Geldsorgen
Dominique Aegerters Hilferuf: «Wenn wir keinen Hauptsponsor finden, verdiene ich keinen Franken»

Dominique Aegerter steht vor seiner schwierigsten Saison – Weil sein Team den Hauptsponsor verloren hat, musste er zusammen mit seinem Manager Robert Siegrist über die Wintermonate die Finanzierung der Saison 2018 stemmen. Er kann Geld und Geist nicht mehr trennen und fährt darum hinterher.

Klaus Zaugg
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Dominique Aegerter plagen Geld-Sorgen.keystone

Dominique Aegerter plagen Geld-Sorgen.keystone

KEYSTONE

Tatort Fahrerlager an der Strecke in Jerez de la Frontera. Die letzten Tests vor dem Saisonstart stehen an. Alle sind mit den Höllenmaschinen da, die sie beim Saisonstart (18. März in Katar) einsetzen werden. Der erste Moment der Wahrheit.

Für Dominique Aegerter ist es eine bittere Wahrheit. Der 27-Jährige hat die bestmögliche Maschine (KTM). Aber er fährt hinterher. Nur Rang 24 an diesem zweiten Testtag. 1,4 Sekunden hinter der Bestzeit. Bitter für einen, der die Erfahrung, das Talent und das Material hat, um in der Moto2-WM um Siege zu fahren.

Das Problem ist ein «weicher» Faktor: Aegerter sagt: «Es wird alles zu viel für mich. Ich bekomme einfach den Kopf nicht frei. Ich werde mich an einen Mentaltrainer wenden.» Deshalb wirkt er wie 10 Jahre gealtert. Aus dem Rock ’n’ Roller, dessen Markenzeichen eine fröhliche Unbekümmertheit war, ist ein nachdenklicher junger Mann geworden.

Nächtelang wachgeblieben

Weil sein Team den Hauptsponsor verloren hat, musste er zusammen mit seinem Manager Robert Siegrist über die Wintermonate die Finanzierung der Saison 2018 stemmen. «Wir haben rund 700 000 Franken des Gesamtbudgets von 1,2 Millionen organisiert», sagt Aegerter. «Wenigstens kann ich wieder schlafen.

Im Dezember und Januar bin ich ganze Nächte wach geblieben. Bis zur letzten Saison war ich einfach nur Fahrer und musste mich um nichts kümmern. Jetzt hängt so vieles an mir, dass ich meinen Bruder Kevin angestellt habe, damit er mir den Rücken freihält.» Aegerter bezeichnet sich als sparsamen Menschen mit bescheidenem Lebensstil. «Ich bin geschockt, wenn ich jetzt sehe, was das alles kostet.»

Trotz Crowdfunding kein Einkommen

Aegerter nimmt eine Liste hervor. Geht Punkt für Punkt durch. Übersee-Flüge, Tests, Hotels, Maschine, Ersatzteile, Mietwagen und so weiter und so fort. Das hat früher alles das Team bezahlt. «Jetzt muss ich dafür mit meinen persönlichen Sponsoren aufkommen.» Auch die 250 000 Franken, die er mit dem erfolgreichsten Crowdfunding der Sportgeschichte eingenommen hat, kommen in den Topf.

Dominique Aegerter kriegt wegen Geldsorgen den Kopf nicht frei.

Dominique Aegerter kriegt wegen Geldsorgen den Kopf nicht frei.

KEYSTONE/EPA AAP/TRACEY NEARMY

«Wenn wir nicht noch einen Hauptsponsor für unser Team finden, dann verdiene ich diese Saison nicht einen Franken.» Statt um Fahrwerkseinstellungen und Linienwahl muss er sich mit Geldfragen beschäftigen. Er kann Geist und Geld nicht mehr trennen.

In der Moto2-WM haben alle die gleichen Motoren, die gleichen Reifen. Nur die Fahrwerke sind unterschiedlich. Das führt zu einer extremen Ausgeglichenheit. Wer den Kopf nicht freibekommt, kann nicht schnell sein. Aber die Erwartungen sind hoch. Zwei KTM-Piloten (Sam Lowes und Iker Leguona) stehen auf der Rangliste nach diesem zweiten Testtag auf den ersten beiden Plätzen. «Das macht es für mich noch schwieriger», sagt Aegerter.

«Nun fragen alle: ‹Was ist los?› Du hast doch auch eine KTM. Dass wir jetzt noch nicht das 2018er-Modell haben, interessiert niemanden.»

Es droht das Karriereende

Aegerter wirkt müde. Und dabei hat die Saison noch nicht einmal richtig angefangen. Den Mut, den Kampfgeist hat er nicht verloren. Aber er ahnt, er weiss, dass er vor seinem schwierigsten Jahr steht. Er muss den letztjährigen WM-Schlussrang (12.) verbessern. Sonst ist seine Karriere nach dieser Saison zu Ende. Dabei hat er die besten fünf Jahre als Rennfahrer noch vor sich.