Motorrad
Dominique Aegerter: «Ich bin vielleicht schon ein wenig abnormal»

Vor zwei Wochen ist Dominique Aegerter schwer gestürzt. Er zog sich Brüche an den Querfortsätzen von vier Lendenwirbeln und an der Mittelhand zu. Der Motorradfahrer über seinen schweren Sturz, den Weg zurück und warum er nicht normal sein will.

René Weber
Merken
Drucken
Teilen
Im grossen Interview: Dominique Aegerter.

Im grossen Interview: Dominique Aegerter.

KEYSTONE/EPA ANSA/ETTORE FERRARI

Dominique Aegerter, Sie sind dem Tod knapp von der Schippe gesprungen.
Dominique Aegerter: Einer der schwierigsten Momente war, als ich im Spital von Alcaniz geröntgt wurde und man mir sagte, dass etwas im Rücken plus die Hand gebrochen sei. Die Ärzte gaben mir zu verstehen, dass ich vorerst keine Rennen mehr fahren könne. In diesem Augenblick bin ich in Tränen ausgebrochen. Bereits zwei Wochen zuvor war ich ohne eigenes Verschulden gestürzt. Das ist nicht einfach, zu verstehen. Wenn ich meine Kollegen nun in Japan fahren sehe, zerreisst mich das innerlich.
Hätten Sie in Spanien nicht alle Schutzengel dieser Welt gehabt, würden Sie heute im Rollstuhl sitzen.
Jede Sportart, bei der man sich einen Helm aufsetzt, ist mit einem Risiko verbunden. Wenn ich an den nächsten Sturz denken würde, könnte ich nur noch mit 80 Prozent fahren. Dann könnte ich gleich aufhören.

Sie wurden beim GP in Aragon vom Belgier Xavier Simeon am Hinterrad touchiert, prallten auf den Asphalt
und blieben im Kiesbett liegen. Können Sie sich an die Details erinnern?
Ich weiss alles vom Sturz. In der Schikane spürte ich, dass mich jemand berührte. Sekunden später lag ich im Kiesbett. Im ersten Moment bekam ich keine Luft. Das war ziemlich schlimm. Kurz darauf sah ich, dass das Rennen abgebrochen war. Ich dachte sofort an den Neustart und dass ich aufstehen muss.

Sie haben in diesem Augenblick zur Strecke geschaut?
Nein, ich erfuhr es vom Medical-Staff, der sich um mich kümmerte. Gleichzeitig hatte ich aber ziemliche Schmerzen in der Brust und im Rücken. Ich konnte mich nicht bewegen. Da wusste ich, dass etwas Schlimmeres passiert war. Die Zeit, bis man mir die Halskrause angelegt hatte und ich ins Krankenauto geschoben wurde, schien mir unendlich lange.

Tausend Gedanken müssen Ihnen in diesem Moment gekommen sein.
Zum Glück spürte ich meine Beine. Das war für mich wichtig. Als mir die Ärzte später im Spital zu erklären versuchten, dass die Hand und der Querfortsatz der Lendenwirbel L1 bis L4 gebrochen waren, konnte ich das nicht einordnen. Die Verständigung war schwierig. Es war hart, mich nicht mit ihnen unterhalten zu können. Weder meine Familie noch mein Manager waren am Rennen dabei. Ich war auf mich allein gestellt. Umso grösser war die Erleichterung, als am Tag darauf die Rega-Ärzte eintrafen und mir auf Berndeutsch meine Verletzungen erklären konnten.

Sie wurden zu weiteren Abklärungen ins Paraplegikerzentrum nach Nottwil überführt. Hatten Sie Angst?
Ich habe das irgendwie verdrängt. Die Prognosen waren positiv. Vielleicht war ich deshalb entspannt. Es waren trotzdem keine einfachen Stunden. Die eine oder andere Träne ist geflossen. Der erste Eindruck, wenn du in Nottwil ankommst und die Leute in den Rollstühlen siehst, war sehr hart. Die Ärzte teilten mir zum Glück schnell mit, dass eine Operation nicht nötig sei und ich keine bleibenden Schäden davontrage. Es braucht für die Heilung nun einfach vier bis sechs Wochen, ehe ich wieder aufs Motorrad steigen darf.

Sie sprechen von der Rückkehr aufs Motorrad. Wollen Sie so das Geschehene verdrängen?
Vielleicht, ja. Töfffahren ist mein Leben. Ich will so schnell wie möglich zurück, das Adrenalin und die Geschwindigkeit wieder spüren. Klar, dafür braucht es die Heilung. Der Rücken muss ziemlich zusammengewachsen sein, bis es so weit ist. Ich werde nur fahren, wenn ich den Töff beherrsche. Um für das letzte Rennen in Valencia in vier Wochen zurückkehren zu können, muss ich Kraft und Schmerzen beherrschen.

Diese Chancen sind nicht sehr gross.
Das mit dem Rücken werde ich hinbekommen. Das Problem ist die rechte Hand. Es ist ein Durchbruch (überlegt). Ich will schnell in mein normales Leben zurückkehren. Trotzdem werde ich, wenn das Risiko zu gross ist, Valencia auslassen. Vorerst werde ich aber alles dafür tun, um dort an den Start gehen zu können.

Können Sie verstehen, dass Leute Ihre Absichten als «verrückt» bezeichnen?
Man braucht als Motorradpilot das gewisse Talent, und man muss für seinen Sport vieles opfern. Das Business ist umkämpft. Normale Menschen können das nicht verstehen. Sie können einfach nicht so viel Gas geben wie wir «Abnormalen».

Sie bezeichnen sich als «Abnormalen»?
Wenn ich auf dem Motorrad sitze, bin ich vielleicht schon ein wenig abnormal. Das jemandem zu erklären, der nie selber Rennen gefahren ist, ist schwierig. Ich bin damit aufgewachsen. «Ellböglen» bei 200 Stundenkilometern ist für mich nichts Spezielles (überlegt). Golfen ist vielleicht genauso gefährlich, wenn man es nicht kann. Ich weiss es nicht.

Haben Sie sich den Unfall angeschaut?
Mehrfach, ja. Verarbeitet ist der Sturz schon lange. Leider sieht man auf den TV-Bildern kaum etwas. Ich habe in den letzten Tagen sogar recherchiert – erfolglos. Die Hoffnung, ein Bild zu finden, das den Moment meines Aufpralls zeigt, habe ich noch nicht aufgegeben. Es wäre gut, zu sehen, wie ich aufgeschlagen bin. Das interessiert mich.

Sie sind in den sozialen Medien sehr aktiv. Hilft das bei der Verarbeitung?
Ich weiss nicht, wie viele tausend Mails und sonstige Meldungen ich erhalten habe. Via Social Media kann ich meine Fans informieren, dass es aufwärtsgeht. Es lenkt mich gleichzeitig ab. Ich bin hier in Bad Ragaz gut aufgehoben, erziele jeden Tag Fortschritte. Dass ich im Internet aktiv bin, liegt aber auch daran, dass ich im Moment mehr als genügend Zeit dafür habe. Ausser der Therapie und leichtem Training im Kraftraum kann ich nicht viel machen. Also drücke ich mit der linken Hand halt auf dem Natel herum (lacht).

Das Lachen ist ebenfalls zurück.
So bin ich halt. Ich kann an der Sache nichts ändern. Mir bleibt nichts anderes übrig, als jede Art von Therapie und jeden Hokuspokus mitzumachen, damit ich möglichst schnell wieder zurückkehren kann. Es ist das erste Mal in meiner Karriere, dass ich bei einem Rennen fehle. Doch vielleicht bringt mich der Unfall in gewissen Punkten am Ende sogar weiter.

Unfallverursacher Xavier Simeon hat Sie im Spital besucht und sich entschuldigt. Ist die Sache damit erledigt?
Ich habe noch nie einen Konkurrenten abgeschossen. So etwas macht hoffentlich niemand bewusst. Ich hoffe, es gibt ihm zu denken, was passiert ist. Jeder Pilot sollte auf diesem Niveau wissen, was er macht. Er ist kein Anfänger. Nachdem ich nun zweimal abgeschossen worden bin, mache ich mir schon Gedanken über das Risiko. Vielleicht sollte man künftig Fahrer, die einen anderen abräumen, bestrafen.

Ihr Freund wird Simeon nicht mehr.
Jedem kann ein Fehler passieren. Ich sage nicht, er sei ein Pajass. Wenn man das eigene Limit aber nicht spürt, dann ist das gefährlich. Sobald ich mein Visier auf der Rennstrecke runterlasse, gibt es nur Gegner. Auch Tom Lüthi, mit dem ich mich gut verstehe, ist während des Rennens kein Freund. Respekt sollte man aber haben.

Der Sturz war die negative Krönung einer enttäuschenden Saison für Sie.
Ich hätte die Saison lieber zwei Plätze weiter hinten, dafür ohne den Sturz beendet. Es ist mir nicht optimal gelaufen. Dafür gibt es Gründe. Wir haben nach dem Wechsel von Suter zu Kalex wegen des schlechten Wetters zu Beginn des Jahres wenig testen können. Dadurch fehlte dem Team die Erfahrung und mir das Gefühl für das Motorrad.

Waren nicht auch die Erwartungen nach Ihrem ersten GP-Sieg in der letzten Saison vielleicht zu hoch?
Den Sieg hat es gebraucht. Ich hatte lange darauf gewartet. Er war für mich eine Erleichterung. Andererseits ist er eine Belastung. Der Druck ist gestiegen. Alle erwarteten, dass ich den Sieg wiederholen könne. Daraus wird nun in diesem Jahr nichts mehr. In der nächsten Saison will ich wieder angreifen. Zuerst muss ich nun aber gesund werden. Wenn ich am Dienstag nach Hause darf, werde ich mich zuerst einige Minuten auf meine Töff-Replika setzen – darauf freue ich mich.