Schachtjor Donezk
Donbass Arena in Donezk: Hilfsgüterausgabe statt Fussballtempel

Schachtjor Donezk spielt am Mittwochabend (20.45 Uhr) im Rückspiel der Champions-League-Achtelfinals gegen Bayern München – ein Ausscheiden aus der Königsklasse wäre allerdings noch das kleinste Problem des Klubs, der im Exil spielen muss.

Dean Fuss
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Schweres Kriegsgerät statt Fussballfans: Auch die Donbass Arena in Donezk bleibt von Kampfhandlungen nicht verschont

Schweres Kriegsgerät statt Fussballfans: Auch die Donbass Arena in Donezk bleibt von Kampfhandlungen nicht verschont

KEYSTONE

Vor den Eingängen der Donbass Arena in Donezk bilden sich lange Schlangen. Voller Vorfreude begehren 48 000 Zuschauer Einlass zum Halbfinal der Europameisterschaft 2012 zwischen Portugal und Spanien (2:4 nach Penaltyschiessen). Das prunkvolle Stadion, eines der teuersten in Europa, präsentiert sich an diesem 27. Juni 2012 von seiner besten Seite. Schnitt. Auch zweieinhalb Jahre später stehen die Menschen vor der Donbass Arena Schlange. Sie warten allerdings nicht auf Einlass, sondern auf überlebenswichtige Nahrungsmittel.

Rinat Achmetow, Oligarch und Besitzer des Stadions sowie des ortsansässigen Klubs Schachtjor Donezk, sponsert die Verteilung von Lebensmitteln an Tausende Bedürftige. Der 48-Jährige hilft seinen ostukrainischen Landsleuten, weil die Regierung aus Kiew keine Sozialgelder mehr in den Osten des Landes schickt. Im Herbst war die Donbass Arena durch mehrere Explosionen beschädigt worden. Durch Druckwellen sind dabei Teile der Glasfassade eingestürzt. Die im vereinseigenen Museum ausgestellten Pokale und Exponate wurden an einen sicheren Ort gebracht.

Flucht ins Lemberger Exil

Achmetow selber floh nach Ausbruch der Kampfhandlungen rund um Donezk nach Kiew. Und mit ihm auch die Spieler, Trainer und Betreuer von Schachtjor. Sie leben seither in der ukrainischen Hauptstadt, wo die Mannschaft auf Anlagen des nationalen Fussballverbandes trainiert. Die Heimspiele trägt Schachtjor in Lemberg aus – 1030 Kilometer Luftlinie von der eigentlichen Heimat entfernt. Das fühle sich seltsam an, sagte der rumänische Schachtjor-Trainer Mircea Lucescu, «anders als die Spiele in der Donbass Arena, eher wie auf neutralem Boden».

Bayern München unter Siegzwang

Sieg oder Krise, «hopp oder top», wie es Holger Badstuber mit ernster Miene formulierte: Ein überraschend frühes Aus im Achtelfinal der Champions League hätte für Bayern München weitreichende Folgen. Trainer Pep Guardiola befürchtet sogar «ein grosses Problem»: für den Klub, für die Mannschaft – und für sich selbst. Ein Scheitern im Rückspiel gegen Schachtjor Donezk (heute 20.45 Uhr/live ZDF) «wäre fatal», räumte auch Weltmeister Manuel Neuer ein. Nach dem 0:0 im Hinspiel steht ein allfälliges Ausscheiden des Favoriten immerhin im Raum. Sollten die erfolgsverwöhnten Bayern, die in den vergangenen fünf Jahren dreimal im Final gestanden hatten, tatsächlich erstmals seit vier Jahren wieder in der ersten K.-o.-Runde der Königsklasse scheitern, könnte selbst das Double die Saison nicht mehr retten. (NCH/SID)

Unlängst hat der Klub in Lemberg einen Fanshop eröffnet. Dort wird ein Kalender verkauft, indem auf jedem Monatsblatt ein Spieler handschriftlich bekräftigt: «Wir kehren zurück nach Donezk». Ob viele Exemplare davon allerdings Abnehmer finden, ist fraglich. Denn die Spiele Schachtjors sind in Lemberg trotz massiv reduzierter Preise nur schlecht besucht, Unterstützung von den Zuschauerrängen erhält die «Heimmannschaft» kaum. Vielmehr gellen Pfiffe durchs Stadion, Plakate mit der Aufschrift «Geht nach Noworossija, da seid ihr zu Hause» werden ausgerollt. «Noworossija», Neurussland. So nennt sich der neue Staat, von dem der russische Präsident Wladimir Putin angeblich träumen soll.

Mehrere Klubs im Exil

Dass Schachtjor überhaupt noch in der ukrainischen Premier Liga spielt, ist nicht selbstverständlich. Nach der Krim-Annexion Russlands hat die Liga mit Sewastopol und Simferopol zwei Klubs verloren. Durch die Ausweitung des Konflikts haben neben Schachtjor zwei weitere Donezker Klubs sowie die Vereine aus Mariupol und Lugansk ihre Heimspielstätten verloren. Auch sie führen seither ein Nomadendasein in verschiedenen Stadien des Landes, um noch am Ligabetrieb teilzunehmen.

Schachtjor-Klubbesitzer Achmetow, der durch seine Hilfsaktion für die Bevölkerung Donezks einen sehr positiven Eindruck hinterlässt, ist alles andere als ein Gutmensch. Er erwartet von seinen Angestellten die bedingungslose Gefolgschaft. Als sich im Sommer nach einem Freundschaftsspiel in Frankreich einige der fürstlich entlöhnten Südamerikaner aus Angst weigerten, nach Donezk zurückzukehren, drohte er ihnen mit hohen Bussen.

Dass die Spieler von Schachtjor nun im Exil auflaufen dürfen, hat die Lage etwas beruhigt. Auch wenn sie die Situation in Donezk nicht kalt lässt, dürften Luiz Adriano und Co. froh sein, dass sie heute ein Gastspiel im sicheren München geben dürfen.