WM-Start
Die Schweizer sind die neuen Russen des Welthockeys

Das 5:2 gegen Tschechien ist der beste WM-Start seit 70 Jahren. Die Farben passen für diesen Vergleich. Der Gegner Tschechien auch: die Schweizer sind die neuen Russen.

Klaus Zaugg
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Die Schweiz hat eine Paradevorstellung zum WM-Auftakt gezeigt.

Die Schweiz hat eine Paradevorstellung zum WM-Auftakt gezeigt.

Freshfocus

Um den Vergleich zu verstehen, müssen wir ein wenig am Rad der Zeit drehen: Gut 30 Jahre lang haben die Sowjets (die Russen) das Welteishockey dominiert. Zwischen 1963 in Stockholm und 1986 in Moskau gab es nur zwei Weltmeister: die Sowjetunion und die CSSR. Allerdings kam die damalige Tschechoslowakei nur auf vier Titel. Meistens spielten die Sowjets (Russen) in Rot und die Tschechoslowaken mehrheitlich in Weiss. Die gleiche farbliche Ausgangslage hatten wir nun beim WM-Startspiel zwischen den roten Schweizern und den vornehmlich weissen Tschechen.

Das Merkmal des sowjetischen Spiels: Tempo, Präzision, Dominanz. Das Merkmal des tschechischen Spiels: überragende Goalies, taktische Schlauheit, schnelle Konter.

Und nun mehr als 30 Jahre später dieses «Déjà-vu»: die Männer in Rot dominieren mit präzisem Tempospiel. Ihre Gegner in Weiss halten tapfer dagegen. Der wesentliche Unterschied zu damals: die Tschechen haben nur einen durchschnittlichen Torhüter. Keinen Wladimir Dzurilla, Juri Holecek oder Jiri Kralik. Leonardo Genoni ist hingegen überragend. Mit entscheidenden Paraden in den wichtigen Phasen: Die Schweizer beim 5:2 gegen die Tschechen so wie damals die Russen mit Wjatscheslaw Tretjak, dem berühmtesten Goalie der sowjetischen Hockey-Kultur.

Die Sowjets haben 1954 mit Donnerhall die internationale Bühne betreten und gleich bei ihrer ersten WM-Teilnahme den Titel geholt. Von Null auf Hundert. Aus dem Stand heraus. Die erstaunlichste Entwicklung seither ist der Aufstieg der Schweizer von Hinterbänklern, die 1998 noch zweitklassig waren und nur an der WM teilnehmen durften, weil sie Gastgeber waren, zurück in die Weltklasse.

«Pausenplatz-Hockey» als Grundstein

Vor allem aber: Die Entwicklung der aktuellen Spielergeneration ist im Welthockey einmalig. Patrick Fischer wird am 22. Oktober 2015 in Lugano gefeuert und Nationaltrainer. Und wieder diese Parallele zu den Russen. Patrick Fischers erstes Titelturnier ist die WM 2016 in ... Moskau. Was die Schweizer mit «Pausenplatz-Hockey» gerade mal den 11. Schlussrang einbringt, führt sie zwei Jahre später 2018 in Kopenhagen in den WM-Final. Am Ende steht dort eine denkbar knappe, dramatische Niederlage gegen Schweden nach Penaltys.

Dieses «Pausenplatz-Hockey» ist der Kern des heutigen Spiels. 2016 ist es noch ein wildes, oft wirres und viel zu wenig strukturiertes, naives Offensivspektakel. Patrick Fischer ist ein Visionär: Er versucht auch gegen die Titanen des Welthockeys das Spiel zu dominieren. Was seit Mitte der 1950er Jahre nie mehr ein Nationaltrainer gewagt hat.

Fischer ist der erste nationale Trainer seit mehr als 60 Jahren, der es wagt, auf spielerische Mittel statt «Beton» oder den «Schweizer Riegel» zu setzen. Zu diesem Zeitpunkt 2016 in Moskau noch ein Wahnsinn. Die spielerischen Mittel sind unzureichend. «Pausenplatz-Hockey» eben.

Aber Patrick Fischer hält unbeirrbar an diesem Experiment fest – und triumphiert. Im Rückblick können wir auch fragen: Waren die spielerischen Mittel tatsächlich unzureichend? Oder fehlte einfach der Mut? Patrick Fischer wird zum Prinzen, der unser Hockey aus dem Dornröschenschlaf geweckt hat.

Genoni, der wichtige Rückhalt

Das 5:2 gegen Tschechien ist der beste Turnier-Start auf höchstem WM-Level seit dem 8:1 gegen Norwegen am 10. März 1951 in Paris (3. Schlussrang). Besser (aber nicht überraschender) als das 3:2 am 3. Mai 2013 gegen Schweden bei der Silber-WM in Stockholm. Mit dem perfekten Spiel. Und der perfekten Einstellung. Zwei Torschützen (Grégory Hofmann und Tristan Scherwey) sind sich in dieser Partie beispielsweise auch nicht zu schade, unter Schmerzen Schüsse zu blockieren.

Und noch einmal der Vergleich zu den Russen: Niederlagen kassierten sie in ihren besten Zeiten bei einer WM nur selten und meistens nur gegen die Tschechen. So dominant sie auch sein mochten – einen Weltklassetorhüter brauchten sie doch: Wjatscheslaw Tretjak. Bei der ersten WM ohne Tretjak setzte es mit Wladimir Myschkin im Kasten 1985 in Prag eine der überraschendsten WM-Pleiten ab: Niederlagen gegen die CSSR und Kanada, nur Platz 3 als Titelverteidiger.

So perfekt, so gut das Spiel gegen die Tschechen war – ohne einen Titanen im Tor geht es bei den Schweizern so wenig wie damals bei den Sowjets. Gegen die Tschechen war Leonardo Genoni so gut wie einst Wjatscheslaw Tretjak.

Nun wartet mit den Dänen am Sonntag um 19.15 Uhr ein unbequemer Gegner auf die Schweiz, der mit Heinz Ehlers an der Bande, der unsere einstige Defensiv-Taktik aus der Ära von Ralph Krueger (1997 bis 2010) kopiert. So gesehen sind die Dänen die Schweizer des Welthockeys.