Fussball
Die Verwandlung des Chefs: Wie sich Granit Xhaka als Nati-Captain entwickelt – und warum das auch gefährlich ist

Aktuelle und ehemalige Weggefährten sprechen über die Entwicklung von Granit Xhaka. Er selbst ersehnt den ersten Sieg als Captain.

Etienne Wuillemin
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Er weist den Weg. Granit Xhaka ist der unbestrittene Chef im Schweizer Nationalteam. Nun soll endlich der erste Sieg des Jahres her.

Er weist den Weg. Granit Xhaka ist der unbestrittene Chef im Schweizer Nationalteam. Nun soll endlich der erste Sieg des Jahres her.

Imago Images

Plötzlich huscht ein Lächeln über sein Gesicht. Es ist das ­typische Xhaka-Lächeln, und der Zuhörer weiss darum: Es folgt ein Satz, der nicht ganz ernst gemeint ist. Die Frage an ihn lautet: «Das Spiel gegen ­Belgien hat gezeigt, dass die Schweiz ohne Xhaka viel Stabilität verliert. Erschreckt Sie das, oder freut sie das?» Xhaka ­lächelt also und ruft: «Das freut mich natürlich!» Dann sagt er, jetzt ernst: «Ich bin genauso enttäuscht wie die ganze Mannschaft. Jedes Mal, wenn wir nicht gewinnen, bin ich sauer.»

Es ist der Tag vor dem ­Nations-League-Spiel gegen Spanien. Und darum gehört die Bühne im St.Jakob Park dem Schweizer Captain. Seit Sommer ist Xhaka Spielführer der Nationalmannschaft. Und es ist offensichtlich, dass ihm diese Rolle behagt. Dass er noch einmal an Reife gewonnen hat. Dass er noch mehr Verantwortung übernimmt, als er das ­ohnehin schon immer getan hat.

Die Erinnerungen von Hitzfeld und Heusler

Die nächste Frage ist darum: Was ist das Schöne am Captain-Amt? Erst zögert Xhaka einen Moment. Dann sagt er: «Ich denke nicht darüber nach, ob ich die Binde trage oder was ich für Träume damit habe. Meine Aufgabe ist es, Leistung zu bringen, so wie das die Leute von mir erwarten. Und auch, dass ich die Mannschaft führe. Wichtig ist einfach, dass mich die Mitspieler in dieser Rolle akzeptieren.» Dass das so ist, daran besteht kein Zweifel. ­Haris Seferovic, zusammen mit Xhaka einst U17-Weltmeister, sagt: «Ich kenne Granit schon fast ewig. Er ist der geborene Leader. Er dirigiert und führt immer, nicht erst seit er Captain geworden ist.» Es gibt niemanden, der das anders sieht.

Im nächsten Juni ist es zehn Jahre her, seit Xhaka Nationalspieler wurde. Ein 2:2 gab es bei seinem Debüt in England. Es war die Zeit nach dem Rücktritt von Alex Frei und Marco Streller, als Ottmar Hitzfeld zum Umbruch gezwungen wurde. Eines ist dem ehemaligen Nationaltrainer schon damals aufgefallen: Wie souverän und selbstverständlich Xhaka das Interesse an seiner Person bewältigte. Hitzfeld beeindruckte das.

Bernhard Heusler.

Bernhard Heusler.

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Einer, der Xhaka seit dem ­Junioren-Alter kennt, ist der ehemalige FCB-Präsident Bernhard Heusler. Zwei prägende ­Erinnerungen sind ihm geblieben, die Xhakas Charakter schon früh erkennen liessen. Als 17-jähriger wurde Xhaka in ­Debrecen erstmals in einem Champions-League-Qualifikationsspiel eingewechselt. Er fügte sich ohne jede Furcht ein, schoss sogar gleich ein Weitschuss-Tor. Und dann, es ist eine besondere Episode in der neueren FCB-Geschichte, gibt es das 3:3 in der Champions League bei Manchester United. «Das Resultat und der Auftritt unseres Teams waren für alle begeisternd. Ich ging in die Kabine und wollte den Spielern gratulieren für diesen unglaublichen Abend. Da merkte ich: Granit denkt nicht im Ansatz daran, mit einem Unentschieden im Old Trafford zufrieden zu sein. Er ärgerte sich, dass es nicht zum Sieg reichte.»

Das letzt Ziel 2020: Irgendwie den Abstieg verhindern

Genau dieses Denken ist ihm auch jetzt als Nati-Captain eigen. Keine Spur von Zufriedenheit nach einem Unentschieden gegen Deutschland, und schon gar nicht nach einer knappen Niederlage, selbst wenn der Gegner Spanien heisst. Stephan Lichtsteiner hat ihn in dieser Hinsicht geprägt, sein Vorgänger als Nati-Captain.

Manchmal aber wirkt die umgebaute Nationalmannschaft wie ein Sonnensystem. Mit der Sonne Xhaka und vielen Planeten darum herum, die nur existieren können, wenn auch die Sonne da ist. Das kann durchaus gefährlich werden. Sieht auch Petkovic so: «Es sollte schon nicht so sein, dass die Mannschaft abhängig von einem Spieler ist.»

Eine andere Gefahr ist die, dass sich Xhaka als Captain selbst zu sehr in die Verantwortung nimmt, dass er zu viel ­machen will. Doch bis anhin sind diese Gedanken unbegründet. Seine Leistungen im Nationalteam sind in diesem Herbst noch konstanter und besser geworden. Nur ein Sieg fehlt noch.

Und nun also dieses Spiel gegen Spanien. Es ist die nächste Chance, den ersehnten Sieg gegen einen Grossen des Weltfussballs endlich zu realisieren. «Genug geredet. Es ist an der Zeit, zu liefern», sagt Xhaka noch. Die Hoffnung, den Abstieg aus der Liga A der Nations League noch abwenden zu können, lebt.

Die Ausgangslage

CH Media

Nations League A, Gruppe 4, die verbleibenden Spiele

Samstag, 20:45 Uhr:
Schweiz - Spanien und Deutschland - Ukraine.

Dienstag, 20:45 Uhr
Schweiz - Ukraine und Spanien - Deutschland

Die mögliche Schweizer Aufstellung gegen Spanien

Sommer; Elvedi, Akanji, Rodriguez; Widmer, Freuler, Xhaka, Zuber; Shaqiri; ­Embolo, Seferovic;


Die Ausgangslage:

Die Schweiz braucht aus den letzten zwei Spielen vier Punkte, um den Abstieg noch zu verhindern. Falls die Ukraine in Deutschland nicht verliert, sogar sechs Punkte. Mit zwei Siegen könnte die Schweiz sogar noch Gruppensieger werden - dann, wenn die anderen zwei Partien remis enden.