Wettmanipulation
Die Wächter der Wetten

Wettbetrug hat Konjunktur, nicht nur im Fussball. Die Firma Sportsradar kämpft dagegen – mit Erfolg.

Konstantin Furrer
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Am einfachsten lässt sich ein Spiel manipulieren, das nicht auf der grossen Bühne stattfindet.

Am einfachsten lässt sich ein Spiel manipulieren, das nicht auf der grossen Bühne stattfindet.

imago sportfotodienst

«Wettmanipulation ist nichts anderes als Insiderhandel an der Börse. Jemand weiss vorab, wie ein sportliches Ereignis ausgehen wird», sagt Andreas Krannich. Er ist verantwortlich für die Security Services bei Sportradar, einem führenden Unternehmen bei der Überwachung von Sportwetten. Und als solcher hat er ziemlich viel zu tun.

Wettbetrug hat Konjunktur. Sportradar überwacht alle relevanten und auffälligen Quotenänderungen für über 450 Wettanbieter rund um den Globus – in Echtzeit versteht sich. 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche und 365 Tage im Jahr. Fünf Milliarden Quotenänderungen erfassen die Datenbanken pro Tag und analysieren diese auf Ungereimtheiten. 147 Spiele standen 2009 unter Manipulationsverdacht, sechs Jahre später sind es bereits 524. Und auch in diesem Jahr zeigt die Kurve nach oben.

Ein Frühwarnsystem

Wettbetrug – das hört sich zuerst nach dubiosen Geschäften an, die in schmuddeligen Hinterzimmern einer verrauchten Bar in Südostasien abgewickelt werden. Aber längst lockt das schnelle Geld an den Wettmärkten auch in den hiesigen Breitengraden. Als der Fussball-Wettskandal 2005 in den Medien publik wird, ist die Beachtung gross. Der damals 25-jährige Schiedsrichter Robert Hoyzer hat Spiele der 2. Bundesliga, des DFB-Pokals und der Regionalliga geschoben. Er unterhielt Verbindungen zu der kroatischen Wettmafia. Es war auch dieses Jahr, in dem das Frühwarnsystem von Sportradar seinen Ursprung hat.

Nach dem Wettskandal baut das Unternehmen seine Wettüberwachungssparte aus und unterstützt seither den Deutschen Fussballverband bei der Aufdeckung von Sportmanipulationen.

Inzwischen sind europaweit unzählige dazugekommen, nicht nur aus der Welt des Fussballs. «Die höheren Ligen sind grundsätzlich weniger manipulationsanfällig», sagt Krannich. Dass aber auch das obere Segment betroffen sein kann, zeigen die Enthüllungen von der BBC. 16 Tennisprofispieler aus den Top 50 sollen in den vergangenen zehn Jahren in Spielabsprachen verwickelt gewesen sein. Unter ihnen angeblich sogar auch ein Grand-Slam-Sieger.

Ein neuer Trend, den Sportradar beobachtet, ist die Manipulation von Fussball-Freundschaftsspielen in der Sommer- und Winterpause. So geschehen, als der SV Wehen Wiesbaden in einem Testspiel in der Türkei gegen die zweite Mannschaft von Borussia Mönchengladbach zwei fragwürdige Penaltys zugesprochen bekam. In Asien wurden grosse Geldsummen auf das Freundschaftsspiel gesetzt. Das Wettüberwachungssystem von Sportradar schlug umgehend Alarm und meldete die Unregelmässigkeit an den Deutschen Fussball-Verband.

«99,8 Prozent aller manipulierten Spiele gehen auf drei Wettoptionen zurück: Das Wetten auf den Ausgang der Partie, also Sieg, Niederlage oder Unentschieden. Das Wetten auf die Gesamtzahl der Tore in einem Spiel. Und die Handicap-Wette. Dabei wird beiden Mannschaften eine fiktive Anzahl an Toren vorgegeben», erklärt Krannich.

Eine neuere Erscheinung auf den Wettportalen sind «Spasswetten», wie Krannich sie nennt. Dabei können die Wettenden von einer Vielzahl von Möglichkeiten auswählen, wie zum Beispiel, was die erste Handlung in einem Spiel nach dem Anpfiff sein wird – Einwurf oder Abstoss? «Der Buchmacher weiss: Bei dieser Art von Wetten ist es ein Leichtes, zu manipulieren. Darum akzeptiert er nur einen relativ geringen Wettbetrag im Vergleich zu den anderen Wetten», sagt Krannich. «Das heisst, sie können das schon manipulieren,gewinnen dann aber nur 500 Euro.» Solche Wetten seien in erster Linie dazu da, um den Wettenden zu stimulieren, um ihn hineinzuziehen, damit lasse sich kein Geld verdienen.

Besonders betroffen von Wettbetrug sind die grossen Sportarten. Dort wird auf den Wettmärkten der meiste Umsatz erzielt. «Ein Krimineller wird immer versuchen, seinen Gewinn zu optimieren, und das geht dort am besten, wo die Märkte am liquidesten sind. Deshalb werden sie viel Betrug in attraktiven Sportarten sehen wie Tennis oder Fussball», sagt Krannich. An der Europameisterschaft dürfte es aber zu keinen Wettmanipulationen kommen. Zu gut sind die Spieler bezahlt und zu stark exponiert sind die Spiele.