Am Himmel über Rohrbach blieb es am Montag ruhig. Kein Helikopter knatterte über dem Berner Dorf (knapp 1500 Einwohner) im oberen Tal der Langeten. Das war vor drei Jahren im Juli 2014 bei gleichem Anlass noch anders gewesen. Da hatte die Gemeinde nach dem ersten GP-Sieg von Dominique Aegerter (26) eine grosse Party zelebriert. Über 1000 Personen kamen, um den Helden aus dem Dorf zu feiern. Auf Kosten der kommunalen Kasse gab es Freibier und Bratwurst und ein Freund flog den Star des Abends mit dem Helikopter ein.

Dominique Aegerter (r.) lässt nach seinem GP-Sieg in Misano die Korken knallen.

Dominique Aegerter (r.) lässt nach seinem GP-Sieg in Misano die Korken knallen.

Gemeindepräsidentin Elisabeth Spichiger sagt, warum es für den zweiten Triumph keine Feier gibt. «Der erste Sieg war etwas ganz Besonderes und deshalb haben wir gefeiert. Die nächste Feier richten wir aus, wenn er Weltmeister wird.» Es ist ja nicht so, dass die Gemeinde nun untätig geblieben wäre. Elisabeth Spichiger sorgte dafür, dass am Sonntag an der Fassade des Gemeindehauses bereits zehn Minuten nach dem Sieg das grosse Gratulations-Spruchband prangte, das damals im Juli 2014 fabriziert worden war. «Wir haben immer an Domi geglaubt und so haben wir dieses Spruchband im Werkhof der Gemeinde versorgt. Damit wir es beim nächsten Sieg wieder aufhängen können.»

«Er hat mir gratuliert und sich für mich gefreut»

Gefeiert wurde dafür in Misano. Dominique Aegerter erzählt, er sei am Montagmorgen so gegen vier Uhr in der Früh ins Bett gekommen. Es war eine Party mit der Familie im kleinen Kreis des Teams. Als der grosse Sieger zu Bett ging, war Tom Lüthi (30) schon zu Hause in Linden. Er hatte das Fahrerlager in Misano gleich nach dem Rennen verlassen. «Er hat mir gratuliert und sich für mich gefreut», sagt Dominique Aegerter.

Tom Lüthi gratuliert Dominique Aegerter zu seinem Triumph

Tom Lüthi gratuliert Dominique Aegerter zu seinem Triumph

Viel ist passiert seit dem ersten Sieg 2014 und dem Triumph am vergangenen Sonntag. Die meisten Rennfahrer wären an den Rückschlägen und Anfeindungen zerbrochen. Erst ein schwerer, nicht verschuldeter Renn-Unfall im Herbst 2015, dann ein Jahr später im Herbst 2016 vier Rennen vor Schluss der Rausschmiss aus dem Team.

Aber Dominique Aegerter hat sein Selbstvertrauen und seinen Optimismus nie verloren. «Es mag arrogant klingen. Aber ich habe immer gewusst, dass ich in der Lage bin, zu gewinnen, wenn alles stimmt.» In den 47 Rennen nach seinem ersten Sieg reichte es bloss zu zwei Podestplätzen (3.). Gestern Nachmittag ist Dominique Aegerter wieder nach Hause gekommen. Bereits morgen folgt eine schicksalsschwere Besprechung mit seinem Manager und Freund Robert Siegrist. Ein Entscheid wird bald verlangt. Beim Team der Gebrüder Jochen und Stefan Kiefer bleiben oder zum letztjährigen Team zurückkehren, das neu von KTM ausgerüstet wird? Es wird wohl ein Entscheid des Herzens. Bei den Gebrüdern Kiefer fühlt sich «Domi» wohl und er ahnt, dass er in seinem letztjährigen Team wieder in ein «Haifischbecken» käme.

Dominique Aegerter sieht der kommenden Saison zuversichtlich entgegen

Dominique Aegerter sieht der kommenden Saison zuversichtlich entgegen

Ungewisse Zukunft – trotz Sieg

Nach aussen wirkt Dominique Aegerter härter, mutiger, emotionaler und wilder als der eher ruhige, introvertierte, sanfte «Kopfmensch» Tom Lüthi. Das macht ihn populär und am Sonntag war er ein Sieger der Herzen. In der Wirklichkeit des internationalen Töff-Business setzen Tom Lüthi und sein Freund und Manager Daniel M. Epp ihre Interessen viel härter, kompromissloser und erfolgreicher durch als der sensible, manchmal naive Rock ’n’ Roller aus Rohrbach. Deshalb hat Tom Lüthi bereits 15 GP-Siege auf seinem Konto und kann nächste Saison in der «Königsklasse» MotoGP fahren. Aber Dominique Aegerter weiss selbst als Sieger noch nicht, wie es nächste Saison in der Moto2-WM weitergeht.