Willkürliche Selektionen

Die Unverstandenen – Spitzenruderer beklagen sich über zu wenig Mitspracherecht beim Verband

Kritik aus der Ruderwelt. (Archivbild)

Kritik aus der Ruderwelt. (Archivbild)

Ausgetretene Ruderer kritisieren den Schweizer Verband scharf und sprechen von willkürlichen Selektionen.

Der Schweizerische Ruderverband hat ein Problem. Plötzlich laufen ihm Athleten aus dem Leistungszentrum in Sarnen davon. So geschehen in diesem Jahr mit den beiden erfahrenen Ruderern Nico Stahlberg und Augustin Maillefer. Schon 2019 trennte sich Jeannine Gmelin, die beste Rudererin des Landes, vom Verband und macht seither auf eigene Faust weiter. Was ist da los?

Im Verband spricht man von Einzelfällen, die individuell beurteilt werden sollen. Trotzdem kann man die Vorwürfe relativ einfach in zwei Forderungen zusammenfassen: Die Athleten wollten mehr Mitspracherecht in der Trainingsgestaltung und eine bessere Kommunikation im Auswahlverfahren, wer es in welches Boot schafft.

Quantität vor Qualität führe zu Regenerationsproblemen

Kritik kommt von Nico Stahlberg. Der Gesamtweltcupsieger im Einer von 2017 hat sich vom Verband distanziert, weil er sich in den Trainings nicht richtig ge­fördert fühlte. «Ich denke, ich kann gut einschätzen, was ich brauche», sagt Stahlberg.

Rudert nicht mehr beim Verband. Nico Stahlberg.

Rudert nicht mehr beim Verband. Nico Stahlberg.

Wenn er seine Bedürfnisse einbrachte, sei darauf keine Rücksicht genommen worden. «Oft kam die Regeneration zu kurz, wodurch wichtige Trainingseinheiten und Schlüsseltrainings ihre Zielsetzungen verfehlten», sagt Stahlberg. Auch die Kritik von Augustin Maillefer zielt in eine ähnliche Richtung. In seinem Blog schreibt er davon, dass auf Quantität statt Qualität gesetzt werde.

Hat die Karriere inzwischen beendet: Augustin Maillefer.

Hat die Karriere inzwischen beendet: Augustin Maillefer.

Auf die Kritik angesprochen, verteidigt sich Nationaltrainer Edouard Blanc. «Damit überhaupt die Qualität geschaffen werden kann, die es braucht, um international konkurrenzfähig zu sein, braucht es viel Training. Die Messlatte, wie viel nötig ist, wird vom internationalen Niveau bestimmt.»

Doch nicht nur das Training, auch die Zusammenstellung der Boote ist für die Athleten ein Thema. Die wichtigsten Rennen des Jahres sind für Ruderer oft solche, von denen die Öffentlichkeit kaum etwas mitbekommt: die Trials. Im März kämpfen die Athleten in Ausscheidungen um ihren Platz im Boot. Besonders umkämpft waren in diesem Jahr die Plätze im Vierer ohne, der für die Olympischen Spiele qualifiziert ist. Maillefer verlor seinen Platz und Stahlberg schaffte es nicht ins Boot.

Beide sprechen von unfairen Bedingungen, davon, dass unklar war, wie die Entscheide zu Stande kamen, was wiederum für Unmut sorgte. Ihr eingelegter Rekurs wurde vom Verband abgewiesen. «Wenn ich nicht Teil des Teams bin, weil mich jemand schlägt, würde ich das akzeptieren», sagt Maillefer. Aber er habe sich gar nicht im Wasser beweisen dürfen, obwohl seine Ergometerdaten mit jenen der Konkurrenten hätten mithalten können. Cheftrainer Blanc sagt: «Die Selektion erfolgt in einem langen Prozess, der im Herbst beginnt und in den internen Trials endet. Dort werden täglich Rennen gefahren und jeder Ruderer bekommt die Chance, sein Leistungsniveau zu zeigen. Mein einziges Ziel ist es, das schnellste Boot zu haben.»

Rückendeckung erhält der Trainer von Verbandsdirektor Christian Stofer. Dieser sagt: «Die Fälle wurden aufgearbeitet. Es liegt in der Kompetenz des Cheftrainers, die Entscheidung für die Boote anhand der Testergebnisse so zu treffen, wie er am meisten Potenzial sieht.» Und was sagt Blanc zur Kritik, dass nicht offen kommuniziert wurde, wie selektioniert wird? «Ich finde, ich habe meine Entscheide immer klar mitgeteilt, jeder durfte Fragen stellen.» Es ist eine Einschätzung, welche Stahlberg und Maillefer nicht teilen. Maillefer ist inzwischen zurückgetreten. Stahlberg erholt sich von einer Operation und will ausserhalb der Verbandsstrukturen weitermachen.

Der Ruderer, der nie mehr ins Boot steigt

Besonders ist auch die Geschichte von Fabian Thali. Von November 2017 bis im Juni 2018 gehört der Luzerner dem Elitekader an, ehe er von einem auf den anderen Tag seine Karriere beendete. Seither hat Thali nie mehr ein Ruderboot bestiegen. Er sagt: «Rudern war meine
Leidenschaft. Aber etwas ist in mir an jenem Tag gestorben.» Wie kann es passieren, dass ein Sportler, die Freude komplett verliert?

Fabian Thali war nicht lange Teil des Nationalkaders. Seither sass er nicht mehr im Ruderboot.

Fabian Thali war nicht lange Teil des Nationalkaders. Seither sass er nicht mehr im Ruderboot.

Thali war ein Spätzünder, viele glaubten nicht, dass er es an die Spitze schaffen könne. Aber in den Trials im Frühjahr 2018 qualifizierte er sich für das neue Projekt, den Vierer ohne. Weil sich aber zwei seiner Teamkollegen verletzten, startete das Boot im ersten Weltcuprennen nicht. Vor dem zweiten fanden erneut Trials statt. Am Ende des Tages musste Thali gehen. Warum genau, wisse er nicht. Er sagt: «Leider war das Auswahlverfahren völlig intransparent. Ich war ja selektioniert für das Boot und konnte mir nicht vorstellen, dass sich dies mitten in der Saison ändert.» Nationaltrainer Edouard Blanc sagt, dass es keine Garantien gäbe. «Falls ich während der Saison eine Leistungsentwicklung feststelle, die nicht stimmt, muss ich mir erneut Gedanken machen und die Plätze manchmal neu verteilen.»

Bei Jeannine Gmelin war das Problem, das zum Bruch mit dem Verband führte, ein anderes. Anfang des Jahres 2019 forderte die beste Schweizer Ruderin ein individuelles Mitspracherecht
in Bezug auf die Trainingsgestaltung. Doch sie fand kein Gehör. Dazu kam, dass ihr Trainer Robin Dowell entlassen wurde.

Hat einen eigenen Weg eingeschlagen: Jeannine Gmelin.

Hat einen eigenen Weg eingeschlagen: Jeannine Gmelin.

Gmelin ging danach mit Dowell in einem Privatteam ihre eigene Wege. Sie sagt: «Für mich passt das besser. Ich habe jetzt mehr Freiheit und das Training ist besser auf mich ausgerichtet.» Wie sich die Situation seit ihrem Austritt im Januar 2019 verändert hat, könne sie nicht beurteilen.

Die Ruderer befinden sich auf einer Erfolgswelle

Geht es nach Stahlberg und Maillefer, dann hat sich in Bezug auf die Mitsprache wenig geändert. Ihre Kritik am Trainingsbetrieb bleibt. Verbandsdirektor Christian Stofer sagt: «Ich habe nicht das Gefühl, dass wir jemanden Unrecht tun. Unser Ziel ist es, uns mit den Weltbesten zu messen, dafür müssen wir auch so trainieren.»

Als Stofer 2008 die Leitung des Ruderverbands übernahm, lag dieser in Trümmern. Stofer definierte eine neue Strategie, mit der Zentralisierung in Sarnen als Teil davon. Die Schweiz ist seither so erfolgreich wie nie. Der Höhepunkt: 2016 gibt es Olympia-Gold im Leichtgewichts-Vierer. Stofer sagt, das System habe sich entwickelt und verbessert. Die Kritik einfach wegwischen, will er aber nicht: «Unser System ist nicht perfekt, darum versuchen wir, es immer weiter zu entwickeln. Das heisst aber nicht, dass jeder Athlet einfach das machen kann, was er will.»

In kaum einer Sportart wird so viel und so intensiv trainiert wie im Rudern. Selbst an Tagen, an welchen die Athletinnen und Athleten alleine oder im Stammklub trainieren, müssen sie ihre Leistungsdaten den Trainern in Sarnen schicken. «Diese permanente Kontrolle ist für mich bei Spitzensportlern nicht nachvollziehbar. Es fehlt an Vertrauen, zudem muss die Eigenverantwortung gefördert werden», sagt Stahlberg.

Der ehemalige Leichtgewichtsruderer Michael Schmid ist weniger kritisch: «In den vergangenen Jahren hat sich viel verbessert.» Die Leichgewichtsruderin Patricia Merz sagt: «In Sachen Individualität müsste schon ein Schritt passieren. Aber für mich passen die Trainings in Sarnen grundsätzlich gut.»

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