Analyse

Die Schweizer Skisportler sind so zuversichtlich, da kann der Winter gerne kommen

Gino Caviezel (L) and Marco Odermatt (R), im Freudentaumel. Bild: Keystone

Gino Caviezel (L) and Marco Odermatt (R), im Freudentaumel. Bild: Keystone

Die neue Skisaison beginnt, wie die alte endete: mit einer Machtdemonstration der Schweizer Rennfahrerinnen und Rennfahrer. Beim Weltcup-Prolog auf dem Gletscher bei Sölden fahren Marco Odermatt als Zweiter und Gino Caviezel als Dritter aufs Riesenslalom-Podest, Michelle Gisin verpasst es bei den Frauen als Vierte nur um 17 Hundertstelsekunden. Caviezel im ersten und Odermatt im zweiten Durchgang erzielen Laufbestzeiten. Für den Bündner Caviezel ist es der erste Podestplatz im 92. Weltcup-Rennen. Gisin egalisiert ihr Bestresultat in dieser Disziplin.

Nicht nur mit der Präsenz an der Ranglistenspitze fällt das Team von Swiss-Ski auf. Je fünf Fahrerinnen und Fahrer holen Weltcup-Punkte. Keine andere Nation kann gleiches für sich in Anspruch nehmen. Drei Athletinnen und vier Athleten klassieren sich in den ersten elf Positionen. Eine selten erreichte Dichte, ausgerechnet in jener Disziplin, die zuletzt so etwas wie ein kleiner Schwachpunkt der erstrahlenden Skination Schweiz darstellte – wenn man angesichts der Erfolge auf breiter Front überhaupt von einer Schwäche reden darf.

Schweizer Team hat keine Problemdisziplin mehr

Im Durchschnitt sämtlicher Riesenslaloms der zwei vergangenen Saisons holte sich die Schweiz 1,6 Top-10-Plätze bei den Männern und 0,93 bei den Frauen. Es ist bei beiden Geschlechtern der tiefste Wert aller Disziplinen. Im Vergleich fuhren während der gleichen Zeitspanne in den Abfahrten der Männer durchschnittlich 2,24 Athleten in die ersten zehn. Bei den Frauen liegt der Bestwert (2,15) im Super-G.

Zahlen sind das eine, das gute Gefühl das andere. In der Saisonvorbereitung strahlten die Schweizer Skisportler eine ansteckende Zuversicht aus. Selbstvertrauen bewiesen sie mit mutiger Fahrweise möglichst oft in der Falllinie und bereits äusserst stabiler Technik auch auf der schwierigen Piste in Sölden. Manch einer verwies auf den Teamspirit und den gesunden Konkurrenzkampf in den Trainings als Erfolgsfaktoren. In keiner Disziplin ist der Erfolg derzeit von einer einzigen Athletin oder einem Athleten abhängig.

Grosse Kontinuität, gute Planung und viel Ruhe

Ein einzelnes Rennen, und erst noch fern des wirklichen Winters, liefert nie die ganze Wahrheit. Die Vergangenheit jedoch zeigt: Wer in Sölden bereit ist, der ist es auch später in der Saison. Selbst wenn es in diesem Winter wegen des coronabedingt angepassten Rennkalenders so lange wie noch nie geht, bis der nächste Riesenslalom ansteht. 56 Tage müssen die Männer darauf warten, 50 Tage die Frauen.

Aber die Diskrepanz etwa zwischen den selbstbewussten Schweizern und der entthronten Langzeit-Skination Nummer 1 Österreich war eklatant. Zwei Szenen aus dem Männerrennen unterstreichen die derzeitige Gefühlslage. Beide sorgen zwar für Lacher, dokumentieren allerdings zwei Welten: Justin Murisier nimmt nach dem zweiten Lauf vorübergehend in der Leaderbox Platz. Im Gesicht trägt er eine Virenmaske, die Nase, Mund und Zahnlücken einer hässlichen Erscheinung zeigen. Zum Brüllen komisch. Nur wer alles im Griff hat, findet den Mut für diesen optischen Slapstick.

Im Lager der Österreicher sieht und hört man, wie der neue Riesenslalomtrainer seinem Schützling Stefan Brennsteiner vor dem Lauf per Funk Anweisungen erteilt. Der Fahrer quittiert die Meldung mit den Worten: «Ich habe nicht verstanden, was er gesagt hat.» Während im Schweizer Trainerteam grosse Kontinuität und wenig Hektik herrschen, reagiert man bei Österreichs Betreuern mit personellen Wechseln auf die Baisse. Da muss man sich zuerst finden – nicht zuletzt kommunikativ.

Die Schweizer Alpinen verdanken ihren starken Saisonstart auch Trainingsbedingungen, die andere Nationen neidisch machen. Heimrecht im Sommer auf den besten Gletschern der Alpen und eine eindrückliche Dichte beim Teamsupport. Auf einen Athleten kommt faktisch eine Betreuungsperson. In keiner anderen Sportart gibt die Schweiz im weltweiten Vergleich derart viel Geld für den Erfolg aus. Man darf ihn also durchaus einfordern.

Corona und Verletzungen als Damoklesschwert

Zwei Aspekte werden in diesem Winter mitentscheidend sein, ob das sportliche Bild aus Sölden Bestand hält: das Coronavirus und die Verletztenliste. Wenn etwa Beat Feuz wegen eines positiven Falls im direkten Umfeld vor den Abfahrten in Wengen und Kitzbühel in Quarantäne muss, nützt ihm jede Topform nichts. Und wenn die aktuelle Kadenz an schweren Verletzungen in den Kadern von Swiss-Ski – Aline Danioth, Charlotte Chable und Sandro Jenal – Bestand hält, droht selbst der neuen Skination Nummer 1 im Verlauf der Saison ein personelles Vakuum auf der Piste.

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