich selber verantwortlich für ihr Tun. Bei verordneten Medikamenten, die auf der Dopingliste stehen, ist der Arzt aber mitverantwortlich. Durch Rücksprache über alles, was ein Spieler einnimmt, minimieren wir das Risiko unbewussten Dopings.»

Er hält den Schweizer Fussball für sauber: «Ich denke, der Fussball ist weitestgehend sauber, ja. Es wird von den Antidoping-Agenturen nicht mehr gemacht als nötig. Aber sie können ja nicht auf fussballerisches Talent testen, daher verstehe ich das», verteidigt er seinen Sport mit den gewohnten Worten der Fussball-Szene. Die Uefa hat im Hinblick auf die EM intensivierte Kontrollen angekündigt: Vereinbarungen wurden mit Antidoping-Agenturen aus 23 Staaten, darunter die Schweiz, unterzeichnet. Die Zusammenarbeit soll Koordination und Datenaustausch verbessern. Man darf auf die Resultate dieses Projekts gespannt sein.

Droht dem Fussball Entzauberung?

Sollte einmal ein flächendeckender Doping-Skandal ans Licht kommen, er würde das Image des Fussballs im Herzen treffen. Doch würde er ihn entzaubern? Für Steiner ist der Fussball bereits geschädigt: «Wer sich mit der Thematik auseinandersetzt, wird feststellen, dass Fussball im historischen und weltweiten Vergleich bereits viele Dopingfälle aufweist. Da kann auch Sepp Blatter nicht behaupten, der Fussball sei dopingfrei. Von Entzauberung kann keine Rede sein.»

2003: Adrian Mutu, damals beim FC Chelsea unter Vertrag, wird für Kokainkonsum sieben Monate gesperrt. 2010: Mutu wird zum Wiederholungstäter. Der Rumäne wird positiv auf Sibutramin getestet und neun Monate gesperrt.

Adrian Mutu

2003: Adrian Mutu, damals beim FC Chelsea unter Vertrag, wird für Kokainkonsum sieben Monate gesperrt. 2010: Mutu wird zum Wiederholungstäter. Der Rumäne wird positiv auf Sibutramin getestet und neun Monate gesperrt.

Blatter verkündete nach der WM 2010, die keinen Dopingfall vorwies: «Wir sollten nicht mehr über Doping im Fussball sprechen.» Ein vorschneller Schluss? Die Kontrollen an besagter WM führte keine unabhängige Organisation, sondern die Fifa selbst durch. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Auch Sannwald traut den Resultaten nicht vollends: «Man sollte immer eine externe Kontrollstelle testen lassen. Wie in der Schweiz.» Vielleicht will der Fan lieber mit einer Illusion leben, als seinen Sport entzaubern zu lassen. Wer stets mit seinem Team mitfiebert und nach dem entscheidenden Tor Freudentränen vergiesst, würde das wohl auch trotz Wissen über Dopingfälle tun. Nur mit einer unbequemen Wahrheit im Hinterkopf. Aber das tun die Anhänger heute schon – die Skandale um Maradona & Co. sind längst bekannt. Doch der Fan kann ja vergeben. Es lebt sich nun mal viel schöner in einer heilen Welt.

2005: Pep Guardiola wird als Spieler von Brescia Calcio verurteilt, als man auch bei ihm Nandrolon nachweist. 2009 spricht die Justiz Guardiola, damals Trainer vom FC Barcelona, von allen Vorwürfen frei.

Pep Guardiola

2005: Pep Guardiola wird als Spieler von Brescia Calcio verurteilt, als man auch bei ihm Nandrolon nachweist. 2009 spricht die Justiz Guardiola, damals Trainer vom FC Barcelona, von allen Vorwürfen frei.