Fussball
Die Zweifel am Verband wachsen

Die Vertragsverlängerung mit dem Fussball-Nationaltrainer Vladimir Petkovic überrascht nicht wirklich. Gleichwohl hat sie keine beruhigende Wirkung.

François Schmid-Bechtel
François Schmid-Bechtel
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Die Vertragsverlängerung von Vladimir Petkovic hinterlässt viele offene Fragen.

Die Vertragsverlängerung von Vladimir Petkovic hinterlässt viele offene Fragen.

KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Es scheint, als hätte Petkovic die Verbandsspitze (SFV) um Präsident Peter Gilliéron einzig mit Worten von sich überzeugt. Denn seit den letzten, zwiespältigen Auftritten im November gegen die Slowakei und Österreich hatte Petkovic gar keine Möglichkeit, mit Taten zu glänzen. Dabei sind viele Fragen offen: Wie schüttet Petkovic den Balkan-Graben zu? Wie löst er das Problem Inler, der den Höhenflug bei seinem Klub Leicester meist nur von der Tribüne aus verfolgt? Wie schafft er Nähe zur Öffentlichkeit? Wie stoppt er den schleichenden Identifikationsverlust zwischen dem Volk und seiner Nati? Wie treibt er dem offensiven Schlüsselspieler Xherdan Shaqiri die Launenhaftigkeit aus?

Vielleicht hat der Fussball-Verband Antworten auf diese und weitere Fragen erhalten. Falls ja, sind diese aber nur rein theoretischer Natur. Kurz: Petkovic ist bislang einiges schuldig geblieben. Umso unverständlicher ist es, dass er schon jetzt mit einer Vertragsverlängerung belohnt wird. Denn seine wahres Examen folgt erst im Juni mit der Europameisterschaft in Frankreich.

AC Bellinzona (1997 - 1998) und FC Malcantone Agno (1999 - 2004) Petkovic begann seine Trainerkarriere in der Sonnenstube der Schweiz. Nach zwei Jahren bei Bellinzona heuerte er beim damaligen Challenge-League-Klub Malcantone Agno an und blieb dort bis 2004.
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AC Lugano (2004 - 2005) Petkovic (vorne) blieb dem Tessin treu und wechselte nach Lugano.
AC Bellinzona (2005 - 2008) Im Jahr 2005 kehrte er zurück an seine erste Wirkungsstätte als Trainer. Mit der AC Bellinzona erreichte er den Cup-Final und stieg in die Super League auf.
BSC Young Boys (2008 - 2011) Mit seiner erfolgreichen Arbeit bei den Tessinern machte er sich auch in der Deutschschweiz einen Namen - was in einem Engagement bei den Berner Young Boys endete. Nachdem er den Erwartungen nicht gerecht werden konnte, wurde er 2011 fristlos entlassen.
Samsunspor (2011 - 2012) Daraufhin wagte er erstmals als Trainer den Schritt ins Ausland und wechselte in die Türkei.
FC Sion (2012) Das kurze und erfolglose Intermezzo in der Türkei endete in einem noch kürzeren beim FC Sion.
Lazio Rom (2012 - 2014) Es folgte definitiv der Schritt auf die grosse internationale Fussballbühne. Mit Lazio gewann er den Italienischen Cup und verlängerte den Vertrag bis am 30. Juni 2015.
Schweizer Nationalmannschaft (ab 2014) Im Geheimen handelte er einen Vertrag mit der Schweizer Nationalmannschaft aus, der ab Vertragsende bei Lazio beginnen sollte. Als die Römer davon Wind bekamen, wurde er dort am 4. Januar 2014 fristlos entlassen - und übernahm nach der WM 2014 die Nati.
Schweizer Nationalmannschaft (ab 2014) Nun verlängert er diesen Vertrag bis 2018.

AC Bellinzona (1997 - 1998) und FC Malcantone Agno (1999 - 2004) Petkovic begann seine Trainerkarriere in der Sonnenstube der Schweiz. Nach zwei Jahren bei Bellinzona heuerte er beim damaligen Challenge-League-Klub Malcantone Agno an und blieb dort bis 2004.

Keystone

Erstaunlich ist zudem, dass vom Zeitpunkt der erfolgreichen EM-Qualifikation bis zur Vertragsverlängerung beinahe fünf Monate vergangen sind. Dies, obwohl beide Parteien ihre Absicht an einer weiterführenden Zusammenarbeit beteuert haben. Wegen der langen Zeitspanne ist der Verdacht aber nicht abwegig, Petkovic habe den internationalen Markt sondiert. Und: Er habe beim SFV seinen Marktwert ausgelotet, um mehr Geld gepokert. Beide Aktionen sind legitim. Aber nicht opportun, wenn man sich wie Petkovic über die fehlende Wertschätzung in der Schweiz beklagt.

Verdächtig ist, dass die Vertragsverlängerung ausgerechnet an einem Tag kommuniziert wird, an dem «alle in diesem Zusammenhang relevanten SFV-Protagonisten an Euro-Workshops in Frankreich oder Uefa-Kongressen sind», wie es in einem Communiqué heisst. Welch ein Zufall. Dabei müssten die SFV-Bosse gar keinen Orkan an kritischen Fragen befürchten. Denn Petkovic hat es in eineinhalb Jahren als Nationaltrainer nicht geschafft, die ganz grosse Masse zu bewegen.