Passive Funktionäre, bunte Cocktailfusionen, verletzte Pferde: Weit weg vom Rampenlicht hat sich im Distanzreiten – der Marathondisziplin unter den Pferdesportarten – ein Krebsgeschwür ausgebreitet: Doping. Allen voran wuchert es in den arabischen Ländern. «Die Zustände sind nicht haltbar», sagt Juliette Mallison. Die deutsche Tierärztin war vor einem halben Jahr bei einem Distanzrennen in Dubai vor Ort. Was sie sah und was auch andere Insider bestätigen, ist schockierend.

Pferde, die während des Rennens, trotz striktem Behandlungsverbot, an den Tropf gehängt werden, erschöpfte Tiere, die vom Reiter ins Ziel geprügelt werden, üble Beinverletzungen. Die traurige Bilanz eines einzigen Renntages: ein kollabiertes und ein totes Pferd und vier Vollblutaraber mit gebrochenen Beinen – was ebenfalls fast einem Todesurteil gleichkommt.

Topfit nach 160 Kilometern

Aber auch in Europa kommt es zu wüsten Szenen. Etwa bei einem Testrennen für die Weltmeisterschaften in England im letzten Jahr. Einem Pferd wurde während des Rennens ein Katheter gesetzt – auch als verschiedene Reiter protestierten, reagierten die Verantwortlichen nicht. Andere Pferde standen am Tag nach dem Rennen topfit im Stall – als hätten sie die 160 Kilometer noch vor sich.

«Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen», ist der Schweizer Distanzreiter Urs Wenger überzeugt. «Unsere gut trainierten Pferde waren müde nach dem Einsatz.» Der 63-Jährige ist ein alter Hase in der Szene – seit Jahrzehnten reitet er mit seinen Araberpferden vorne mit. Doch die Entwicklung in den letzten Jahren lässt ihn an seinem Sport zweifeln. «Die Zustände sind fast schlimmer als im Radrennsport», sagt Wenger. Er sei schockiert über die tierverachtenden Zustände.

Details bleiben unter Verschluss

Laut dem Internationalen Pferdesportverband FEI wurden in den letzten drei Jahren 41 Distanzpferde positiv getestet. Über 80 Prozent der Dopingfälle betrafen Pferde aus den arabischen Staaten. Im Vergleich: Im weit populäreren Springsport, wo zwei Drittel mehr Vierbeiner registriert sind, kam es im gleichen Zeitraum gerade mal zu 29 positiv getesteten Pferden. Hinzu kommt im Distanzsport die zunehmende Zahl verletzter und toter Pferde.

«Diese Statistiken werden von der FEI nicht veröffentlicht», sagt Dominik Burger, Tierarzt der Schweizer Distanzreiterkader. Doch nach Schätzungen von Experten kommt es im Mittleren Osten während der kurzen Rennsaison im Winter zu rund 60 Beinbrüchen. Häufig sind es Ermüdungsbrüche überforderter und schmerzfrei gespritzter Pferde. Anders als in Rennen in Europa führen die Distanzritte in der Wüste über sehr flaches Terrain – das Tempo ist dementsprechend hoch. Die Vierbeiner galoppieren teilweise mit Tempo 25 bis 27 in Rennen über eine Distanz von 160 Kilometern. «Das ist viel zu hoch», so Burger.

Die Präsidentin und der Scheich

Der Schweizer Pferdesportverband hat bei der FEI interveniert: «Wir wollen nicht tatenlos zusehen, wie die Zustände immer schlimmer werden», sagt Präsident Charles Trolliet. Ihm gehe es um den Tierschutz und um die Ethik – aber auch um Fairness. Der Verband fordert von der FEI, unverzüglich Massnahmen gegen Doping und die ungleiche Behandlung der Reiter. Zudem soll eine unabhängige Kommission die Vorfälle untersuchen.

Schon im Herbst 2012 haben der belgische und der französische Verband bei der FEI protestiert, letzten Juni nun auch der holländische. Und verschiedene Tierärzte haben die ernüchternden Rennreporte immer wieder an die FEI weiter geleitet. Gleichwohl räumt der Verband im Dopingsumpf nicht auf. Kein Wunder: FEI-Präsidentin, Prinzessin Haya von Jordanien, ist mit dem Weltmeister 2012 und verurteilten Dopingsünder Mohammed bin Rashid Al Maktoum verheiratet. Der Scheich von Dubai wurde vor drei Jahren gesperrt, nachdem sein Pferd positiv getestet worden war. Und im Mai kam es bei einer Trainingskontrolle in seinem britischen Rennstall Godolphin zu einem riesigen Doping-Skandal: Bei 17 Pferden wurden Anabolika nachgewiesen.

Hinzu kommt: Die arabischen Länder investieren viel Geld in den Pferdesport. Allein für das FEI-Gebäude in Lausanne – ein kleiner Palast mit Fitnessräumen und Spa – liess die Entourage um Prinzessin Haya rund 20 Millionen Franken springen.

Schweizer Druck zeigt Wirkung

Viele Trainer, Funktionäre und Organisatoren sind finanziell von den Arabern abhängig: Allein Scheich Al Maktoum hat neben seinen geschätzt 5000 Galopprennpferden über 700 Distanzpferde rund um den Globus verstreut. «Wer am finanziellen Tropf der Araber und der FEI hängt, der muckt nicht auf», sagt Distanzreiter Wenger.

Prinzessin Haya schweigt – und die FEI spielt die Missstände herunter. Sie unternehme alles, um einen sauberen Pferdesport zu gewährleisten, sagt der Generalsekretär Ingmar de Vos gegenüber der «Nordwestschweiz» (siehe Interview). Doch wohl ist es den Verantwortlichen aufgrund des Drucks aus der Schweiz nicht; morgen Mittwoch wollen sie die Situation analysieren.