Roger Federer
Die unverschämte Rückkehr eines bereits Abgeschriebenen

Roger Federer gewinnt in Rotterdam und übernimmt die Spitze der Weltrangliste als ältester Spieler der Geschichte.

Simon Häring
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EPA

Den für ihn wohl wichtigsten Satz sagte Roger Federer nach seinem Turniersieg in Rotterdam fast schon beiläufig. Er wolle so schnell wie möglich zurück in die Schweiz. Er wolle zu Hause sein, wenn seine vier Kinder aufwachen, die Zwillingsmädchen Charlene und Myla und die Zwillingsbuben Leo und Lenny. Für einmal war Federer alleine an ein Turnier gereist, auch ohne Frau Mirka. «Es fiel mir sehr schwer, alle zu verlassen, denn wir haben viele Freunde zu Hause», gab er zu. Doch die Chance, Rafael Nadal von der Spitze der Weltrangliste zu verdrängen, war zu verlockend.

Im Final bezwang Federer den Bulgaren Grigor Dimitrov (26, ATP 5) mit 6:2, 6:2 und feierte in Rotterdam seinen dritten Erfolg nach 2005 und 2012, der zugleich sein 97. Turniersieg ist. Damit ist auch sicher, dass Federer, der heute seine 303. Woche an der Spitze der Weltrangliste in Angriff nimmt, bis zum 18. März die Nummer 1 der Welt bleibt. Mit 36 Jahren und 195 Tagen ist er der älteste Spieler, der je an der Spitze stand. «Es kann kaum mehr besser werden. Es war eine unglaubliche Woche, die ich niemals vergessen werde.»

Letztmals führte Federer vor über fünf Jahren, am 4. November 2012, das Ranking an. Dass er noch einmal an die Spitze vorstossen könnte, hätte selbst er nicht für möglich gehalten, zumal er auf die Sandsaison und damit auch auf die French Open verzichtet hatte. Doch Federer gewann eben auch 9 der 14 Turniere, die er seit Januar 2017 und seiner Rückkehr nach halbjähriger Pause bestritten hat. Federer dominierte die Konkurrenz zuletzt wie im Zenit seiner Schaffenskraft – auch seinen Erzrivalen, den Spanier Rafael Nadal (32), den er in dieser Zeitspanne in vier Duellen vier Mal besiegt hat.

Thron war nie das Ziel

Federer sagt, die Nummer 1 sei nie sein Ziel gewesen, «absolut nicht. Ich wusste, dass es viel zu weit weg ist. Es wäre unverschämt gewesen, so etwas nach der Operation zu sagen. Die Leute hätten gedacht: ‹Bist du gaga?› Ich wusste, dass ich dafür im Minimum zwei Grand Slams gewinnen muss. Ich hätte nicht gedacht, dass ich das schaffen würde.» Nun hat er drei der letzten fünf Major-Turniere gewonnen. Federer, der im letzten Sommer nach dem achten Wimbledon-Sieg von sich sagte, er sei «ein normaler Junge mit grossen Träumen» gewesen.

Was er zuletzt erreicht habe, fühle sich «unwirklich» an. «Es war ein langer und weiter Weg. Manchmal war er auch windig und steinig. Das ist ein weiterer Meilenstein in meiner Karriere», sagte der Baselbieter. Der Schlüssel zu den Erfolgen im für Tennisspieler methusalemischen Alter sieht er in seiner Leidenschaft für das Spiel. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Die Rückkehr an die Spitze ist Resultat von Disziplin, Arbeitsethos und Opferbereitschaft. Federer ist ein Arbeiter, der in einer Hülle der Leichtfüssigkeit steckt.

«Wenn man älter wird, muss man doppelt so viel arbeiten», sagte auch Federer. Seit seiner Rückkehr ist das Verständnis dafür gewachsen, dass auch ein mit aussergewöhnlichem Talent Gesegneter wie er nur Erfolg hat, wenn er dafür arbeitet. Es ist keine neue Erkenntnis und sie wirkt zuweilen grotesk: Aber Roger Federers jüngste Erfolge sind wohl die Folge einer kindlichen Unbeschwertheit, die er in seiner Zwangspause wiederentdeckt hat. Die Pause hat ihn noch stärker gemacht. Heute wirkt Federer wie einer, der im Leben die perfekte Balance gefunden hat.

Die Unterstützung der Ehefrau

Möglich macht das Ehefrau Mirka. «Ihre Unterstützung ist unglaublich. Nur dank ihr kann ich noch Tennis spielen», sagte Federer Anfang Jahr in Australien. Seit fast zwei Jahrzehnten sind sie ein Paar. Als sie sich kennen lernten, war Federer ein Talent, mehr nicht. Heute gibt es kaum einen bedeutenden Rekord mehr, den er nicht hält. Die Siege, Rekorde und Trophäen – sie sind Beleg einer einzigartigen Karriere. Sie sind sein Antrieb – aber eben nicht nur.

Ende des letzten Jahres wurde Federer zum Schweizer Sportler des Jahres gewählt. Auf einem Bildschirm aus Dubai ins Studio nach Zürich zugeschaltet, erzählte er, dass er seine Kinder ins Bett gebracht habe. Er müsse noch ins Fernsehen, denn er habe gute Chancen, zu gewinnen. Seine Kinder hätten überrascht darauf reagiert: «Rafael Nadal sei doch die Nummer 1 der Welt. Wie ich denn gewinnen könne, haben sie mich gefragt», erzählte er.

Ab heute führt Federer die Weltrangliste wieder an. «Ich werde sie genau anschauen, damit sicher ist, dass kein Fehler passiert ist», sagte er mit einem Schmunzeln. Doch seinen Kindern dürfte die Weltrangliste egal sein, wenn sie am Montag ihre Augen öffnen. Ihnen ist egal, ob Federer die Nummer 1 oder die Nummer 17 der Welt ist.