Schwingen

«Die Schwingerfamilie gab mir Halt»: Matthias Sempach über seine bewegte Karriere und den Schwingersport

Das Reich des Schwingerkönigs von 2013: Matthias Sempach posiert im Stall bei seinen Kühen.

Das Reich des Schwingerkönigs von 2013: Matthias Sempach posiert im Stall bei seinen Kühen.

König, Bauer und neu bald auch TV-Experte: Der zurückgetretene 33-jährige Berner Schwinger Matthias Sempach spricht im Interview über seine Karriere, die kommende Kranzfestsaison und erklärt, warum Schwinger Werbung machen sollten.

Soeben standen Sie noch im Stall, jetzt geben Sie ein Interview. Wie sieht ein gewöhnlicher Tag bei Ihnen aus?

Matthias Sempach: Um 5.45 Uhr stehe ich auf, dann melke ich die Kühe. Morgenessen ist um 7.30, um 8 Uhr gehe ich zurück in den Stall, um die Tiere zu füttern, zu misten, Kontrollen zu machen. Danach stehen etwa Arbeiten auf dem Feld an.

Haben Sie Mitarbeiter auf Ihrem Hof?

Die Eltern meiner Partnerin Heidi unterstützen uns tatkräftig und springen ein, wenn ich auswärts engagiert bin oder wenn es viel Arbeit gibt.

Wie viele Tiere haben Sie?

16 Milchkühe, 100 Mastschweine, einige Kälber, ein paar Rinder, zwei Ziegen. Eine Katze, einen Hund, zwei Kaninchen und acht Hühner.

Sie hatten zweimal innerhalb eines Jahres einen Bandscheibenvorfall. Das war nicht zuletzt der Grund, warum Sie vom Schwingen zurücktraten. Wie geht es Ihnen körperlich?

Erstaunlicherweise gut, also sicher viel besser als im vergangenen Jahr. Am Morgenhabe ich manchmal Schwierigkeiten, bis ich warm werde. Zeitweise geht es mir so gut, dass ich sofort das Gefühl bekomme, wieder schwingen zu können. Aber das würde nicht funktionieren, wenn ich wieder so einen Trainingsaufwand wie früher zu leisten hätte.

Das heisst, es juckt Sie noch?

Wenn ich wüsste, dass es realistisch wäre. Aber das ist es ja nicht. Wenn ich beispielsweise ein Schwingtraining leiten muss, merke ich sofort, dass es nicht möglich wäre.

Welche Aufgaben übernehmen Sie in den Schwingtrainings?

Ich helfe beim Einlaufen, ich zeige Übungen und versuche, die Schwinger technisch zu verbessern. Aber gegen die besten Athleten könnte ich auch im Training nicht mehr antreten.

Nach Ihrem Rücktritt äusserten Sie die Hoffnung, dass Ihr Alltag ruhiger werde. Ist das eingetreten?

Nein, momentan ist es sehr intensiv. Aber alles, was ich mache, mache ich für mich und meine Familie. Wie früher im Schwingsport, habe ich auch heute auf dem Hof meine Ziele, die ich erreichen möchte. Das ist wichtig und motiviert mich. Es ist toll, ich bin mein eigener Chef.

Neu sind Sie TV-Experte bei SRF. Was reizt Sie an dieser Aufgabe?

Ich habe den Schwingsport extrem gerne und die Zusammenarbeit mit den Medien hat mir immer Spass gemacht. Ich hoffe, dass ich mit meinem Wissen den Zuschauern die Arbeit der Schwinger spannend erklären kann.

Am Innerschweizer in Flüelen werden Sie am 7. Juli erstmals am Mikrofon sein. Wie bereiten Sie sich vor?

Sicher professionell. Ich werde Zeit benötigen,um in diese Aufgabe hineinzuwachsen.

Das Wintertraining werden Sie wohl kaum vermisst haben.

(schmunzelt) Ich habe während meiner Aktivkarriere immer gerne trainiert. Doch jetzt, wo die sportlichen Ziele weg sind, wüsste ich nicht, warum ich in den Kraftraum gehen sollte. Zum letzten Mal war ich Ende Juli im Kraftraum. Seither habe ich gut 10 Kilo abgenommen.

Als Sie 21 Jahre alt waren, haben Sie gesagt, Sie wollen Schwingerkönig werden. Kam das gut an?

Nicht bei allen. Aber ich finde es eigentlich schade, dass man in der Schweiz so zurückhaltend sein muss. Ich finde es nur ehrlich, wenn man klar zu seinen Zielen steht. Damals hatte ich vier Kranzfeste gewonnen. Wenn man da nicht Schwingerkönig werden will, stimmt etwas nicht.

Wenn ein Mitfavorit wie Joel Wicki sagen würde, er wolle König werden, würde er sich aber auch viel Druck auflegen.

Diese Drucksituationen werden in meinen Augen überbewertet. Druck oder die Erwartung der Gesellschaft waren für mich immer Motivation. Ich wollte den Leuten beweisen, was möglich ist.

Aber die Schwingergemeinde erwartet von den Athleten eine gewisse Demut. Es wird auch nicht goutiert, wenn jemand zu ausgelassen jubelt.

In einem gesunden Mass jubeln und Freude zeigen finde ich okay.

Ein vielversprechender Junger ist Remo Käser, der dem gleichen Schwingklub wie Sie angehört. Er fällt mit viel Werbung auf, steht andauernd in der Öffentlichkeit. Mahnen Sie ihn auch mal, er solle einen Gang runterschalten?

Man darf nicht vergessen: Remo ist zehn Jahre jünger als ich, er gehört sozusagen einer anderen Generation an. Die 20-Jährigen von heute sind so. Sie verbringen viel Zeit auf den sozialen Medien. Ich finde es bedauernswert, dass er aus Schwingerkreisen kritisiert wird, teilweise auch von Funktionären. Oft wird vergessen, dass auch er zehn Prozent seiner Einnahmen aus dem Sport dem Verband abgibt. Die Auftritte von Remo sind letztlich auch Werbung für den Schwingsport. Er spricht ein junges Publikum an, und wir brauchen auch diese Leute.

Auch der Schwingsport kennt seine Dopingskandale. Die Affäre Martin Grab zeigte, dass man in Schwingerkreisen möglichst wenig von diesem Thema wissen will. Täuscht dieser Eindruck?

Der Schwingerverband ist Mitglied von Swiss Olympic. Und meines Wissens liegt der Ball in der Sache von Martin Grab nun bei Swiss Olympic, mehr kann ich dazu nicht sagen.

Ist der Schwingsport denn so rein, wie er vorgibt zu sein?

Schwarze Schafe gibt es überall. In fast jeder Familie, in jeder Firma, in jeder Sportart. Das ist leider auch im Schwingsport so.

Muss man die Schwinger besser begleiten, was Doping betrifft?

Nein, der eingeschlagene Weg ist richtig. Die Athleten werden gut aufgeklärt. Aber die Selbstverantwortung bleibt. Die Kontrollen werden von Antidoping Schweiz durchgeführt, ich denke, das System ist gut.

Wissen alle Schwinger, welche Substanzen sie nehmen dürfen und welche nicht?

Da steht natürlich jeder Athlet selbst in der Pflicht. Man kann ganz einfach auf der Website nachschauen gehen. Und es gibt eine App, die jegliche verbotenen Substanzen aufzeigt.

Wird es schon bald Vollzeit-Schwinger geben?

Das Amt des Schwingerkönigs ist eine grosse Herausforderung. Wenn man den Ansprüchen der Partner gerecht werden will, nimmt das seine Zeit in Anspruch. Man ist gezwungen, reduziert zu arbeiten, und es braucht ein starkes Umfeld, das einen unterstützt. Aber es ist sicher auch in Zukunft sinnvoll, wenn ein Schwinger einem Beruf nachgeht. Das hilft als Ausgleich und ist für die Entwicklung der Persönlichkeit gut. Ich habe nicht das Gefühl, dass in den nächsten Jahren einer Vollprofi wird. Wie gesagt, man soll das Potenzial möglicher Werbeeinnahmen wahrnehmen – einfach in einem gesunden Mass.

Bei Skifahrern ist es verbreitet, dass sie während des TV-Interviews einen Schluck aus der Red-Bull-Flasche nehmen, um Werbung zu machen. Ist das noch ein gesundes Mass?

Es gibt auch einen Schwinger, der das macht (lacht). Mich stört das nicht. Wie gesagt: Es ist ein Nehmen und ein Geben. Werbung hilft auch dem Verband und dem Nachwuchs durch die Abgaben. Was ist denn daran schlecht?

Haben Sie Kritik gespürt, als sie 2013 König wurden und Ihr Arbeitspensum reduzierten?

Ich habe das nie gross zu spüren gekriegt. Und ich habe mich immer für Partner entschieden, die zu mir passten, die sich allgemein im Schwingsport engagierten. Es gab auch unpassende Angebote, die ich abgelehnt habe.

Wie sieht es mit dem Nachwuchs aus? Boomt das Schwingen bei den Jungen?

Im Schwingklub Kirchberg haben wir 30 Jungschwinger. Hier in Entlebuch ist es extremer, die haben über 100 Jungschwinger. Ich beobachte aber, dass allgemein einige mit 18 Jahren aufhören, da fehlt oft ein wenig der Biss. Doch vielleicht ist das auch ein gesellschaftliches Problem. Man bleibt oft nur kurzfristig an etwas dran.

Wie war Matthias Sempach als 18-Jähriger?

Verbissen. Ich liebte die Herausforderung und hatte Ziele.

Stimmt es, dass Sie bei Ihrem ersten Bubenschwinget einen Dreifachstecker gewonnen haben?

Das ist so. Und ich wurde Letzter. Aber am Vorabend habe ich geträumt, dass ich das Fest gewinne. Der Wille war da (lacht).

Wer sind Ihre Favoriten fürs Eidgenössische in Zug?

Samuel Giger, Armon Orlik, Joel Wicki, Christian Stucki, das sind die vier Topfavoriten. Mitfavoriten sind Pirmin Reichmuth, Remo Käser, Kilian Wenger und Daniel Bösch.

Matthias Glarner?

Glarner, falls er 100 Prozent fit wird. Dann traue ich ihm viel zu. Er unternimmt alles für den Erfolg und kennt keine Kompromisse.

Was hat Ihnen das Schwingen rückblickend gebracht?

Enorm viel. In der ganzen Schweiz habe ich Freundschaften. Schon mit sieben Jahren lernte ich mit Sieg und Niederlage umzugehen. Klar, am Anfang waren da Tränen. Doch man bekommt diesen Biss, der mir auch heute noch im Alltag hilft. Ich habe früh gewisse zeitlose Werte gelernt. Die Schwingerfamilie hat mir Halt gegeben.

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