Kolumne

Die Streif, der Unvollendete und die Saami

Die Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel

Die Abfahrt auf der Streif in Kitzbühel

Ski ist ein norwegisches Wort und heisst Scheit (gespaltenes Holz) oder Schneeschuh. Der Norweger Aksel Lund Svindal führt aktuell im Abfahrtsweltcup. Er sammelte an Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften über ein Dutzend Medaillen; er gewann den Gesamtweltcup und Disziplinenwertungen in der Abfahrt, im Super-G, im Riesenslalom und in der Kombination. Aber die Abfahrt auf der Kitzbüheler Streif gewann er noch nie.

Der Ski gilt als Erfindung der Saami, des indigenen Volkes am Polarkreis. Etwa die Hälfte der Saami lebt in Norwegen. Die bekannteste samische Skifahrerin stammte allerdings aus Schweden: die unvergleichliche Anja Pärson. Der Skiweltcup und die Saami treffen sich einmal pro Jahr im finnischen Levi.

Auf dem Berg, an dem die Weltcup-Slaloms gefahren werden, informiert das Unesco-Observatorium «Samiland» über Vergangenheit und Gegenwart der Ureinwohner (www.samiland.fi). Viele Saami leben nach wie vor von der Rentierzucht. Passend dazu erhalten die Sieger von Levi ein Rentier geschenkt. Mikaela Shiffrin gab ihrem den Namen Rudolph. Die Tiere bleiben bei ihren Herden in Lappland.

Wie bin ich jetzt darauf gekommen? Ach ja: der Ski, der Norweger Svindal und die Saami. Solange Svindal die Abfahrt auf der Streif nicht gewinnt, bleibt seine Karriere ebenso unvollendet wie diejenige eines Bode Miller, der dies als «heart-breaking» bezeichnete.

Im österreichischen Dokumentarfilm «Streif – One Hell of a Ride» (2014) bestätigt Svindal, dass der Abfahrtssieg in Kitzbühel eines seiner «ganz grossen Ziele» sei. Der Film dreht sich um das Rennen von 2014. Er zelebriert den Mythos Streif und seine «Ski-Gladiatoren» in ihrem Kampf mit der Strecke, den Fliehkräften und den eigenen Ängsten.

Svindal: «Die Piste gibt nicht nach, dein Körper ist der schwache Punkt». Daniel Albrecht stürzte bekanntlich vor bald zehn Jahren beim Zielsprung. Albrecht: «Es war ein kleiner, ein sehr kleiner Fehler.» Der kleine Fehler hat ihn seine Ski-Karriere und beinahe sein Leben gekostet.

Im Rennen von 2014 siegte Hannes Reichelt vor Svindal. Vor zwei Jahren gingen die beiden als Favoriten ins Rennen – und donnerten nach der Hausbergkante in die Fangnetze, kurz nacheinander, bei schlechter Bodensicht. Svindal verletzte sich am Knie und fiel mehrere Monate aus.

Der Norweger wird dieses Jahr 36 Jahre alt. Das Ende seiner einzigartigen Karriere auf Scheiten naht. Viele Möglichkeiten, sie auf der Streif zu vollenden, bleiben Svindal nicht mehr. Ich drücke ihm vor dem Fernseher die Daumen.

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