Sein Gesicht verrät: Er ist 43 Jahre alt. Sein Palmarès offenbart: Er ist eine lebende Legende. Seine Saison belegt: Er ist immer noch verdammt stark. Der norwegische Biathlon-König Ole Einar Bjørndalen läuft zwar nicht mehr ganz so schnell wie zu seinen besten Zeiten. Dafür trifft er besser.

Mit drei Plätzen in den Top 5 hat der wegen seines kompromisslosen Siegeshungers vor Jahren mit dem Schmusenamen «der Kannibale» versehene Oldie angedeutet, dass er an der Weltmeisterschaft reif ist für weitere Medaillen. Erst recht, weil er es versteht, sich punktgenau auf Grossanlässe in Topform zu präsentieren.

Erfolgsgeschichte: Biathlet Ole Einar Björndalen im Portrait.

Erfolgsgeschichte: Ole Einar Björndalen im Portrait.

An den WM-Ort Hochfilzen hat Bjørndalen ohnehin nur allerbeste Erinnerungen. Bei den letzten Titelkämpfen 2005 hamsterte er hier Gold in sämtlichen Rennen.

Der Norweger hat sich längst unsterblich gemacht. Mit 13 Medaillen ist er der erfolgreichste Athlet in der Geschichte der Olympischen Winterspiele. Ein Ehrenplatz im Sportmuseum ist für ihn reserviert. Doch dorthin will Bjørndalen offensichtlich unter keinen Umständen. Deshalb ignoriert er seit Jahren die eigenen Rücktrittsankündigungen.

Nach den Spielen in Sotschi 2014 sollte eigentlich Schluss sein, zwei Jahre später nach der Heim-WM in Oslo auf jeden Fall. Nicht mit Bjørndalen. Dieser ultimative Schritt liesse sich auch schlecht mit der Devise des norwegischen Sporthelden verbinden: Behalte nach jeder Saison 90 Prozent deines Konzepts und verändere 10 Prozent.

Nun will er 2018 in Pyeongchang seine siebten Olympischen Spiele miterleben. «Ich denke, dass ich in meinem Sport noch etwas erreichen kann», sagte er beim Widerruf des Karriereendes im letzten Frühling.

Seit Oktober ist Bjørndalen Vater

Selbst wenn sich Bjørndalen in seinem extremen Lebensstil auch als sportlicher Methusalem treu bleibt, hat sich zuletzt in seinem Alltag doch mehr verändert als nur die Tiefe der Furchen im Gesicht. Seit dem letzten Juli ist er in zweiter Ehe mit der dreifachen Olympiasiegerin Darja Domratschewa aus Weissrussland verheiratet. Am 1. Oktober kam als gemeinsames Produkt Tochter Xenia zur Welt.

Wie sich der norwegische Einzelgänger mit einem sabbernden Baby arrangiert, wäre ein spannendes Thema. Denn Bjørndalens Phobie, wenn es um Viren, Bakterien und die mögliche Ansteckung mit Krankheiten geht, ist legendär. Doch ebenso konsequent ist auch seine Weigerung, über Privates zu reden.

Dass er bereits seit 2003 in einem Haus in Obertilliach an der österreichisch-italienischen Grenze wohnt, seit 30 Jahren keinen Schluck Alkohol getrunken hat und in seinem Leben höchstens zwei Freunde Platz finden, weil mehr kontraproduktiv für den sportlichen Erfolg wären, ist das wenige, das man über ihn weiss.

Seit dem 1. Oktober ist Bjørndalens Vater einer Tochter.

Seit dem 1. Oktober ist Bjørndalens Vater einer Tochter.

Weit bekannter ist die unglaubliche Konsequenz, mit welcher er den sportlichen Erfolg anstrebt. Nicht nur gilt Bjørndalen als Trainingsweltmeister («Ein Tag ohne Training ist ein verlorener Tag»), er kümmert sich auch mit pingeliger Systematik um seine Gesundheit. So verzichtet er wegen der möglichen Übertragung von Krankheitserregern auf das Benützen von öffentlichen Verkehrsmitteln, desinfiziert nach jedem Händeschütteln die Finger und nahm früher bei Reisen stets Staubsauger, Plastikfolien und Klebeband mit.

Im Hotel reinigte er zuallererst das Zimmer mit dem Sauger und überzog danach Bakterienfallen wie Teppiche luftdicht mit Plastik. Wer weiss, ob ihm sein Mentaltrainer diesen Tick eingebläut hat. Schliesslich war dieser vor der Zusammenarbeit mit Bjørndalen als Vertreter für Staubsauger unterwegs.

Ein Wohnmobil für 1,5 Millionen

Seit mehreren Jahren reist der norwegische Ausnahmeathlet mit einem Wohnmobil durch den Winter. Vor 18 Monaten setzte der seit 1992 im Weltcup startende Rekordsieger auch hier neue Massstäbe.

Für 1,5 Millionen Euro liess er einen Lastwagen umbauen, der ihm und seiner Frau während der Saison als Wachstruck und als mobiles Haus dient. Ein eigenes Fitnesscenter inklusive. Doch vielleicht liegt das Erfolgsgeheimnis des 95-fachen Weltcupsiegers, 20-fachen Weltmeisters und 8-fachen Olympiasiegers letztlich darin, dass er im Grunde gar kein Medaillensammler ist.

Sein Ziel ist das perfekte Rennen. Alles andere bleibt zweitrangig. «Statistiken sind Geschichte. Und in Geschichte war ich schon in der Schule schlecht», sagte Ole Einar Bjørndalen einst zu diesem Thema. Also ja nicht ins Museum – zu viel Geschichte... und zu viel Staub.