Nationalmannschaft
Die Suche nach den Gründen des Verlierens

Bis zur Europameisterschaft im Sommer ist nicht mehr viel Zeit. Zwei Testspiele nur wird die Schweiz bis dahin noch bestreiten können. Wie weiter nach den erschreckenden Spielen des Schweizer Nationalteams gegen Irland und Bosnien-Herzegowina?

Etienne Wuillemin
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Die Schweizer Nati muss sich vor der EM in Frankreich viel Kritik anhören.

Die Schweizer Nati muss sich vor der EM in Frankreich viel Kritik anhören.

Keystone

Bald ist es Mitternacht im Zürcher Letzigrund. Vladimir Petkovic sitzt auf einem kleinen Podest, vor sich das Mikrofon. Sein Blick ist leer, so wie er das häufig ist. Vor allem dann, wenn ein schwieriger Auftritt ansteht.
Es ist nicht der erste schwierige in den letzten Tagen. Vor der Reise nach Irland musste Petkovic die Ausbootung von Captain Inler erklären. Aber da konnte er sich vorbereiten, hatte sieben A4-Blätter vor sich, lieferte Argumente – und überzeugte.
Jetzt aber ist das anders. Jetzt muss Petkovic nicht sein Handeln erklären. Sondern das, was seine Mannschaft in den 180 Minuten gegen Irland und Bosnien-Herzegowina auf den Platz brachte. Oder besser: eben nicht auf den Platz brachte. 0:1, 0:2, zwei Niederlagen, kein einziges Tor, kaum zusammenhängende Spielzüge, selten bis nie gefährlich, verunsichert vorne, ohne Abstimmung in der Mitte, stümperhaft hinten – es liegt so einiges im Argen derzeit in diesem Schweizer Team.
«Es ist nicht so schön, nach zwei Niederlagen dazusitzen», beginnt Petkovic. Er weiss, wovon er spricht. Denn er kennt das Gefühl des Verlierens gut. Seit er 2010 mit YB den Titel verspielte, haftet ihm dieser Ruf an. Ob zu Recht oder nicht, darüber kann man streiten.

Was hingegen sicher stimmt, sind seine Vorbehalte gegen Menschen, die seine Arbeit beurteilen – ob intern oder extern. Manchmal wirkt es gar so, als ob Petkovic sogar da noch Niederlagen wähnt, wo eigentlich gar keine sind. Wenn es heisst, die Schweiz habe mit der Qualifikation für die EM nur «die Pflicht erfüllt», verletzt ihn das.

Die grosse Angst

Noch bleiben gut zwei Monate bis zum ersten EM-Spiel gegen Albanien. Und Petkovic versucht zumindest nicht, die Schweizer Entwicklung der letzten Monate allzu sehr zu beschönigen. «Es beunruhigt mich», gibt er zu. Er spricht auch von «Angst» im Team. Fabian Schär sagt gar: «So haben wir an der EM nicht viel verloren.» Der Respekt vor einer EM voller Enttäuschungen steigt.
Petkovic ortet das Problem in der fehlenden Form von vielen Einzelspielern. Und er sagt auch: «Leider spielen zu viele Akteure gegen den Abstieg.» Dieser Gedanke ist bei ihm nicht neu. Erstmals äusserte er ihn vor dem Spiel gegen Slowenien im vergangenen Sommer.

Es war die Zeit, als Shaqiri nach Gastspielen bei den Bayern und Inter Mailand bei Stoke City anheuerte, als Fabian Schär (Hoffenheim) und Fabian Frei (Mainz) vom FC Basel in die Bundesliga wechselten. Petkovic sagte: «Ich hoffe, die Winnermentalität geht nicht verloren.»
Der Nationaltrainer hat Angst, dass seine Spieler das Gefühl des Siegens verlernen. Aber ist das nicht auch etwas kurz gegriffen? An der EM werden höchstwahrscheinlich genau drei Spieler in der Startformation stehen, die jetzt noch Abstiegssorgen haben, Stürmer Seferovic und die beiden Innenverteidiger – wobei zumindest Djourou seit Jahren nichts anderes kennt. Alle anderen Formtiefs haben nichts mit Abstiegskampf zu tun. Sei es ein Mehmedi, Rodriguez, Dzemaili, Kasami, Embolo oder Gelson Fernandes.
Umso erstaunlicher ist es dann, wenn Petkovic keine Rollen findet für Spieler wie Fabian Lustenberger, Fabian Frei, Almen Abdi oder Danijel Milicevic – zumindest während eines Testspiels. Petkovic beraubt sich damit ohne Not eines Konkurrenzkampfes. Das fördert bescheidene Leistungen der Titulare wie jene in Irland und gegen Bosnien eben auch.
Zumindest in der ersten Vorbereitungswoche des EM-Camps in Lugano wird das anders sein. Petkovic kündigt an, 27, 28 oder gar 29 Spieler mitzunehmen. Nach der ersten Woche und dem Spiel gegen Belgien reduziert er dann seinen Kader.

Das fatale Symbol

Vielleicht fasst eine Episode am Rande die vergangenen Tage rund um das Nationalteam am besten zusammen. Zu Beginn des Camps gibt der Schweizer Fussballverband die Verlängerung des Sponsoring-Vertrags mit der Automarke VW bekannt. Es wird zur peinlichen Inszenierung.

Im Werbefilm, der mittlerweile überall zu sehen ist, spielt ausgerechnet der ausgemusterte Captain Inler eine Hauptrolle. Als es darum geht, ob der Schweizer Fussballverband nach dem Abgasskandal rund um VW überlegte, den Vertrag aufzulösen, sagt der VW-Markenchef: «Kleine Fehler passieren doch überall. Auch im Fussball.»
Es war ein «kleiner» Fehler, der Milliarden kostete. Bleibt zu hoffen, dass sich einige Schweizer Fussballer mit ihrer Selbsteinschätzung der aktuellen Lage rund um das Nationalteam nicht auch derart verschätzen. Stephan Lichtsteiner meldet: «Ich mache mir überhaupt keine Sorgen. Wir sind eine Wettkampfmannschaft. Testspiele waren noch nie unsere Stärke.»