Für das Internationale Olympische Komitee (IOC) war es so etwas wie «Business as usual». Am 12. Januar gab das IOC die Dopingsünder Nummer 102 bis 109 aufgrund von Nachkontrollen von Proben der Sommerspiele in Peking und London bekannt.

Wie üblich die Hälfte davon aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion und mit altbekannten verbotenen Substanzen, die dank verfeinerter Messmethoden neuerdings erkannt werden.

Aber da war noch mehr! Mit den Gewichtheberinnen Lei Cao, Xiexia Chen und Chunghong Liu gab es in Peking auch drei einheimische Betrüger.

Gedopt: Die Chinesin Chen Xiexia gewann in Peking Gold.

Gedopt: Die Chinesin Chen Xiexia gewann in Peking Gold.

Es waren die allerersten positiven Fälle von chinesischen Sportlern in Peking. Alle drei gewannen Olympiagold. Und alle drei wurden mit einer verbotenen Substanz erwischt, die im Zusammenhang mit den bislang über 1500 Nachkontrollen noch kein Thema war: Dem muskelaufbauenden Wachstumshormon-Releasing Peptid GHRP-2.

Erster Dopingfall 2014

Die Nachweismethode für diesen Wirkstoff wurde erst 2011 von den Dopinglabors in Köln und Tokio erbracht, die ersten positiven Fälle datieren aus dem Jahr 2014 und die neuste Statistik der Welt-Antidopingagentur (Wada) weist bis Ende 2015 insgesamt erst 18 Verstösse aus. Übrigens bei weitem nicht nur im exotischen Gewichtheben. Auch der Radsport und die Leichtathletik sind betroffen.

Für die Dopingfahnder aus dem Labor in Köln ist die Meldung der positiven Fälle in Peking eine Sensation. «Wir sind aus allen Wolken gefallen», sagt Präventivforscher Hans Geyer.

Man ging bisher nicht davon aus, dass GHRP-2 bereits 2008 zur Anwendung kam. «Zumindest nicht auf einem Level, bei dem es um Olympiasiege ging. Hier war ja nicht irgendein fehlgeleiteter experimentierfreudiger Athlet betroffen», stellt Laborleiter Mario Thevis fest.

Thevis warnte zwar bereits 2007 vor einer zukünftigen Anwendung dieses riskanten Wirkstoffs – der wegen der Gefahr von beschleunigten Tumorbildungen sowie Herz- und Leberschäden bei medizinisch unkontrollierter Anwendung in Europa noch immer nicht zugelassen ist.

Doch auf Anweisung der Wada verpflichtend auf die sechs GHRP-Substanzen getestet wird in den Labors erst seit zwei Jahren.

Dopten Chinesen systematisch?

Für Antidoping-Fachleute sind die jüngsten Dopingfälle ein klares Indiz dafür, dass auch in China bei den Olympischen Heimspielen 2008 mit einer gewissen Systematik betrogen wurde.

Auch Cao Lei gehört zu den chinesischen Betrügerinnen.

Auch Cao Lei gehört zu den chinesischen Betrügerinnen.

Die nachgewiesene Substanz war damals nur schwierig zu beschaffen und extrem teuer. Man vermutet, dass relativ kurz vor Peking von den verbreiteten Wachstumshormonen auf den Releaser GHRP-2 umgesattelt wurde.

Denn bei den Dopingkontrollen der Sommerspiele 2008 wurde erstmals grossflächig auf Wachstumshormone getestet. GHRP-2 konnte damit aber nicht erkannt werden.

Nun werden erste Rufe laut, das IOC müsse neben den russischen auch die chinesischen Proben der vergangenen Olympischen Spiele noch einmal spezifisch testen lassen.

Zumindest der internationale Gewichtheberverband dürfte aufgrund der eigenen Reglemente unmittelbar reagieren. Bei drei oder mehr Verstössen gegen die Antidopingregeln wird die entsprechende Nation für ein Jahr von allen Wettbewerben ausgeschlossen.

Ob das IOC sich mit China anlegen will, darf hingegen bezweifelt werden. Erst am Mittwoch empfing IOC-Präsident Thomas Bach mit stolzer Brust den chinesische Staatspräsidenten Xi Jinping.

Und auch der Schweizer Sport widmet sich derzeit weniger den allfälligen Schattenseiten chinesischer Sporterfolge.

Swiss Olympic hat diese Woche mit dem nationalen olympischen Komitee Chinas eine strategische Zusammenarbeit vereinbart. Um Doping ging es dabei nicht.