French Open
Die unsichtbare Unbekannte: Stan Wawrinka will sich wieder wie auf Drogen fühlen

Aus dem Verlierer Stan Wawrinka ist ein Süchtiger nach der Droge Erfolg geworden. Trotzdem wird er dauernd unterschätzt. Auch jetzt in Paris wieder. Die Rolle des Unsichtbaren ist die Rolle seines Lebens.

Simon Häring
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Bekannte Geste: Stan Wawrinka tippt mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Um sich daran zu erinnern, wozu er fähig ist.

Bekannte Geste: Stan Wawrinka tippt mit dem Zeigefinger an die Schläfe. Um sich daran zu erinnern, wozu er fähig ist.

Keystone

Emsiges Treiben herrscht zwei Tage vor dem Start bei den French Open. Nach der Auslosung geben sich die Besten im Viertelstundentakt die Klinke in die Hand. Erst Djokovic, der Titelverteidiger, dann Dominic Thiem, der Österreicher, der Halbfinalist des Vorjahres, der in Rom Rafael Nadal hat bezwingen können.

Später der Spanier, der in Paris zum zehnten Mal die Coupe des Mousquetaires gewinnen kann. Den Abschluss macht Andy Murray, die Nummer eins der Welt. Nur in einem Nebenraum spricht er, von dem alle anderen derzeit sprechen: Alexander Zverev, der 20-jährige Rom-Triumphator aus Deutschland.

Doch einer fehlt: Stan Wawrinka (32). Er ist nicht im Epizentrum der Tenniswelt, am Bois de Boulogne. Stattdessen geniesst er im über 400 Kilometer entfernten Genf sein Heimspiel, sucht an den Gestaden des Lac Léman im noblen TC Eaux-Vives seine Form, wie immer in den letzten drei Jahren.

Wawrinka geniesst das Heimspiel in Genf.

Wawrinka geniesst das Heimspiel in Genf.

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Wieder gleichen sich die Sätze. «Es stimmt, meine letzten drei Turniere waren nicht gut, aber ich fühle mich gut, ich treffe die Bälle im Training. Es gibt keinen Grund zur Panik, ich stecke nicht in einer Krise.» Es ist wie eine Schablone, die man jedes Jahr verwenden kann, wenn Wawrinka in Genf spielt.

Wie vor zwei Jahren, als er im Frühling mitten in einer sportlichen Baisse die Trennung von seiner Frau Ilham bekannt gab. Gesprochen wurde damals allenfalls über seine clowneske, karierte Hose. Nicht aber davon, dass er die French Open gewinnen könnte.

«Ich bin nicht gut genug»

Wie beim Premieren-Sieg beim Grand-Slam-Turnier 2014 in Melbourne, wie im Jahr darauf in Paris und im Vorjahr in New York steht Wawrinka auch diesmal nicht ganz oben auf der Liste der Anwärter auf den Sieg.

Wieso eigentlich? Nach dem taumelnden Novak Djokovic ist er in den letzten drei Jahren bei Grand-Slam-Turnieren mit drei Erfolgen auf drei verschiedenen Unterlagen der erfolgreichste Spieler. Heute gibt es kaum eine Favoritenliste mehr, auf der sein Name nicht erscheint, aber immer steht er im Schatten anderer: jenem von Djokovic, Nadal, Murray und Federer, nun sogar in jenem von Zverev und Thiem.

Das sind die sechs Favoriten für die French Open 2017:

Rafael Nadal (Herkunft: Spanien, Alter: 30, Weltnummer: 4, Titel 2017: 3) Dominierte auf Sand mit Turniersiegen in Monte Carlo, Madrid und Barcelona wie zu seinen besten Tagen. Nadal wirkte in Rom müde und erholte sich zuletzt in Mallorca. Klarer Favorit auf den Titel. Es wäre sein zehnter bei den French Open.
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Novak Djokovic: (Herkunft: Serbien, Alter: 30, Weltnummer: 2, Titel 2017: 1) Weil er in den letzten zwölf Monaten nur zwei Turniere gewonnen hat, erfindet sich der Titelverteidiger neu. Djokovic hat sein ganzes Trainerteam entlassen und setzt neu auf Andre Agassi. Die Tendenz zeigt nach oben. Er erreichte in Rom den Final.
Alexander Zverev: (Herkunft: Deutschland, Alter: 20, Weltnummer: 10, Titel 2017: 3) Alexander Zverev ist der jüngste Masters-Sieger seit Novak Djokovic vor zehn Jahren. Doch bei Grand-Slam-Turnieren ist sein Leistungsnachweis bescheiden. Weiter als bis in die dritte Runde kam er noch nie. Profitiert von guter Auslosung.
Dominic Thiem (Herkunft: Österreich, Alter: 23, Weltnummer: 7, Titel 2017: 1) Sand ist seine beste Unterlage. Dominic Thiem erreichte in Madrid und Barcelona den Final, in Rom bezwang er erstmals Rafael Nadal, hatte dann aber gegen Djokovic keine Chance. Vor einem Jahr stand er im Paris-Halbfinal.
Stan Wawrinka (Herkunft: Schweiz, Alter: 32, Weltnummer: 3, Titel 2017: 0) Bei den grossen Turnieren ist er immer ein heisser Kandidat auf den Titel. Vor zwei Jahren gewann er in Paris, wo er im Final Novak Djokovic bezwang. Auf Sand fühlt er sich besonders wohl. 2003 holte er in Roland Garros den Junioren-Titel.
Andy Murray (Herkunft: Grossbritannien, Alter: 30, Weltnummer: 1, Titel 2017: 1) Murray gewann im März in Dubai. Zuvor und danach folgten aber überraschend frühe Niederlagen. Nun leidet der Vorjahres-Finalist auch noch an einer Erkältung. Zuletzt wirkte der Schotte etwas ratlos. Sand ist seine schwächste Unterlage.

Rafael Nadal (Herkunft: Spanien, Alter: 30, Weltnummer: 4, Titel 2017: 3) Dominierte auf Sand mit Turniersiegen in Monte Carlo, Madrid und Barcelona wie zu seinen besten Tagen. Nadal wirkte in Rom müde und erholte sich zuletzt in Mallorca. Klarer Favorit auf den Titel. Es wäre sein zehnter bei den French Open.

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Nur einmal nennt er sich selber als Sieganwärter. Und scheitert 2014 in Paris gleich in der ersten Runde. Auch deswegen sagt Wawrinka heute: «Ich bin nicht gut genug, als dass ich sagen dürfte: Ich gewinne in diesem Jahr ein Grand-Slam-Turnier. Nadal, Djokovic, Murray und Federer stehen über allen.»

In der Rolle seines Lebens

Doch dann kommt er: Stan Wawrinka. Für Spieler wie ihn hat sich im Sportkosmos ein Begriff festgesetzt: Dark Horse, dunkles Pferd. Es steht für jemanden, den alle auf der Rechnung haben, bei dem aber trotzdem jeder überrascht ist, wenn er am Ende auch gewinnt. Eine Wundertüte, eine bekannte Unbekannte.

Auf keinen trifft diese Bezeichnung mehr zu als auf den Romand, der so anders ist als jene, zu denen er noch immer aufschaut. «Es stimmt, dass ich als Junior nicht so viel Talent hatte und deshalb härter arbeiten musste», ist einer jener Sätze, die er immer wieder abruft. «Ich war der Typ, den man übersieht.»

Es ist die Rolle seines Lebens. Eines Lebens, das sich trotz seiner Rolle als Vater der siebenjährigen Tochter Alexia auf dem Rechteck mit weissen Linien und einem Netz abspielt. Auch in den Ferien, sagt er, gebe es kaum einen Tag, an dem er sich keine Gedanken mache, wie er sich verbessern könne.

Die Kunst des Verlierens

Zweifel sind dabei sein ständiger Begleiter. «Nur deswegen bin ich so weit gekommen. Sie bringen mich dazu, immer noch mehr zu arbeiten, sie sind Teil meiner Persönlichkeit.» Wie auch die Verletzlichkeit, aus der er kein Geheimnis macht. Er erzählt von den letzten Minuten vor dem US-Open-Final im letzten Jahr. Weinend und zittern vor Nervosität, von den Gefühlen übermannt, sitzt er im Bauch der grössten Tennisbühne der Welt.

Wawrinkas Tattoo am Unterarm – ein Zitat von Becket.

Wawrinkas Tattoo am Unterarm – ein Zitat von Becket.

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Einst hat er das Verlieren zur Kunst erhoben. Auf seinen Unterarm liess er sich die Worte von Samuel Beckett stechen: «Immer versucht. Immer gescheitert. Egal. Versuch es wieder. Scheitere wieder. Scheitere besser.» Inzwischen hat er das Leiden zu seinem Markenzeichen stilisiert und sagt: «Wer zu den Besten gehören will, der muss es fast geniessen.»

Angst vor dem Loch am Ende

Mit 32 Jahren ist er im letzten Abschnitt seiner Karriere. Er hat Probleme mit dem Knie, die ihn auch in Genf beschäftigen. Er müsse lernen, damit umzugehen. Es sind Warnsignale und Vorboten eines Endes, das ihn beschäftigt.

«In anderen Berufen kann man so lange arbeiten, wie man will, im Sport nicht. Natürlich kann ich sagen, ich höre jetzt auf, aber sogar wenn man das nicht will, muss man irgendwann», sagt er im Tennismagazin «Smash». Was danach kommt, weiss er nicht, aber es bereitet ihm Sorgen, «und auch Angst. An dem Tag, wo es aufhört, kommt vermutlich das Loch, weil man nicht wiederholen kann, was man erlebt hat.»

«Gewinnen macht süchtig»

Wawrinka scheut das Rampenlicht. Auf Fotos sieht er sich nicht gerne: «Es hat etwas Selbstverliebtes.» Wenn er in der Schweiz ist, verkriecht er sich in seinen eigenen vier Wänden. «Das Tennis hat mir geholfen. Früher habe ich mich von der Welt abgekapselt», sagt er vor drei Jahren.

Mit dem Triumph in Melbourne hat sich alles geändert: «Es hat ein neues Leben begonnen.» Jenes als Sieger. «Wenn man gewinnt, macht das etwas süchtig. Es ist wie eine Droge.» Auch deswegen will er möglichst lange weitermachen. Im Schatten der anderen, als bekannte Unbekannte. In der Rolle seines Lebens.

Das sind alle Turniersiege von Stan Wawrinka:

16. Titel, Genf 2017 Mischa Zverev, 4:6, 6:3, 6:3.
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15. Titel, US Open 2016 Novak Djokovic, 6:7 (1:7), 6:4, 7:5, 6:3.
14. Titel, Genf 2016 Marin Cilic, 6:4, 7:6 (13:11).
13. Titel, Dubai 2016 Marcos Baghdatis, 6:4, 7:6 (15:13).
12. Titel, Chennai 2016 Borna Coric, 6:3, 7:5
11. Titel, Tokio 2015 Benoit Paire, 6:2, 6:4.
10. Titel, French Open 2015 Novak Djokovic, 4-6 6-4 6-3 6-4
9. Titel, Rotterdam 2015 Tomas Berdych, 4:6, 6:3, 6:4.
8. Titel, Chennai 2015 Aljaz Bedene (ATP 156), 6:3, 6:4.
7. Titel, Monte Carlo 2014 Roger Federer, 4:6, 7:6, 6:2
6. Titel, Australian Open 2014 Rafael Nadal, 6:3, 6:2, 3:6, 6:3
5. Titel, Chennai 2014 Edouard Roger-Vasselin, 7:5, 6:2.
4. Titel, Portugal Open, Oeiras, 2013 David Ferrer, 6:1, 6:4.
3. Titel, Chennai 2011 Xavier Malisse, 7:5, 4:6, 6:1
2. Titel, Casablanca 2010 Victor Hanescu, 6:2, 6:3.
1. ATP-Titel: Croatia Open, Umag, 2006 Novak Djokovic, 6:6, w.o.

16. Titel, Genf 2017 Mischa Zverev, 4:6, 6:3, 6:3.

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