Fussball
Diese Frau lässt die Fussball-Profis nach ihrer Pfeife tanzen

Nach 6 Jahren hat mit der 34-jährigen Esther Staubli erstmals wieder eine Frau ein Spiel im Schweizer Profifussball geleitet. 1130 Zuschauer sahen die Bernerin auf der Wohler Niedermatten. Dass sie als Frau kritisch beurteilt wird, stört sie nicht.

Fabio Baranzini
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Schiedsrichterin Esther Staubli schnappt sich den Ball für die Partie Wohlen - Le Mont.
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Im Hintergrund: Esther Staubli beobachtet, wie Le Monts N'Diasse N'Diaye gegen Wohlens Simon Grether zur Grätsche ansetzt.
Blick auf die Uhr: Esther Staubli mit Samir Ramizi vom Challenge-League-Leader FC Wohlen.
Esther Staubli gewinnt 2013 den Award "Referee Performance of the Year" bei den Swiss Football Awards.
Die 34-jährige Bernerin arbeitet als Dozentin an einer Landwirtschaftsschule.
Staublis Vorgängerin Nicole Petignat, umrahmt von Sepp Blatter (l.) und Franz Beckenbauer.
Frauen-Trio: Esther Staubli (Mitte) leitet im März 2012 die 2.-Liga-inter-Partie zwischen Wettingen und Entfelden.
Frauen-Trio: Esther Staubli (Mitte) leitet im März 2012 die 2.-Liga-inter-Partie zwischen Wettingen und Entfelden.
Frauen-Trio: Esther Staubli (Mitte) leitet im März 2012 die 2.-Liga-inter-Partie zwischen Wettingen und Entfelden.
Schiedsrichter-Frau brilliert bei den Männern

Schiedsrichterin Esther Staubli schnappt sich den Ball für die Partie Wohlen - Le Mont.

Alexander Wagner

Bis zum Anpfiff im Stadion Niedermatten dauert es nur noch wenige Sekunden. 1130 Zuschauer haben sich eingefunden, um den Auftritt von Challenge League Leader Wohlen gegen Aufsteiger Le Mont zu verfolgen.

Die Teams haben sich in einer Reihe aufgestellt, in der Mitte das Schiedsrichter-Trio. Nach der Begrüssung folgt der obligate Handshake. Eine ganz normale Szene, die eigentlich nicht mal eine Randnotiz verdient. Eigentlich, denn an jenem Mittwochabend ist etwas anders: Zum ersten Mal seit 2008 und dem Rücktritt von Nicole Petignat leitet wieder eine Frau ein Profispiel in der Schweiz.

"Fussball ist wie eine Droge"
Esther Staubli heisst sie, ist 34 Jahre alt, bestreitet ein 60-Prozent-Pensum als Dozentin an einer Landwirtschaftsschule und ist derzeit die beste Schiedsrichterin des Landes. Sie hat selbst mehrere Jahre in der Nationalliga A bei Rotschwarz Thun gekickt, ehe sie vor 14 Jahren die Seiten gewechselt hat. „Ich suchte eine neue Herausforderung, wollte dem Fussball aber unbedingt treu bleiben. Fussball ist faszinierend. Er ist wie eine Droge für mich“, sagt sie.

Mittlerweils sind 35 Minuten gespielt. Esther Staubli hatte kaum brenzlige Situationen zu meistern. Das, was sie pfeifen musste, hat sie gepfiffen: zwölf Fouls und eine gelbe Karte an die Adresse von Le Monts Musa Araz. Ihre Linie in der Spielleitung ist zu erkennen: Viel laufen lassen und das Spielgeschehen nicht durch unnötige Unterbrüche nervös machen.

Fan des Englischen Fussballs
„Ich passe meine Linie je nach Partie etwas an. Es kommt immer drauf an, wie sich die Spieler verhalten. Dafür braucht es das nötige Fingerspitzengefühl. Ich bin jedoch ein Fan des Englischen Fussballs und lasse daher tendenziell etwas mehr laufen“, so Staubli.

Dass Staubli eine klare Linie vertritt und keine Mühe hat, ihre Entscheidungen auf dem Rasen zu vertreten, überrascht nicht. Schliesslich steht die Bernerin seit 2006 bei internationalen Turnieren der Frauen im Einsatz. 2013 pfiff sie an der EM in Schweden drei Partien, dieses Jahr stand sie an der U20-WM im Einsatz.

Bei den Männern war sie bisher maximal in der 1. Liga engagiert. Dass Staubli gute Arbeit abliefert, wurde spätestens vergangene Saison klar. Damals wurde sie als Schweizer Schiedsrichterin des Jahres ausgezeichnet.

Trotz ihrem beeindruckenden Palmarès hat die 34-Jährige noch ein grosses Ziel vor Augen: die Frauen-WM nächstes Jahr in Kanada. „Dort will ich unbedingt ein Spiel pfeifen – egal welches. Es ist mein grosser Traum, nach Kanada zurückzukehren, wo ich dieses Jahr bereits an der Junioren-WM Partien leiten durfte.“

Staubli weist Johnny Leoni zurecht
In den Niedermatten ist derweil die Schlussviertelstunde angebrochen. Noch immer steht es 0:0. Das Spielgeschehen wird hektischer. Auch Esther Staubli wird mehr gefordert. Doch sie behält auch in den letzten Spielminuten die Übersicht und lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. In der Schlussphase pfeift sie noch drei Fouls und weist Le-Mont-Torhüter Johnny Leoni darauf hin, dass er sich beim Abstoss nicht so viel Zeit lassen soll.

Ihrer Linie bleibt sie dabei bis zum Abpfiff treu, drängt sich weder durch ihre Entscheidungen noch durch ihr Auftreten in den Vordergrund. Obwohl Staubli in gewissen Situationen etwas energischer hätte einschreiten dürfen, war es ein gelungenes Debüt in der Challenge League - wenn auch in einer zugegebenermassen relativ einfach zu leitenden Partie.

Hohe Ansprüche an sich selbst
Und wie beurteilt sie ihre Leistung selbst? „Ich habe sehr hohe Ansprüche. Mit meiner Leistung bin ich daher nie ganz zufrieden. Es war aber eine super Erfahrung auf diesem Niveau zu pfeifen.“

Dass sie als Frau mehr im Fokus steht und ihre Entscheidungen kritischer beurteilt werden, stört sie nicht. „Am Ende muss die Leistung stimmen, egal ob Mann oder Frau. Bereits bei den Junioren wird man von den Eltern kritisiert. Ich habe mich daher schon lange daran gewöhnt, im Zentrum zu stehen.“

Und die Schweizer Fussballfans und –spieler werden sich wohl auch bald daran gewöhnen, dass mit Esther Staubli wieder eine Frau im Schweizer Profifussball mitmischt. Auch wenn dies nicht ihr primäres Ziel ist, wie sie selbst sagt.