Radsport
Die Tour de Suisse sucht ihr Publikum

Analyse zum Relaunch der Schweizer Radrundfahrt, deren 79. Auflage heute in Rotkreuz beginnt

Simon Steiner
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Simon Steiner: Simon Steiner Von der Neuausrichtung der Tour de Suisse sind keine Wunder zu erwarten – schon gar keine schnellen.

Simon Steiner: Simon Steiner Von der Neuausrichtung der Tour de Suisse sind keine Wunder zu erwarten – schon gar keine schnellen.

Keystone/Archiv

Die Tour de Suisse ist mehr als ein Velorennen. Sie gehört zum Kulturgut der Schweiz wie der Tellenmythos, die Nationalhymne oder die AHV-Nummer. Und sie ist eine Marke, wie sie jedes Unternehmen gern in seinem Portfolio hätte: Jedes Kind kennt sie, und fast jeden Schweizer verbindet eine irgendeine persönliche Erinnerung mit ihr.

Doch die Tour de Suisse rollt nicht von selbst. Ende der 1990er-Jahre hätte die Rundfahrt den nationalen Verband (damals SRB) beinahe in den Ruin getrieben. Unter der Führung des professionellen Vermarkters IMG entwickelte sich die Tour de Suisse in der Folge jedoch zu einem lukrativen Event, obwohl das Image des Radsports im Zuge immer neuer Dopingskandale in der gleichen Periode massiven Schaden nahm. Gleichzeitig hat die Veranstaltung organisatorisch einen Standard erreicht, der im internationalen Radsport seinesgleichen sucht.

Bei allem kommerziellen Erfolg ist der Tour de Suisse allerdings in den vergangenen Jahren ein Stück weit die Volksnähe abhanden gekommen – und damit eine Eigenschaft, die sie einst ausgezeichnet hat. Das hat auch Swiss Cycling – wie der nationale Radsportverband und Inhaber der Rechte an der Tour heute heisst – erkannt und auf dieses Jahr hin die Organisation in neue Hände gelegt. Neu zeichnet Infront-Ringier als Veranstalter und Vermarkter für die Tour de Suisse verantwortlich, wobei der Know-how-Transfer durch personelle Kontinuität in diversen Schlüsselpositionen gesichert ist.

Der neue Veranstalter ist nicht Denkmalschützer, sondern ein Unternehmen, das kommerziell ausgerichtet ist. Das ist nicht verwerflich, sondern notwendig. Doch das erklärte Ziel von Infront-Ringier ist es auch, die Tour de Suisse wieder zu einem Event mit Volksfestcharakter zu machen. Das neue Konzept richtet den Fokus stark auf das Auftakt- und das Schlusswochenende mit Rennen auf Rundkursen von einem Zentrum aus, wo sie von zahlreichen Begleitveranstaltungen flankiert werden. Dazu gehören unter anderem Rennen für jedermann auf den Originalstrecken des Profirennens, eine Rad-Expo sowie Parcours für Kinder und Jugendliche. Dies lässt sich zumindest als Versuch interpretieren, als Flaggschiff des Schweizer Radsports eine gewisse Verantwortung in der Nachwuchsförderung zu übernehmen.
Die Tour de Suisse kann das Rad weder neu erfinden noch zurückdrehen. Die Zeiten, in denen die besten Radsportler hierzulande als nationale Identifikationsfiguren dienten, sind vorbei. Die Sportwelt hat sich verändert: Das Interesse von Sponsoren, Medien und Öffentlichkeit konzentriert sich immer stärker auf wenige grosse Anlässe und Sportarten. Auch wird es immer anspruchsvoller, die Ansprüche von Sportlern, Sponsoren, Fernsehen und Publikum unter einen Hut zu bringen.

In diesem Umfeld als Radrundfahrt die Kurve zu kriegen, ist keine einfache Aufgabe – selbst als Teil des nationalen Kulturgutes. Von der Neuausrichtung der Tour de Suisse sind daher keine Wunder zu erwarten, schon gar keine schnellen. Die Strategie, das Traditionsrennen wieder näher zur Bevölkerung und insbesondere zur jüngeren Generation zu bringen, ist jedoch eine Lenkerbewegung in die richtige Richtung. Der Radsport ist letztlich ein Volkssport. Gelingt die Rückbesinnung darauf nicht, bricht der Tour de Suisse mittelfristig der Sattel weg, auf dem sie sitzt.