Analyse

Dominic Thiem ist im schwächsten Final seit einem Jahrzehnt ein Sieger der Schmerzen, Alexander Zverev der Sieger der Herzen

Simon Häring.

Simon Häring.

Als erster Österreicher seit Thomas Muster 1995 gewinnt Dominic Thiem ein Grand-Slam-Turnier. Im Final der US Open bezwingt er Alexander Zverev nach fünf dramatischen, aber selten hochklassigen Sätzen. Der Final ist auch ein Vorbote für die Zukunft des Tennis. Ein Kommentar.

Als er nach über vier Stunden auf dem Rücken lag, da spürte er nur noch Erleichterung. Als erster Österreicher seit Thomas Muster 1995 gewinnt Dominic Thiem ein Grand-Slam-Turnier. Er ist auch der erste Spieler seit dem Kroaten Marin Cilic vor sechs Jahren, der erstmals ein Grand-Slam-Turnier gewinnt.

Dominic Thiem ist der Erste, der im Final der US Open einen 0:2-Satzrückstand wettmacht, und er ist auch der Erste, der den Final im Tiebreak des fünften Satzes gewinnt. Mit 2:6, 4:6, 6:4, 6:3, 7:6 besiegte er den Deutschen Alexander Zverev (ATP 7). Dabei hatte Zverev beim Stand von 5:3 im fünften Satz zum Sieg aufgeschlagen.

Erleichterung nach 4:02 Stunden Spielzeit: Dominic Thiem gewinnt bei den US Open seinen ersten Grand-Slam-Titel.

Erleichterung nach 4:02 Stunden Spielzeit: Dominic Thiem gewinnt bei den US Open seinen ersten Grand-Slam-Titel.

Dominic Thiem hat sich diesen Erfolg erdauert. Zwei Mal stand er zuletzt im Final der French Open, beide Male unterlag er Sandkönig Rafael Nadal. Anfang Jahr erreichte er bei den Australian Open den Final, wo er gegen Novak Djokovic eine 2:1-Satzführung nicht nutzen konnte.

Nun war der Weg frei, nachdem Titelverteidiger Nadal gar nicht erst angetreten, Novak Djokovic in den Achtelfinals disqualifiziert worden war, und mit dem fünffachen Sieger Roger Federer und Stan Wawrinka, der 2016 in New York triumphiert hatte, zwei weitere Anwärter auf den Sieg fehlten.

Der Final zwischen Thiem und Zverev war selten hochklassig und auch erst im fünften Satz dramatisch. Erst war Thiem mental blockiert, dann verlor Zverev mit dem Sieg vor Augen den Faden. Zwischenzeitlich servierte der fast zwei Meter grosse Deutsche noch mit knapp über 100 Kilometern in der Stunde.

Thiem wiederum quälten Krämpfe im rechten Oberschenkel, er konnte sich kaum mehr bewegen. Beim Aufschlag konnte er sich nicht mehr mit dem Bein abstossen, mit der Rückhand nur noch mit Slice spielen. Doch Zverev konnte daraus kein Kapital schlagen. 2 seiner 15 Doppelfehler unterliefen ihm im Tiebreak des fünften Satzes.

Nach drei Final-Niederlagen (zwei Mal gegen Nadal, ein Mal gegen Djokovic) triumphiert Dominic Thiem bei den US Open im vierten Anlauf.

Nach drei Final-Niederlagen (zwei Mal gegen Nadal, ein Mal gegen Djokovic) triumphiert Dominic Thiem bei den US Open im vierten Anlauf.

«Es war das erste Mal seit Jahren, dass ich Krämpfe bekam. Aber am Ende war der Glaube stärker als der Körper», sagte Thiem, der am Druck des Favoriten zu zerbrechen drohte, den er sich selber auferlegt hatte. Seine Erfolge sind die Frucht harter Arbeit.

Sein Spiel lebt von Intensität und Athletik, weniger von spielerischer Brillanz. Vater des Erfolgs ist Günter Bresnik, der Thiem von Kindsbeinen an und bis zum Bruch vor einem Jahr trainiert hatte. Er liess Thiem drei Stunden Holz hacken, er verordnete Waldläufe in der Nacht, oder er liess ihn Baumstämme schleppen, wie er in seinem Buch «Die Dominic-Thiem- Methode» eindrücklich beschreibt.

Vielleicht sind es diese Erfahrungen, die Thiem halfen, die Hindernisse und Schmerzen zu überwinden, mit denen er sich bei den US Open konfrontiert sah. Er ist der verdiente Sieger der Schmerzen. Auch, weil er die letzten Monate dazu genutzt hatte, um massiv an Muskelmasse zuzulegen, und die Bereitschaft an den Tag gelegt hatte, zu hinterfragen, was ihm für den ganz grossen Sieg noch fehlte.

Etwas, das sein Gegner Alexander Zverev vermissen liess. Er stand zwar erstmals im Final eines Grand-Slam-Turniers, doch er spielte nicht besser als beispielsweise Anfang Jahr in Melbourne und entwickelte sein Spiel in den letzten Jahren kaum weiter.

Alexander Zverev stand erstmals im Final eines Grand-Slam-Turniers. Und verspielte als erster seit Guillermo Coria 2004 in Paris eine 2:0-Satzführung.

Alexander Zverev stand erstmals im Final eines Grand-Slam-Turniers. Und verspielte als erster seit Guillermo Coria 2004 in Paris eine 2:0-Satzführung.

Schwächster Grand-Slam-Final seit Jahren

Die Dramaturgie des fünften Satzes täuscht auch darüber hinweg, dass die Partie nur selten hochklassig und auch erst im fünften Satz wirklich spannend war. Vermutlich war es spielerisch sogar einer der schwächsten Grand-Slam-Finals seit der Jahrtausendwende und der Machtübernahme von Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic.

Thiem selber hatte vor dem Turnier gesagt, dass ein Erfolg wegen der besonderen Umstände als nicht so hoch zu bewerten sei wie in früheren Jahren. Insofern war der Final auch als Vorbote für die Zukunft des Männer-Tennis zu verstehen.

Er führte vor Augen, was die besten Tennis-Spieler der neuen Generation um Thiem und Zverev von den Ikonen des Sports – von Djokovic, Nadal und Federer – trennt. Noch fehlt ihnen die Strahlkraft, und die Aura, welche die drei umgibt. Noch geht es in ihren Duellen um Pokale, nicht aber um Einträge in die Tennis-Annalen. Noch stehen sie im langen Schatten derjenigen, die das Tennis geprägt haben.

Ob Thiem und Zverev Djokovic, Nadal, und mit Abstrichen Federer verdrängen, während diese noch spielen, oder ob sie sie einfach ablösen, wenn ihre Karrieren dereinst ausfransen, sei dahingestellt. Die Zukunft jedenfalls gehört ihnen.

Das gilt für Thiem, besonders aber für den 23-jährigen Zverev. Er zeigte sich von seiner verletzlichen Seite, und gewann damit Sympathien zurück, die er mit seinem Verhalten während der Corona-Pandemie verspielt hatte. Bei seiner Rede auf dem Platz kämpfte Zverev immer wieder mit den Tränen, und sagte: «Die letzten Jahre waren nicht einfach.

Aber irgendwann werde ich diese Trophäe nach Hause nehmen. Auch für meine Eltern.» Vater Alexander und Mutter Irina waren vor den US Open positiv auf das Coronavirus getestet worden. Zverev: «Ich vermisse sie sehr.» Und sein Freund Dominic Thiem spendete Trost, als er sagte: «Du wirst sicher Grand-Slam-Titel gewinnen und deine Eltern sehr stolz machen.»

Zverev war in dieser Nacht für einmal ein Sieger der Herzen.

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