Fussball-Europa

Die Schweizer Fussballklubs kommen nicht mehr an die Honigtöpfe heran – warum andere Ligen erfolgreicher sind

Keine Champions League für Nicolas Moumi Ngamaleu und YB in dieser Saison. Wieder nicht.

Keine Champions League für Nicolas Moumi Ngamaleu und YB in dieser Saison. Wieder nicht.

Mit YB stellt die Schweiz nur einen Europa-Teilnehmer, vergleichbare Länder wie Österreich und Tschechien haben mehr. Das hat Gründe.

Der Schweizer Fussball ist in Europa eine kleine Nummer. Champions League? Fehlanzeige. Europa League? Immerhin ist Meister YB dabei. So wenige Teilnehmer wie in diesem Jahr stellte die Schweiz noch nie seit dem Jahr 2004. Es ist ein neuerlicher Tiefpunkt, nachdem der Trend der Schweizer Vereine seit Jahren nach unten zeigt. Die Liga ist inzwischen aus den besten 15 Europas gefallen.

Österreich und Tschechien mit vier respektive drei Teams in Europa vertreten

Besser sieht es da bei anderen Ligen aus, die jahrelang hinter der Schweiz klassiert waren: Österreich und Tschechien. Der österreichische Meister Red Bull Salzburg spielt in der Champions League, die Teams Rapid Wien, Linzer ASK und der Wolfsberger AC sind in der Europa League. Und die tschechische Liga schickt mit Slavia Prag, Slovan Liberec und Sparta Prag drei Vertreter in die Europa League. Warum stehen diese beiden Ligen international derzeit besser da als die Schweiz?

Noah Okafor spielt mit Red Bull Salzburg in der Königsklasse.

Noah Okafor spielt mit Red Bull Salzburg in der Königsklasse.

Spitzenteams sorgen für Punkte

Die Spurensuche beginnt in Wien beim österreichischen Fussball-Magazin «Ballesterer». Chefredaktor Jakob Rosenberg spricht davon, dass die österreichische Liga besser geworden ist in den letzten Jahren. Er sagt aber auch: «Die Erfolge von Red Bull Salzburg täuschen über vieles hinweg.» Fast die Hälfte aller internationalen Punkte der österreichischen Klubs für die Uefa-Länderkoeffizienten holte RB Salzburg. Eine ähnliche Quote hat für die Schweiz noch immer der FC Basel. «Die Situation ist vergleichbar mit der Schweiz vor ein paar Jahren», sagt Rosenberg. «Damals hat Basel national dominiert und international gepunktet. Jetzt, wo die Dominanz durchbrochen ist, punkten die Basler nicht mehr so regelmässig.» Dank der geholten Punkte von RB Salzburg qualifizieren sich auch die kleineren Mannschaften aus Österreich leichter: Der Wolfsberger AC musste keine Qualifikation bestreiten und Rapid Wien durfte zunächst in der Champions-League-Qualifikation ran.

Der FC Basel spielte jahrelang in der Champions League und holte für die Schweiz zuverlässig Punkte, wie hier in der Saison 17/18 mit Renato Steffen (links) gegen Manchester United.

Der FC Basel spielte jahrelang in der Champions League und holte für die Schweiz zuverlässig Punkte, wie hier in der Saison 17/18 mit Renato Steffen (links) gegen Manchester United.

In Tschechien steigen die Löhne

Ein wenig anders ist die Situation in Tschechien. Mit den beiden Prager Mannschaften Slavia und Sparta sowie Viktoria Pilsen sorgen drei Topteams für regelmässige Erfolge, auch wenn seit dem Einsteigen eines chinesischen Investors Slavia den Ligakonkurrenten ein wenig enteilt scheint. Fussballjournalist David Cermak von der tschechischen Tageszeitung «Mlada fronta Dnes» sagt: «Sparta, Slavia und Viktoria Pilsen sind allen anderen Vereinen der Liga finanziell und von den Voraussetzungen her überlegen.» Slavia und Sparta haben beide ein Budget zwischen 40 und 50 Millionen Franken, Viktoria leicht darunter. Zum Vergleich: Bei den Young Boys betrug der Umsatz im letzten Jahr 80 Millionen Franken, von RB Salzburg 128 Millionen Franken. Eins zu eins zu vergleichen sind die Zahlen nicht, da Lebensunterhaltungskosten in Tschechien tiefer liegen als in der Schweiz. Slavia Prag soll seinen Spielern gute Löhne bezahlen, damit sie nicht in Topligen abwandern.

Ist es ein Vorteil für eine kleine Liga eine Übermannschaft zu haben oder nicht? «Ein solches Spitzenteam wie RB Salzburg in der Liga zu haben, ist Fluch und Segen zugleich», sagt Rosenberg. «Die Liga wird langweiliger, doch die Verfolgerteams können oft im Windschatten mitreiten.» Das sieht auch Cermak so: «Seit Slavia wieder besser ist, sind auch die anderen Teams besser geworden. Das fussballerische Niveau der Liga ist leicht gestiegen. Sparta als Lokalrivale hat immer den Anspruch, sich mit Slavia zu messen.»

Kleinere Vereine nehmen Europa ernst und wollen Erfolge

Einer der grössten Unterschiede im Umgang mit den europäischen Wettbewerben lässt sich anhand des Beispiels von Slovan Liberec erklären. Mittelgrosse Schweizer Clubs wie Servette, St.Gallen, Luzern oder Sion scheiterten in den letzten Jahren immer wieder früh. Das Motto von Schweizer Klubs lautet: Lange Qualifikationsphasen überstehen? «Muss nicht sein, lieber starten wir gut in die Meisterschaft.» Ganz anderes Liberec: Sie starteten in der zweiten Qualifikationsrunde und schalteten nacheinander Riteriai, Steaua Bukarest und Apoel Nikosia aus. «Liberec hat die Wichtigkeit der Europa League erkannt», sagt Cermak. «Das Team wollte sich qualifizieren, weil für sie die Uefa-Gelder finanziell wichtig sind.» Das Team verfügt über einen Marktwert von 12,8 Millionen Franken. Das ist fast eine Million weniger als Challenge-League-Klub GC.

Eine Änderung in Österreich und Tschechien passierte in den letzten Jahren auch im Ligamodus. Während in der Schweiz solche Bemühungen scheiterten, haben die Österreicher und die Tschechen inzwischen Playoffs. Österreich mit 12 Teams, Tschechien normalerweise mit 16, wegen Corona mit 18. «Für die besseren Vereine ist der neue Modus gut. Er brachte mehr Spannungsmomente», findet Rosenberg. «Für die kleineren Vereine ist der Modus aber ein Problem, da die zweite Liga abgewertet wurde.» Auch in Tschechien ist man von den Playoffs nicht restlos begeistert. Cermak sagt: «Bei uns werden die Punkte nicht wie in Österreich halbiert. Dadurch ist die Meisterschaft im Normalfall vor den Playoffs entschieden. Somit verkommen diese zu Kehraus-Partien.»

Scouting in Österreich, Verbandsförderung in Tschechien

Nicht nur durch einen neuen Ligamodus hat sich einiges verändert im österreichischen und tschechischen Fussball. Ein anderer Aspekt auf der Suche nach dem Erfolg im Fussball ist die Nachwuchsarbeit. Dort gehen beide neue, aber gegensätzliche Wege.

Wie die Schweizer kennen die Österreicher das Problem, dass viele talentierte Spieler schon früh ins Ausland wechseln. In der deutschen Bundesliga stellt kein anderes Land so viele Söldner wie Österreich. «Die österreichische Liga hat sich inzwischen damit abgefunden, dass sie eine Ausbildungsliga ist. Niemand rechnet damit, dass ein Talent lange hier spielt», so Rosenberg. Die grossen Vereine wie Salzburg, Rapid oder Austria müssen mehr Talente herausbringen, um erfolgreich zu sein. Deshalb ist innerhalb Österreichs der Kampf nach Talenten gross. Anders als in der Schweiz, wo sich die Vereine die jungen Talente selten wegschnappen, werden in Österreich 15-Jährige durchs ganze Land transferiert. «Moralisch muss man dies hinterfragen», sagt Rosenberg. «Fussballerisch scheint es aufzugehen.» Auch aus dem Ausland sucht man sich die besten Talente zusammen. RB ist darin einmal mehr Vorreiter. Rosenberg sagt: «Salzburg bringt immer wieder Talente aus Afrika hervor.» Anders als in der Schweiz dürfen EU-Länder schon 16-Jährige verpflichten, in der Schweiz liegt diese Regel bei 18 Jahren. Dadurch sind die Talente günstig zu haben. Davon profitieren nicht nur die Salzburger. Diejenigen, die es bei RB nicht schaffen, sind oft gut genug für einen Ligakonkurrenten.

In Tschechien funktioniert die Nachwuchsförderung anders. Statt auf Scoutingsysteme setzt der Verband neu auf nationale Ausbildungszentren, wo Talente zusätzlich gefördert werden sollen. Die Idee ist bei den Klubs umstritten, da ihre Spieler den Vereinen nicht immer zur Verfügung stehen. «Doch die jungen Spieler werden vom Verband insbesondere technisch und spielerisch besser gefördert», sagt Cermak. Früher galt die goldene Generation mit Pavel Nedved, Karel Poborsky oder Tomas Rosicky als spielerisch stark, die heutige Generation tschechischer Profis überzeugt vor allem durch Kampfgeist. «Hier wird Fussball nicht gespielt, sondern gekämpft. Das Spiel ist sehr physisch und taktisch», so Cermak. «Diese Art des Fussballs ist gewöhnungsbedürftig. Darum setzen sich kaum ausländische Talente in Tschechien durch.» Tatsächlich spielen in den Topteams fast nur Tschechen.

Die Strategien bei österreichischen und tschechischen Klubs funktionieren derzeit besser als in der Schweiz. Schwieriger wird es aber für die kleineren Ligen sowieso. Ab nächster Saison spielen deren Klubs hauptsächlich in der Europa Conference League. So einfach wie in diesem Jahr in den wichtigen Wettbewerben zu spielen, wird es lange nicht mehr.

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