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Die Ultramarathonläuferin Jasmin Nunige lebt seit neun Jahren mit Multipler Sklerose, sie sagt: «Ich möchte das Leben aufsaugen»

Ultramarathonläuferin Jasmin Nunige bezeichnet sich als Glückskind.

Ultramarathonläuferin Jasmin Nunige bezeichnet sich als Glückskind.

Die Diagnose Multiple Sklerose machte ihren Körper über Nacht vom Komplizen zum Feind. Trotzdem brilliert die Läuferin Jasmin Nunige mit sportlichen Höchstleistungen. Selbst in der Coronakrise, die ihre Existenz bedroht, sagt die Davoserin: «Ich bin ein Glückskind».

Wie fragil unsere Gesellschaft und wie zerbrechlich der Einzelne ist, wie abhängig wir voneinander sind, wenn der Feind überall lauert, aber immer unsichtbar bleibt, wird uns gerade schonungslos vor Augen geführt. Eine, die das, was uns heute im Grossen ereilt, im Kleinen bereits erlebt hat, ist Jasmin Nunige.

Es begann im März 2011 während eines Trainingslagers in Portugal mit einem Kribbeln in den Füssen, dann in den Oberschenkeln – hoch bis zur Leiste. Ihre Füsse fühlten sich taub an, als ob sie gefroren wären. Nach der Rückkehr in die Schweiz wurde sie drei Tage untersucht. Röntgenbilder des Gehirns zeigten graue Punkte.

«Da hat mich die Angst gepackt, es sei ein Hirntumor.» Dann die Diagnose: Multuple Sklerose, eine chronisch-entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems. Nicht heilbar. Und doch eine Erleichterung. «Denn diese Krankheit ist kein Todesurteil», sagt Nunige. Denn auch ihre Mutter lebt mit MS.

Jasmin Nunige begann ihre Karriere im Spitzensport als Langläuferin. 1994 startete sie 20-jährig bei den Olympischen Spielen in Lillehammer, ein Jahr darauf erstmals bei Weltmeisterschaften. Doch Verletzungen und der Leistungsdruck setzten ihr zu. Sie hatte keine Freude mehr am Sport, stattdessen Angst vor dem Versagen.

Nunige beendete ihre Karriere, mit nur 24 Jahren. Sie heiratete, wurde Mutter von Björn und Fiona und findet durch ihren Mann Guy zum Laufen. Es ist der Start in ein neues Leben, eines als erfolgreiche Langstreckenläuferin. Die Diagnose führt zu einer Zäsur, Ungewissheit wird zu einem ständigen Begleiter, und der Körper vom Komplizen zum Feind. Aber sie bringt auch das Beste in Jasmin Nunige hervor. Resilienz, Achtsamkeit, Dankbarkeit und Lebensmut.

Zeit mit den Kindern als Geschenk

Sieben Mal gewann Nunige den Swiss Alpine Marathon.

Sieben Mal gewann Nunige den Swiss Alpine Marathon.

Der Sport bleibt ihr Fundament, und der Sieg bei einem Bergmarathon in Liechtenstein, nur knapp drei Monate nach der Diagnose, die Bestätigung. Sieben Mal, letztmals 2016, gewann Jasmin Nunige den Swiss Alpine Marathon in Davos, ein Rennen über 78 Kilometer und 2500 Höhenmeter.

Vielleicht sind es diese Prüfungen des Lebens, die Nunige nun mit einer gewissen Gelassenheit hinnehmen lassen, was sich nicht verändern lässt. Sie ist inzwischen 46-jährig, die Leistungsfähigkeit schwinde langsam, der Spitzensport verliere an Bedeutung.

Seit der Bundesrat Mitte März die «ausserordentliche Lage» erklärt hat, steht ein grosser Teil des Lebens in der Schweiz still. Nunige erkennt darin durchaus auch Parallelen zu ihrer persönlichen Geschichte. «Alles ist blockiert und ungewiss. Alles dreht sich, man weiss nicht, was oben und unten ist. Man muss sich neu finden.»

Auch Nunige selber, deren berufliche Existenz als medizinische Masseurin bedroht ist. Zwar dürfte sie weiterhin vereinzelt Patienten behandeln, zog es jedoch vor, ihre Praxis vorübergehend zu schliessen, denn viele ihrer Kunden gehören zur Risikogruppe, aber auch, um sich und die eigene Familie zu schützen.

Derzeit absolviert sie in Zürich eine Weiterbildung zum Sportmentalcoach, die Umstellung auf Online-Schulungen habe gut funktioniert. Nunige sagt: «Ich will mich nicht verrückt machen lassen.» Stattdessen kauft sie für ihre Eltern und einige ihrer Patienten ein. Und sie geniesst die unverhoffte Zeit mit der Familie.

Die Rekrutenschule ihres Sohnes wurde unterbrochen. Ihre Tochter wäre ab Mitte August für ein Jahr nach Schweden ans Skigymnasium gewechselt. «Für uns ist diese Zeit darum auch ein Geschenk.» Sie gehen Langlaufen, spielen Schach.

Die Berge sind ihr Zuhause: Jasmin Nunige.

Die Berge sind ihr Zuhause: Jasmin Nunige.

Keine Medikamente, aber ab und zu Tränen

Für sie sei es ein Wunder, was der Körper alles leisten könne. Es ist eine erstaunliche Aussage für eine Frau, deren Körper immer öfter streiken wird. Medikamente nimmt Nunige bis heute nicht. Sie will Veränderungen spüren, vor allem aber will sie die Verantwortung nicht an ein Medikament oder einen Arzt delegieren.

Natürlich fliessen manchmal Tränen, natürlich hadert auch Nunige, weil sich die Dinge verändern. Hinfallen, aufstehen, weitermachen, das Gute im Schlechten sehen – es sind Eigenschaften, die sie schon lange begleiten. In ihren Referaten sagt sie immer wieder, sie sei ein Glückskind. Sie habe Kinder, einen tollen Mann, eine Lebensgrundlage. Sie sagt dann Sätze wie: «Du musst immer nach vorne schauen. Es gibt viele tolle und interessante Wege. Ich sage immer: Ich bin ein Glückskind.»

In ihren Worten ist nie Groll zu spüren, keine Verbitterung, nur Neugierde, Mut und Dankbarkeit. Sie sei in einem Paradies aufgewachsen, in Davos, umgeben von malerischer Landschaft, habe eine wunderbare Familie mit zwei gesunden Kindern, war erfolgreich in Beruf und Sport.

Nachdem das Leben ihr Fundament in den Grundfesten erschüttert hat, baute sie es auf jenen Werten neu auf, auf die sich auch unsere Gesellschaft in der Krise zurückbesinnt: Mitgefühl, Achtsamkeit, Solidarität und Dankbarkeit. Nunige sagt: «Für mich ist es ein Geschenk, wenn ich rausgehen und mich bewegen kann.»

Durch die Diagnose habe sie erfahren, wie schnell sich alles verändern könne. Und wie schnell es enden könne. Sie sagt: «Ich möchte das Leben aufsaugen, und so viel wie möglich mitnehmen.» So spricht nur jemand, der schon lange nichts mehr für selbstverständlich nimmt. Und immer nach dem Licht sucht. Egal, wie gross der Schatten ist.

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