Man kann sich gut vorstellen: Wenn Remo Meyer in diesen Tagen zur Arbeit in die Swissporarena fährt, ist er gut aufgelegt, und manchmal summt er sogar ein Liedlein vor sich hin. Vor knapp vier Wochen hat er sich mit dem Einverständnis des Verwaltungsrats von Cheftrainer René Weiler getrennt.

Die sportliche Entwicklung war schlecht, vor allem aber hat die Chemie zwischen den beiden nicht mehr gestimmt. Dann hat Meyer den zuvor nur im Nachwuchs tätigen Thomas Häberli aus dem Hut gezaubert, und seither läuft es wie geschmiert – mit dem 4:0 gegen YB im Cup als Höhepunkt.

Seit bald zwei Jahren ist Meyer Sportchef des FC Luzern und verantwortlich für die 1. Mannschaft, den Nachwuchs, das Scouting sowie die medizinische Abteilung und das Material.

Alt wird man als Sportchef nicht

Der 38-Jährige will zwar nicht bestätigen, dass er derzeit nur noch singend und lachend durchs Leben geht, räumt aber ein: «Es tut schon gut, dass seit dem Trainerwechsel die Resultate stimmen und das Gefühl da ist, auf dem richtigen Weg zu sein. Daran sieht man, wie schnelllebig und ergebnisorientiert das Fussballgeschäft ist.»

Nach Gerardo Seoane und Weiler ist Häberli schon der dritte Trainer, den Meyer installiert hat. Der erste brachte Hochstimmung, der zweite Ernüchterung und der dritte die Euphorie zurück. Entsprechend veränderte sich laufend die Tonalität in der medialen Begleitung des Sportchefs, von hui zu pfui und wieder zurück.

Bei Mathias Walther blieb es allerdings in den knapp zwei Jahren seines Schaffens für die Grasshoppers konstant beim Pfui. Bis Präsident Stephan Anliker auffiel, dass sich sein Klub auf dem Weg in die Challenge League befindet, im sportlichen Bereich Tabula rasa machte und nicht nur Trainer Thorsten Fink, sondern gleich auch noch Walther fortschickte.

Zwar haben Sportchefs, Sportdirektoren, Sportkoordinatoren, Leiter Sport – wie auch immer ihre Bezeichnung ist – eine längere Halbwertszeit als die Trainer, doch so richtig alt im Amt werden auch sie nicht, sieht man einmal vom Präsidenten-Sportchef Christian Constantin ab.

Hundert wichtige Dinge

Und natürlich von Andres Gerber. Der 45-Jährige steht beim FC Thun überaus erfolgreich in seiner zehnten Saison und ist damit prädestiniert, zu erklären, was einen guten Sportchef ausmacht. Aber wo beginnen?

Es ist komplex und jeder Klub hat wieder andere Strukturen und Bedürfnisse. «Es gibt hundert Dinge, die man wissen muss. Ein ganz wesentlicher Punkt ist, dass man Nein sagen kann. Allein mit Agenten, die etwas von dir wollen, könnte man sich 24 Stunden am Tag beschäftigen. Wer sich nicht abgrenzen kann, wird gefressen», sagt Gerber.

Georg Heitz, von 2012 bis 2017 Sportdirektor beim FC Basel, sagt: «Man wird in einen Dschungel geworfen und von wahnsinnig vielen Leuten kontaktiert.» Und man müsse sich bewusst sein, dass der Sportchef einen Bürojob habe und nicht ein Schattentrainer sein darf. «Die Mitarbeiterführung ist anstrengend und zeitraubend.»

Wer mit Meyer, Gerber und Heitz über das Anforderungsprofil eines guten Sportchefs spricht, kann am Ende eine ellenlange Liste mit den Erfordernissen erstellen. Er muss haben: Fachkenntnis, Führungskompetenz, Demut, Menschenkenntnis, eine klare Linie, ein Netzwerk, wirtschaftliches Knowhow, Erfahrung als Spieler. Er muss sein: kommunikativ, teamfähig, belastbar, integer, entscheidungsstark, unabhängig, druckresistent, authentisch, kontaktfreudig, sattelfest in Reglementen und im Vertragswesen – sowie: ausgestattet mit Kompetenzen.

Ein Übermensch also? «Nein, das nicht. Aber ich habe noch heute einen Riesenrespekt vor den Anforderungen an diesen Job», sagt Gerber. Er erinnert sich, wie er nach Abschluss seiner Profikarriere ins kalte Wasser geworfen wurde und fürchterlich schwamm. Immerhin half ihm in einigen Bereichen die vor vielen Jahren abgeschlossene KV-Lehre. Und sonst galt vor allem: learning by doing.

Zuerst in der Privatwirtschaft

Remo Meyer sagt: «Ich musste mit 29 Jahren meine aktive Laufbahn beenden und ging dann bewusst auf Distanz zum Profifussball.» Anders als Alex Frei, dem Götti von einem der drei Söhne Meyers. Frei war direkt nach der Karriere Sportchef beim FC Luzern geworden, kam mit dem Stress nicht klar und erlitt ein Burnout.

Meyer dagegen arbeitete während sechs Jahren in der Privatwirtschaft als Buchhalter und war Trainer in der 2. Liga inter.» Er denkt, er habe damit für den Anfang einen ordentlich gefüllten Rucksack gehabt. Dass er aus der Region kommt und die Verhältnisse in der Fussballstadt Luzern kennt, ist ein Vorteil. «Der Druck ist gross hier», sagt Meyer.

Georg Heitz, der Journalist war und für die Fifa gearbeitet hatte, bevor er Sportdirektor wurde, würde es begrüssen, wenn auch Sportchefs auf ihre Arbeit vorbereitet würden. Trainer müssen sich ja auch jahrelang weiterbilden, bis sie in der Super League arbeiten können. Bei der Swiss Football League ist das Problem erkannt.

Adrian Knup, Chief Sports Officer, sagt: «Dieser Job ist unglaublich anspruchsvoll und extrem vielfältig. Weil viele Sportchefs relativ neu im Amt sind, wollten wir ihnen ein paar Tipps für den Alltag geben.»

Deshalb organisierte die Liga im vergangenen Frühling einen zweitägigen Workshop mit Heitz als Referenten. In diesem Jahr soll es im Herbst bereits einen nächsten geben. Nicht auszuschliessen, dass die Liga bis in ein paar Jahren sogar einen Lehrgang anbietet. Im Lizenzierungsreglement ist derzeit festgeschrieben, dass jeder Klub einen Sportchef haben muss. Nicht aber, was dieser auf dem Kasten haben sollte.