Fertig jetzt, genug geruht. Die Winterpause ist vorbei. Es polarisieren wieder die Fallrückzieher, nicht die Offerten. Die unbeschwerten Tage in den Trainingslagern an den schönen Orten dieser Welt weichen dem eisernen Meisterschaftsalltag. Wir wollen wieder Fussball sehen, Schweizer Fussballer, um genau zu sein. 

Ähnlich dürfte es Vladimir Petkovic, Coach der Schweizer Nationalmannschaft, am vergangenen Sonntag ergangen sein. Er suchte zum Rückrundenauftakt der Super League die St. Galler AFG Arena auf, um das zu sehen, was er in den vergangenen Tagen und Wochen wohl vermisste: Fussballer mit Schweizer Pass und Spielpraxis. 28 Spieler agieren an diesem Nachmittag im Match zwischen St. Gallen und Thun, davon haben 17 Akteure eine Schweizer Staatsbürgerschaft. In Petkovics Kader figuriert keiner von ihnen. Warum der Nationalcoach dann in der Ostschweiz ist, wenn 170 Kilometer westlich im Basler St. Jakob-Park vier seiner Schützlinge im Einsatz sind?

Vielleicht tüftelt Petkovic ja bereits am Notfall-Kader für die EM. Martin Angha statt Fabian Schär in der Innenverteidigung. Oder Roman Buess statt Haris Seferovic im Sturm. Gewiss, frei von Polemik sind diese Gedanken nicht. Doch die Konfrontation ist nötig, denn die Momentaufnahme exakt vier Monate vor der Europameisterschaft ist besorgniserregend.

Der gestrandete Captain
Wenn man die letzten vier Spiele der Landesauswahl im vergangenen Jahr
gegen San Marino, Estland, Slowakei und Österreich als Referenz verwendet, kommt man zum Schluss: Das Gros der Nati-Söldner ist zum Teilzeitarbeiter verkommen. Und es werden immer mehr.

Das krasseste Beispiel liefert ausgerechnet Captain Gökhan Inler. Der
31-Jährige versetzte seinen Arbeitsplatz im Sommer von Neapel nach Leicester, um im Zentrum der «Füchse» das zu machen, was in der Nati verlangt wird: das Mittelfeld orchestrieren. Doch da, wo Inler angedacht war, agiert jetzt ein gewisser N’Golo Kanté, Mitverfasser eines der grössten Fussballmärchen, das auf der Insel je geschrieben wurde. Der letztjährige Beinahe-Absteiger Leicester führt die Premier League sensationell mit fünf Punkten Vorsprung an. Ohne Inler, der zuletzt gar nicht mal mehr im Kader aufgeführt wurde.

Noch im Kader ist Frankfurt-Stürmer Haris Seferovic. Den Stammplatz hat er aber seit kurzem ebenfalls nur noch mit dem Fernrohr im Blick. Zum Rückrundenstart der Bundesliga kam es zur Zänkerei zwischen dem 23-Jährigen und Eintracht-Coach Armin Veh. Dieser zweifelte Seferovic den Goalgetter-Status an und unterstrich, «die Schnauze voll» zu haben. Seferovic, der im Sommer noch vom anstehenden Durchbruch sprach, verstummt auf der Bank.

Kompliziert gestaltet sich die Lage auch für Innenverteidiger Fabian Schär. Das Rheinknie verliess der Ex-Basler im Sommer, um in Hoffenheim Teil der Expansionsstrategie zu werden, endlich nach Europa. Die Realität heisst aber Abstiegskampf. Das Defensivkonzept von TSG-Trainer Huub Stevens scheint nicht mit Schärs Hang zur Offensive zu konvergieren. Die Rückrunde erlebt Schär bis dato mehrheitlich mit der Decke über den Oberschenkeln.

Von Stephan Lichtsteiner, der in drei der letzten vier Juventus-Partien nur Substitutionsobjekt war, über François Moubandje bis hin zu Pajtim Kasami, Valentin Stocker und Admir Mehmedi: Die Liste der Teilzeitarbeiter ist beachtlich.

Ja es gibt sie, die Lichtblicke
Dennoch gibt es sie: Jene Nati-Spieler, für welche es nicht bereits ein guter Spieltag ist, wenn sie einmal durchspielen dürfen. Die Lichtblicke kommen aus der Bundesliga. Gladbachs Granit Xhaka und Berlins Fabian Lustenberger tragen die Captainbinde ihrer Klubs – und überzeugen. Auch Johan Djourou ist Mannschaftsführer, seine Auftritte sind aber längst nicht über jeden Zweifel erhaben. Vorbehalte werden auch gegenüber Xherdan Shaqiri gehegt. Bei Stoke erhält der 24-Jährige zwar Einsatzzeit, sein Einfluss bleibt aber überschaubar. Der wirkliche Schweizer Trumpf ist die Position des Torhüters: Sowohl Yann Sommer als auch Roman Bürki und Marwin Hitz sind in ihren Vereinen unantastbar. 

Dieses Status wollen sich auch Josip Drmic und Timm Klose in ihren neuen Klubs erarbeiten. Beide entschieden sich im letzten Transferfenster vor der EM für den Notausgang und wechselten den Arbeitgeber. In Hamburg respektive Norwich wollen sie ihr Leben als Teilzeitarbeiter nun hinter sich lassen. Noch sind nicht alle Zweifel beseitigt.
In wenigen Wochen nominiert Vladimir Petkovic erstmals im neuen Jahr das Kader für das Testspiel gegen Irland am 25. März. Gut möglich, dass in Dublin einige Nationalspieler erstmals in diesem Kalenderjahr ein Spiel über die volle Distanz absolvieren werden. Energie müsste genügend vorhanden sein.