Kunstturnen
Die Schweizer sind an der EM auf Medaillenkurs und überzeugen auch im Einzel

Erwartungen erfüllt? Erwartungen übertroffen! Dies ist das erfreuliche Fazit nach dem zweiten Tag der Europameisterschaften in Bern.

Michael Forster
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Benjamin Gischard steht trotz fehlender halber Rotation im Gerätefinal.

Benjamin Gischard steht trotz fehlender halber Rotation im Gerätefinal.

KEYSTONE

Nachdem die Junioren zum Auftakt am Mittwoch mit einer Team-Bronzemedaille aus ihrer Qualifikation hervorgegangen waren und die EM mit einem ersten frühen Höhepunkt eröffnet hatten, taten es ihnen die Männer gewissermassen gleich. Zwar wurden bei der Elite noch keine Medaillen vergeben – doch Rang 3 hinter den unerreichbaren Russen und Briten lässt für den Teamfinal vom Samstag einiges erhoffen.

Dass die Schweizer vor einem begeisterungsfähigen Heimpublikum die Qualifikation für den Teamfinal der besten acht Mannschaften schaffen würden, das stand gestern zu keinem Zeitpunkt zur Diskussion. Sie besetzten von Anfang an einen der ersten drei Plätze und führten die Konkurrenz auch nach vier Geräten noch knapp vor Grossbritannien und Russland an. Dass man am Ende nicht mehr vor den beiden Dominatoren im europäischen Kunstturnen stehen würde, das war für Benjamin Gischard (20) nur logisch. «Wir turnten zum Schluss an den Ringen, unserer Schwachstelle, sowie am Pauschenpferd. Und das ist so etwas wie unser Zittergerät.»

Auch gestern. Nachdem sich die Schweizer bereits am Reck durch Oliver Hegi einen Sturz geleistet hatten, musste Gischard am Pferd vom Gerät. Doch erstens hatte das auf den starken Gesamteindruck der Schweizer keinen entscheidenden Einfluss, und zweitens machte der Jüngste des Teams seinen Aussetzer mit seiner Finalqualifikation am Sprung, seiner Paradedisziplin, wieder wett.

Baumann in drei Gerätefinals

Zu Recht sprach Gischard, welcher in der Vorbereitung durch Schmerzen in der Schulter sowie eine Zerrung des Innenbandes im Fuss behindert wurde, von «keinem perfekten Wettkampf». Selbst der Sprung gelang ihm nicht optimal, im Gegenteil: Anstatt zweieinhalb Schrauben zeigte er nur deren zwei, und doch reichte es ihm als Siebter für den sonntäglichen Showdown. Ein bisschen Potenzial liegt im Hinblick auf diesen Auftritt also noch brach. «Selbst wenn mir der Sprung mit zweieinhalb Schrauben perfekt gelingt, ist eine Medaille wohl ausser Reichweite», befürchtet Gischard. Er weiss genau: Wenn die Konkurrenz nicht patzt, werden die 0,3 Punkte zu Rang 3 kaum wettzumachen sein.

Die grossen Schweizer Figuren in dieser Qualifikation der Männer waren Teamleader Pablo Brägger und Christian Baumann. Die beiden werden am Sonntag in je drei Gerätefinals vertreten sein und schrauben damit die EM-Bestmarke in Sachen Finalqualifikation auf einen Schlag nach oben. Hatten vor Jahresfrist in Montpellier noch vier Finalplätze und schliesslich die beiden Medaillen durch Baumann (Silber am Barren) und Brägger (Bronze am Boden) herausgeschaut, resultierten bei der Heim-EM diesmal gleich sieben Finalplätze.

Verständlich, dass Baumann, der 21-jährige Turner des STV Lenzburg, zufrieden dreinblickte in der Mixed Zone der Postfinance-Arena. «Besser hätte es nicht laufen können», meinte er gar, ihm selber sei es bereits im Vorfeld des Wettkampfs sehr gut gelaufen. Das sei in der Vergangenheit nicht immer so gewesen. «Im Wettkampf selber hatte ich ein sehr gutes Feeling, was sicher auch mit der Hammerstimmung in der Halle zu tun hatte.»