Nordische Gedanken
Dominanz trägt den Sport zu Grabe

Mit der Nordischen Kombination erleidet eine der traditionsreichsten Olympischen Disziplinen einen schleichenden Niedergang. Die Dominanz der deutschen Athleten ist dabei nur einer der Faktoren.

Rainer Sommerhalder
Rainer Sommerhalder
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Tim Hug, der letzte Schweizer Teilnehmer bei der Nordischen Kombination über der Skyline von Lahti.

Tim Hug, der letzte Schweizer Teilnehmer bei der Nordischen Kombination über der Skyline von Lahti.

KEYSTONE/PETER KLAUNZER

Erinnern Sie sich an Hippolyt Kempf? Natürlich tun Sie es. Wie der 23-jährige Innerschweizer mit dem Sommersprossen-Lachen und den unkonventionellen, vorwitzigen Aussagen 1988 in Calgary erster Schweizer Olympiasieger im nordischen Skisport wurde. Und er Tage zuvor die Staffel der Schweizer Kombinierer zu Silber führte. Es waren die Highlight-Tage einer Randerscheinung im Schweizer Wintersport.

Zuvor wurden die nationalen Meisterschaften in der Nordischen Kombination mangels Teilnehmern in 30 Jahren 25-mal gar nicht durchgeführt. Auch heute steht der Schweizer Meister bereits vor dem ersten Sprung fest. Der Solothurner Tim Hug ist der Letzte seiner Art. Besserung ist nicht in Sicht.

So wie in der Schweiz entwickelt sich die traditionellste der nordischen Skidisziplinen, in der seit 1924 olympische Wettkämpfe ausgetragen werden, in vielen Ländern. Nur 19 Nationen bestreiten aktuell in Lahti die WM-Wettkämpfe. Für die beiden Staffeln sind sogar nur noch elf Teams gemeldet.

Tödlich für die Zukunft der Kombination, die in den letzten 15 Jahren als Versuchsballon für immer wieder neue Austragungsformen herhalten musste, ist aber die derzeitige Situation an der Spitze. Bisher gab es an der WM in drei Rennen einzig deutsche Sieger. Im ersten WM-Einzelrennen wie auch im Gesamtweltcup belegen vier Deutsche die ersten Plätze. Ausser in Deutschland freut sich darüber niemand. Es fehlen die Resonanz in den Medien und die Vorbilder für den Nachwuchs.

Weil die Nordische Kombination die einzige olympische Sportart ist, in der nur Männer starten, droht ihr der Rauswurf aus dem Programm. Die versuchte Frauenförderung der FIS fiel nicht auf fruchtbaren Boden. Die Situation ist inzwischen derart grotesk, dass sich die Deutschen für ihren Erfolg rechtfertigen müssen und selbst deutsche Medien von «Kannibalismus» und «Gift für den Sport» schreiben. Das Erfolgs-Bashing zeigt offensichtlich Wirkung. Im gestrigen zweiten Einzelrennen hielten sich die Deutschen für ihre Verhältnisse ausserordentlich zurück und schafften Platz auf dem Podest für zwei weitere Nationen. Quasi ein Wandel vom Bestatter zum Friedhofsgärtner.