Digitalisierung
Wie Datenfreaks den Schweizer Sport erfolgreicher machen

Der Schweizer Sport ist im Bereich der Digitalisierung nicht sehr innovativ unterwegs. Während die Sporttech-Industrie dank dem Sport Milliardenumsätze generiert, verharren viele Verbände in alten Mustern. Die ersten Sport-Hackdays in Luzern wollten auch aufrütteln.

Rainer Sommerhalder
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Zehn Teams befassten sich an den ersten Schweizer Sport-Hackdays mit der Analyse und Lösungsfindung für sportspezifische Aufgabenstellungen.

Zehn Teams befassten sich an den ersten Schweizer Sport-Hackdays mit der Analyse und Lösungsfindung für sportspezifische Aufgabenstellungen.

Meier & Kamer Werbefotografie

Die Schweizer Premiere der Sports Hackdays zeigt den Verbänden das riesige Potenzial, aber auch ihren Nachholbedarf auf. Denn der Sport ist für Datenfreaks eine Traumwelt. Vorab in kommerziell erfolgreichen Sportarten wird so ziemlich alles gemessen, was möglich und denkbar ist. Häufig von Unternehmen, die damit Geld verdienen wollen.

Die Verbände selbst tun sich oft noch schwer mit der Digitalisierung und der immer grösser werdenden Datenflut. Wie soll man sie einsetzen, um seine Athletinnen und Athleten besser zu machen? Wie muss man sie nutzen, um bessere Entscheidungen zu treffen? Wie kann man seinen Mitgliedern und Anhängern damit einen Mehrwert bieten – um aus Fans User zu kreieren?

Martin Rumo kennt dieses Dilemma aus eigener Erfahrung. Der Freiburger arbeitete während 20 Jahren an der Hochschule für Sport in Magglingen als «Embedded Computer Scientist». Als Leiter Sporttechnologie im Bundesamt für Sport forschte er unter anderem zu digitalen Leistungsanalyse-Werkzeugen im Spitzensport. Seit dem Mai 2021 ist er im Sportzentrum OYM in Cham tätig. Er habe in Magglingen zwar viel Expertise aufgebaut, «aber um wirklich Dinge zu bewegen, war es nicht der richtige Ort».

Die menschlichen Eindrücke sind von Emotionen gesteuert

Rumo erklärt, um was es im Leistungssport geht: «Wir müssen bei unserer Arbeit das mentale Modell eines Trainers verstehen lernen und es dank der Technologie in die Datenwelt übersetzen». Rumo nennt ein Beispiel: Wie viele Tore gibt es im Fussball nach Eckbällen? Diese Frage hat er Personen mit Verständnis für das Spiel gestellt. Ihre Schätzungen lagen allesamt zu hoch. Seine Frau hingegen traf die korrekte Marke von 2 Prozent am besten.

Was sind Hackdays?

Die Sport Hackdays sind abgeleitet von der Idee des Hackathons – einer Wortschöpfung aus den Wörtern Hack und Marathon. Es ist eine Veranstaltung, an welcher in funktionsübergreifenden Teams auf Daten basierende Soft- und Hardware entwickelt wird. Oft geschieht dies in einem Zeitfenster von 42 Stunden – abgeleitet vom Marathon. Das Scheitern ist dabei Teil des Programms. Denn beim Hackathon wird im Grunde die Reihenfolge des üblichen Vorgehens umgekehrt. Anstatt viel Zeit und Geld in eine konzeptionelle Arbeit zu investieren, wie man vorhandene Daten nutzen will, werden zuerst aufgrund von Aufgabenstellungen auf agile Art und Weise Lösungsansätze gesucht und mögliche Technologien entwickelt. Dabei wird man früh mit konkreten Problemen in der Umsetzung konfrontiert. Dies schützt den Auftraggeber der gestellten Challenges auch davor, einen unrealistischen Aufwand zu betreiben.

Aus diesem Beispiel leitet Rumo ab, wo Daten dem menschlichen Eindruck überlegen sind. In den Spielzusammenfassungen würden nur jene Szenen gezeigt, in denen effektiv etwas passiere. Das führe zu einem verzerrten Bild der Realität. Selbst der Videoanalyst eines Teams sei bei der Auswahl von relevanten Szenen «anekdotisch unterwegs. Und je emotionaler eine Szene ist, desto länger bleibt sie in den Köpfen», sagt Rumo.

So behält ein Trainer das Bild seines erfolgreichen Torschützen, obwohl die Daten vielleicht längst etwas anderes sagen. Die Datenanalyse helfe, Entscheidungen nicht auf Basis von falschen Annahmen zu treffen. Die besondere Herausforderung sei die Schnelligkeit, welche der Sport in der Entscheidungsfindung verlange.

Keine Universität ist in diesem Bereich bedeutender als Luzern

Rumo hat Neurobiologie und Computer Science studiert - quasi das Zusammenspiel von menschlicher und maschineller Rechenleistung. Er unterrichtet zum Thema «Sports Data Analytics» an der Hochschule Luzern. Diese hat inzwischen auch dank Leiter Andreas Brandenberg den grössten Studienlehrgang aller europäischen Universitäten in Data Science. Bald werden es 400 Studierende sein.

Martin Rumo leitete die Schweizer Sport-Premiere?

Martin Rumo leitete die Schweizer Sport-Premiere?

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Der ehemalige Handballer Brandenberg hat von Anfang an auf das Thema Sportdaten-Analyse gesetzt. Er sieht grosses Potenzial, weil das Thema «noch nicht abgegrast ist». Zudem könne man daraus viel für die Wirtschaft ablesen. Auch er erkennt, dass die Sportorganisationen oft noch Mühe hätten, sich mit dieser Thematik anzufreunden. Brandenberg ruft dazu auf, «offen für das Thema Daten» zu sein.

Zusammen mit Rumo und den Organisatoren der Winteruniversiade hat er deshalb die ersten Schweizer Sports Hackdays ins Leben gerufen. Für die Organisatoren des weltgrössten Sportanlasses für Studierende sind die Hackdays ein Vermächtnis im Bereich Innovation. «Gewinne das Spiel der Dateninnovation» lautet der Slogan. Es geht um den Brückenschlag zwischen Sport und Hochschulen.

Olympiachef fordert mehr Austausch zwischen Sport und Hochschulen

Diesen sieht auch der Schweizer Olympiachef Ralph Stöckli als Zukunftschance, den Schweizer Sport innovativer zu machen. «Ich sehe bei den Universitäten einen grossen Wissensschatz und riesige Motivation, ihn auch im Sport einzubringen».

Die ersten Sport-Hackdays sind Teil der Legacy der Winteruniversiade im Bereich Innovation. Sie sollen Sport und Wissenschaft zusammenbringen.

Die ersten Sport-Hackdays sind Teil der Legacy der Winteruniversiade im Bereich Innovation. Sie sollen Sport und Wissenschaft zusammenbringen.

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Diese Begeisterung war auch in den zehn Teams der Hackdays zu spüren, die teilweise bis tief in die Nacht hinein die gestellten Aufgabenstellungen bearbeiteten. Auftraggeber waren neben einigen Firmen wie Datasport auch Swiss Ski und Swiss Olympic. Sie lieferten eine Aufgabenstellung sowie die dazu vorhandenen Daten.

Der Skiverband suchte Lösungsansätze, wie man vorhandene Leistungsdaten dazu nutzen kann, um die Verletzungsprophylaxe zu verbessern. Der Dachverband des Schweizer Sports will das neu erarbeitete Wissen zu spezifischen Frauenthemen möglichst effizient an ein junges Zielpublikum weitergeben.

Siegerprojekt: Wie kann man beim Scouting spezielle Talente erkennen?

Zum Siegerteam gekürt wurde jene Gruppe, die ein Modell entwickelte, wie man beim Talentscouting in der nordamerikanischen Profiliga des American Footballs mittels Datenvergleich ähnliches Leistungspotenzial möglichst gut erkennt.

Schweizer Sportverbände und Firmen im Bereich Sport lieferten den Studentinnen und Studenten Aufgabenstellung und die vorhandenen Daten.

Schweizer Sportverbände und Firmen im Bereich Sport lieferten den Studentinnen und Studenten Aufgabenstellung und die vorhandenen Daten.

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Martin Rumo sprach von einer «Allianz der Willigen» aus der Sportwelt, die sich in Luzern fand. Die Sensibilisierungskampagne laufe weiter. Denn die Digitalisierung im Sport geschehe in rasantem Tempo und der Graben zwischen der Sporttech-Industrie, die laufend neue Gadgets und Apps auf den Markt bringt, und den Sportfunktionären, welche der Entwicklung nicht folgen können, droht sich weiter zu öffnen.

Rumo fordert eine Umkehr des Denkmusters: «Der Trainer im Sport soll nicht eines der vielen modernen Geräte kaufen und sich fragen, was er damit anstellen kann. Er soll ein für ihn relevantes Problem erkennen. Mit Hilfe von Daten wird daraus ein Lösungsrezept erarbeitet und erst dann die Technologie geschaffen, die ihn weiterbringt.»

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