WM-Euphorie
Die Wiedergeburt der Ski-Nation Schweiz

Medaillen-Regen, Rekord-Quoten am TV, Begeisterung am Pistenrand. St. Moritz wird für die Schweizer Medaillenjäger zur erfolgreichsten WM seit 30 Jahren. Auch wenn gestern nicht mehr Edelmetall dazugekommen ist.

Richard Hegglin
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Die Männer-Abfahrt wurde am letzten Samstag zwar verschoben, doch im Zielraum feierten 38000 Zuschauer ein Ski-Fest.Christian Pfander/freshfocus

Die Männer-Abfahrt wurde am letzten Samstag zwar verschoben, doch im Zielraum feierten 38000 Zuschauer ein Ski-Fest.Christian Pfander/freshfocus

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Der Knackpunkt ereignet sich im Halbfinal des Teamevents. Reto Schmidiger kreuzt als Sieger die Ziellinie und fühlt sich trotzdem als Verlierer: «Ich muss mich selbst an der Nase nehmen. Wäre ich in diesem Lauf so gut gefahren wie im letzten, hätte es für den Final gereicht.» So scheidet die Schweiz im Halbfinal gegen die Slowakei mit einem weiblichen Power-Duo aus und verliert anschliessend das Duell um Bronze gegen Schweden mit 1:3.

Ein minimer Dämpfer. Die bisher entfesselt auftretenden Schweizer Skirennfahrer müssen erfahren: Auch bei ihnen wachsen die Bäume nicht ganz in den Himmel. Im Teamwettbewerb hatten sie eine weitere Medaille programmiert. Für einen Moment bricht die Stimmung auf der Tribüne und im wiederum reichbevölkerten Zielraum (10 000 Zuschauer) zusammen. Und kehrt schon Minuten später wieder zurück: Die Euphorie, die in der ersten WM-Woche entfacht worden ist, bleibt ungebrochen.

Rundum ist es spürbar: Die Schweiz wird von einer Welle der Begeisterung erfasst, wie man sie im Skisport seit Jahrzehnten nicht mehr erlebte. 38 000 Zuschauer am Samstag bei der geplanten Männer-Abfahrt, woraus sich nach der Absage ein gigantisches Ski-Happening entwickelte. Inoffiziell 30 000 auch am Sonntag, in Wahrheit wohl gegen 40 000, als wegen des Speed-Doppelrennens die Logistik an ihre Grenzen stiess.

Bessere Quoten als Federer

Im Fernsehen steigen die Quoten in Bereiche, die an die goldenen Skizeiten erinnern, als der Mittag an den Wochenenden unumstösslicher TV-Pflichttermin war. 945 000 schauten sich die Frauen-Abfahrt an, gar 1,075 Millionen die Männer-Abfahrt mit einem unglaublichen Marktanteil von 78,5 %. Auch die andern WM-Rennen unter der Woche bewegten sich im Bereich einer halben Million.

Zur Illustration ein Vergleich: Den Super-League-Match Luzern - Young Boys im Anschluss an die Männer-Abfahrt sahen sich noch 166 000 Personen an. Und selbst ein Superchampion wie Roger Federer kann mit den Skirennfahrern bei weitem nicht mithalten. Die Skirennfahrer erreichten über ein Drittel mehr Zuschauer als der Maestro bei seinem denkwürdigen 18. Grand-Slam-Triumph in Melbourne.

Federers Durchschnittsquote betrug 680 000. Bei seinem Besuch in St. Moritz himmelten ihn alle Skistars an und Weltmeister Beat Feuz sagte zu Recht: «Für mich ist Roger der grösste Sportler aller Zeiten, und das auf Ewigkeit». Aber in der Schweiz besitzen Feuz, Holdener, Aerni und Co. zumindest eine ähnlich grosse Resonanz. 300 000 bis 400 000 mehr TV-Zuschauer sprechen eine deutliche Sprache.

«Genau so eine Stimmung wollten wir erzeugen», sagt Swiss-Ski-Direktor Markus Wolf. «Die ersten Tage sind sogar besser herausgekommen als erhofft. Die erste Medaille von Lara war wichtig, um den Druck herauszunehmen. Aber die Euphorie ist so richtig entfacht worden durch den Doppelsieg von Wendy und Michelle (Holdener und Gisin, die Red.). Darauf ging ein Ruck durch das ganze Dorf.» Und die ganze Schweiz.

Die Leute hätten gespürt «Die Skination Schweiz ist da und parat», sagt Wolf. Einige Schneesport-Pioniere um Snowboard-Olympiasiegerin Tanja Frieden und Simon Notter nutzten die Gunst der Stunde, um eine Schneesport-Initiative (www.gosnow.ch) zu lancieren. Sie soll die Jugend aus Bergregionen und aus städtischen Agglomerationen miteinander verbinden und Kinder wieder vermehrt auf den Schnee bringen.

Lara Gut: Bronze im Super-G Sie hätte die Königin dieser WM werden sollen. Es kommt anders. Als grosse Favoritin auf den WMTitel im Super G gestartet, reicht es zu Platz 3. Beim Einfahren zum Kombinations-Slalom der Horror-Sturz. Kreuzband gerissen. Meniskus beschädigt. Saison-Ende. Aus der designierten Königin (25) ist die tragische Figur der WM geworden. Die ganze Ski-Welt leidet mit ihr.
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Wendy Holdener: Gold in der Kombination Irgendwann gehört er ihr, der Platz ganz zuoberst auf dem Podest. Nicht nur in der Kombination. Auch im Slalom. Irgendwann wird Wendy Holdener (23) den US-Überflieger Mikaela Shiffrin besiegen. Wir leiden mit. Und freuen uns bis dahin an Kombi-Siegen und zweiten Rängen. Sie kann für das Schweizer Highlight am letzten WM-Wochenende sorgen.
Michelle Gisin: Silber in der Kombination Wer eine grosse Schwester hat, die auch ein Ski-Star war und erst noch Olympiasiegerin, der hat es schwer. In St. Moritz ist Michelle Gisin erstmals aus dem Schatten von Dominique Gisin herausgetreten. Silber in der Kombination. Stark auch in der Abfahrt. Die quirlige 23-Jährige ist ein Versprechen für die Zukunft. Oder schon für den Slalom vom Samstag?
Beat Feuz: Gold in der Abfahrt Vielleicht ist er als Kind in einen Topf voller Gefühl fürs Skifahren gefallen. In seinem linken Knie war schon alles einmal kaputt, was kaputt sein kann. Vor fünf Jahren wusste nicht einmal er selbst, ob er je wieder Rennen fahren kann. Nun sorgt Beat Feuz, der sympathische 30-jährige Emmentaler, auch «Kugelblitz» genannt, für das emotionale Highlight der WM. Was für eine Geschichte!
Luca Aerni: Gold in der Kombination Gut unterwegs, schnelle Schwünge – und dann doch ausgeschieden. Wie häufig hat er das im Slalom erlebt! Dabei denkt sich der Zuschauer stets: Der Aerni, der könnte doch bald auf dem Podest landen! Und jetzt ist der 23-Jährige plötzlich da. Gold in der Kombination! Gold dank einem sensationellen Slalom-Lauf. Gold vielleicht auch dank der perfekten Position 30 nach der Abfahrt.
Mauro Caviezel: Bronze in der Kombination Immer wieder verletzt. Immer wieder abgeschrieben. Gar nie so richtig wahrgenommen. Das ist das Schicksal von Mauro Caviezel. 28 Jahre alt ist er mittlerweile. Zeitweise kann er nicht einmal mehr eine Treppe hochsteigen. Sein jüngerer Bruder Gino hat ihn längst überholt. Aber der Bündner gibt nicht auf. Und erfüllt sich in seinem Heimatkanton den Traum einer Medaille.
Wendy Holdener: Silber im Slalom Die Schwyzerin konnte sich im Slalom nicht gegen die US-Amerikanerin Mikaela Shiffrin durchsetzen, die in dieser Disziplin als unschlagbar gilt.

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KEYSTONE/JEAN-CHRISTOPHE BOTT

Verband bewies gutes Händchen

Auch innerhalb des Teams sei der positive Drive feststellbar, sagt Wolf. «Uns ist es gelungen, den Druck umzuwandeln in einen Fokus, in Freude - man spürt auch viel Professionalität.» Zum Beispiel bei der Selektion für die Kombi-WM (Luca Aerni für Niels Hintermann): «Da ist nach harten Diskussionen goldrichtig entschieden worden.»

Und so war es auch nicht einmal im Ansatz ein Thema, ob die Selektion der WM-Debütantin Camille Rast für den Teamevent ebenfalls richtig gewesen ist. Die 17-Jährige drängte sich mit überragenden Trainingsläufen auf, verlor aber viele Duelle. Ausschlaggebend war ein Fehlstart von Wendy Holdener im Halbfinal gegen Veronika Velez-Zuzulova. Und die sechs Hundertstel, die Schmidiger trotz seines Sieges gegen Andreas Zampa in der Gesamtabrechnung fehlten.

Reto Schmidigers realistisches Fazit: «Es kann nicht jeden Tag Gold regnen. Auch ich habe mir mehr erhofft. Aber so ist Sport.» Gleichwohl darf man den letzten vier Tagen mit vier technischen Bewerben zuversichtlich entgegensehen. Aufgrund der Weltcup-Ergebnisse erschien bisher nur ein Medaillengewinn von Wendy Holdener im Slalom realistisch. Direktor Wolf will indes die ungebrochene Hochstimmung ausnützen: «Jetzt versuchen wir durchzuziehen. Wir haben noch ein paar gefährliche Aussenseiter, die ohne jeglichen Druck starten können. Wer weiss, was passiert ...»

Historisch: Eine Erinnerung an goldene Zeiten

Auch im sporthistorischen Vergleich ist St. Moritz eine goldene WM. Sechs Medaillen, davon drei goldene – und es könnten noch mehr werden. In der jüngeren Vergangenheit waren die Schweizer nur 2009 in Val d’Isère ähnlich erfolgreich. Die Schweizer Ski-Cracks gewannen dort insgesamt sechs Medaillen, davon zweimal Gold durch Carlo Janka im Riesenslalom und Didier Cuche im Super-G. 1997 war es in Sestriere ebenfalls sechsmal Edelmetall, mit Gold für Bruno Kernen und Michael von Grünigen. Erfolgreicher war die Schweiz nur in den goldenen 1980er-Jahren, als Pirmin Zurbriggen, Erika Hess und Co. Medaillen en masse gewannen. Höhepunkt: die Heim-WM von Crans-Montana 1987 mit 14 Medaillen, davon 8 aus Gold.