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Die Stadien als Stolz der Katarer mit vielen Nebengeräuschen

Das Khalifa International Stadion in der sogenannten Aspire Zone von Doha.

Das Khalifa International Stadion in der sogenannten Aspire Zone von Doha.

In acht Fussballstadien wird in zwei Jahren die Fussball-WM in Katar ausgetragen. Der eigentliche Stolz der Katarer hat in den letzten Monaten und Jahren auch zu viel Kritik geführt. Die katastrophalen Arbeitsbedingungen und die ökologisch fragwürdige Kühlung stehen am Pranger.

Das Khalifa International Stadion ausserhalb von Doha steht auf einem riesigen Komplex mit Einkaufszentrum, sportlicher Ausbildungsstätte und der grössten überdachten Sportanlage der Welt, bestehend aus einem Dutzend Hallen. Vieles in der sogenannten «Aspire Zone» befindet sich noch im Bau, die Metro von der Innenstadt direkt vors Stadion etwa.

Man spürt an allen Ecken und Enden, dass die Leichtathletik-Titelkämpfe nur ein Zwischenschritt zu etwas viel Grösserem sind: Der Fussball-WM 2022. Auf diesen Megaevent sind alle Arbeiten ausgerichtet. Dannzumal muss jeder Kopfstein auf dem Gehweg sitzen, jeder Grünstreifen entlang des riesigen Geländes blühen.

Fragliche Ökobilanz und bedenkliche Arbeiterrechte

Die Katarer präsentieren ihren sportlichen Vorzeigekomplex mit sichtlichem Stolz. Das Milliardenprojekt soll das kleine Land ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit bringen. Nebengeräusche wie Ökobilanzen und Menschenrechte stören da nur. Und doch muss man einen Blick darauf werfen.

Die insgesamt acht WM-Stadien von Katar haben aus zwei Gründen kritische Blicke auf sich gezogen. Die Weltpremiere an der Leichtathletik-WM, die Temperatur in einem offenen Stadion mittels Kühlsystem um zehn und mehr Grad zu senken, wird allenthalben als ökologischer Schwachsinn angesehen. Und die Arbeitsbedingungen beim Bau der Fussballarenen sorgen seit Jahren für einen internationalen Aufschrei.

Im 2016 renovierten Khalifa-Stadion wird der Aufenthalt der Sportler und der maximal 50 000 Zuschauer mit einer revolutionären Kühltechnologie erträglich gemacht. Durch eine Klimaanlage mit 500 Düsen wird aus kaltem Wasser gewonnene kühle Luft in die Arena geblasen.

Die Temperatur auf dem Rasen und der Bahn beträgt rund 25 Grad, auf der Tribüne je nach Standort 24 bis 28 Grad. Dass die heisse Luft von oben kurzfristig wie eine Käseglocke wirkt und das Stadiondach 70 Prozent der Arena vor Sonnenlicht schützt, spielt dem Effekt des Kältesees in die Hand.

Über die Angabe des Veranstalters, dass dieses System 40 Prozent weniger Energie verbrauche als andere Kühlmethoden, muss Arno Schlüter trotzdem schmunzeln. Schlüter ist als ETH-Professor am Institut für Technologie in Architektur und Gebäudesystemen vertraut mit der Thematik. Etwa dank einer Forschungsarbeit der ETH in Singapur, wo auch Projekte zur Kühlung im Freien ablaufen.

Er betont, dass er das Kühlsystem in Katar nicht im Detail kenne und deshalb auch nicht abschliessend beurteilen könne. Es gebe aber allgemeingültige Faktoren zur Einschätzung der ökologischen Effizienz eines solchen Systems. Viel entscheidender für die Umweltverträglichkeit, als wie viel kalte Luft nun im Stadion verbraucht werde, sei die Frage, wie diese Kälte hergestellt werde.

Fortschritte befriedigen nicht

Werden dazu erneuerbare Energien wie etwa Solarstrom oder fossile Brennstoffe verwendet? «Aber selbst, wenn man sich die Sonne zu nutzen macht, kann die Ökobilanz stark differenzieren. Setzt man den so produzierten Strom sofort ein oder muss man ihn mit Batterien zwischenspeichern, weil das Ereignis am Abend stattfindet? Dann sind die CO2-Emissionen viel höher,» bilanziert Schlüter.

Die Beteuerungen der Gastgeber, das Kühlsystem sei ökologisch, sind ebenso mit Vorsicht zu geniessen wie die Zusicherungen, die Ausbeutung der über zwei Millionen Gastarbeiter zu beenden. Zwar leitete die Regierung aufgrund internationaler Kritik tatsächlich mehrere Reformen des Arbeitsrechts ein, doch diese Woche hat Amnesty International erneut einen Bericht veröffentlicht, wonach die Umsetzung absolut unbefriedigend verlaufe.

Noch immer beeinflusse das «Kabala-System», das einen Arbeitnehmer quasi zum Leibeigenen seines Chefs macht, das tägliche Leben. Viele Unternehmen halten sich schlicht nicht an die neuen Vorschriften. Arbeiter warten vergeblich auf ihr Gehalt. Und der Weg über die neue Schlichtungsstelle ende oft ohne handfeste Konsequenz.

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