Akrobatik an Geräten

Die Schweiz ist wieder eine Turnnation – eine Nation aus Turnern?

Wenn Oliver Hegi turnt, wähnt sich der Betrachter fast im Zirkus.

Einst diente das Turnen dem «nation building», wurde in der Schweiz gar als Urzelle der Demokratie gefeiert. Heute staunt lieber bloss über die eleganten Kunststücke.

Seit ein erfolgreiches Segelschiff mit einem Schweizer Fähnli am Mast herumgekurvt ist, lässt sich der Spruch nicht mehr vermeiden. Der von der -Nation, der Bindestrich-Nation. Ja, damals war es halt eine «Segelnation», die wir sein durften – vielleicht, weil wir sonst keine mehr sein durften? Oder uns einfach niemand mehr als eine Irgendwas-Nation wahrnehmen wollte?

Egal, denn heute sind wir wieder eine Turnnation. Mit den Plätzen 1 und 2 am Reck bei den Europameisterschaften im rumänischen Cluj weckten Pablo Brägger und Oliver Hegi nicht nur Stolz, sondern auch Nostalgie. Jetzt sind wir wieder eine Turnnation.

Wieder, weil wir wirklich mal eine waren. Ob wir auch eine Nation aus Turnern waren, bleibt vielleicht ein – etwas obskurer – Wunschtraum, aber erfolgreiche Turner hatten wir. Die Schweiz, eine Nation aus Turnern und Schützen – und die Schwinger reklamieren schon, sie gehörten dann sicher auch dazu.

Der Turnvater im Zuchthaus

Turnen ist mehr als Sport – und war es schon immer. Denn «Turnen» gab es schon, bevor von «Sport» die Rede war. Wahrscheinlich lässt sich sogar am Turnen die Entstehung des Begriffs «Sport» besser illustrieren als mit gelehrten Etymologien.

So turnt sich Pablo Brägger zu EM-Gold am Reck:

So turnt sich Pablo Brägger 2017 zu EM-Gold.

Sport ist Freizeit, ist Entspannung, hat mit Bewegungslust und dergleichen zu tun – ja, klar, das ist alles zu relativieren; aber das Turnen wurde erfunden fürs Vaterland. Das Vaterland war Preussen und es war in Not, weil die Franzosen überall waren. So war es wenigstens in den Jahren, als «Turnvater» Jahn 1811 den ersten Turnplatz errichtete.

Jahn, nicht gerade ein Mann mit mustergültiger Biografie, war Nationalist, leider schwärmte er mehr als für die preussische für die deutsche Nation, die es damals noch gar nicht gab. Napoleon war zwar verbannt, aber die preussische Obrigkeit fürchtete die studentischen Vereine, die Burschenschaften, und mit ihnen die Turner.

Im August 1819 ermordete der Student, Burschenschafter und Turner Karl Ludwig Sand den Dichter und russischen Konsul August von Kotzebue. Dies führte letzten Endes zum Verbot der Burschenschaften, zum Turnverbot und zur Verhaftung von Jahn.

«Frisch, fromm, fröhlich, frei»

Natürlich wurden das Turnen und Jahn später rehabilitiert. Aber zum Sport wurde das Turnen dennoch nicht. Turn- und Schützenvereine werden besonders in der Schweiz als Urzellen der Demokratie gefeiert. Turnen war Disziplin, war stramm, hielt auch auf Abstand.

So galt Fussball bis in die neuere Zeit in Turnerkreisen als «wild». Das gediegenere Turnerspiel war Handball. Heute würde man das wohl eher nicht mehr so sehen. Aber so war’s. Turnen ist nicht nur koordinierte Bewegung, sondern auch eine Einstellung. Das zeigt auch das Motto: «Frisch, fromm, fröhlich, frei». Die vier «F» liefern nicht nur das «Turnerkreuzli», sondern gewissermassen auch eine Lebensanleitung. Und die Turnerschar im weissen Gewand – wenn nicht fürs Vaterland, dann sicher mit nobler Gesinnung unterwegs – am Waldesrand.

Turn- und Schützenvereine waren in der Schweiz nie ganz politfrei. Immerhin gibt es heute noch den Satus und vielenorts auch Arbeiterschützenvereine. Nützlich fürs Gemeinwesen hielten sich zu Recht beide.

Der letzte Reck-Olympiasieger

1952 holte der legendäre Jack Günthard am Reck die olympische Goldmedaille. Damals jubelte man zwar, aber eine Sensation war das nicht. Aber mit dem Turnerstolz war’s schnell vorbei. Die Russen waren besser. Perfekter vor allem.

Es begann die Epoche, in der man in der Schweiz, im Westen überhaupt, die Schultern zuckte und eingestehen musste, dass man gegen «die Staatsamateure» aus dem kommunistischen Ostblock keine Chance hatte. Die turnten eben nicht nur nach Feierabend im Turnverein, sondern wahrscheinlich 24 Stunden am Tag und in der Nacht manchmal auch noch.

Bei Jack Günthard glich das Fliegen noch eher einem Kampf.

Bei Jack Günthard glich das Fliegen noch eher einem Kampf.

Der Aufwand spielte sicher eine Rolle. Wer das auch so sah, war Jack Günthard, der nach der Karriere ins Trainermetier gewechselt war. In der Schweiz wollte man ihn und seine neuen Ideen vorerst nicht. Aber als er in Italien Erfolg hatte, rief ihn der Eidgenössische Turnverband schliesslich doch noch.

Magglingens heilige Aura

Magglingen wurde das Mekka des Turnens und die «Günthard-Boys» wurden die Helden. «Profi» nannte man sie lieber nicht, obwohl sie nicht mehr viel Zeit für anderes hatten neben dem Training. In jenen Zeiten verbreitete die legendäre Halle mit der grossen Schnitzelgrube in Magglingen auch eine fast heilige Aura.

Man durfte reinschauen, aber bitte: mucksmäuschenstill. «Grüessech», sagte der Turn-Guru zu uns, und wir wussten nicht, ob wir dem strengen Trainer eher «Herr Professor» oder gar «Gott» sagen sollten. Zum «Jack» wurde er erst am Fernsehen.

Müheloses Wirbeln

Auch das Turnen änderte sich. Heute gibt man den Jungs ja gleich einen Fussball. Am Reck oder am Barren leiden müssen die wenigsten. Ohne Schulterstand, Felgaufschwung und Bauchwelle kam aber früher keiner durch die Jugend. Aber auch bei den Besten herrschte eher der Eindruck vor, dass da «ein Kampf gegen das Gerät» stattfinde. Turnen war Ernst, auf jeden Fall bei den Männern.

Spielende Leichtigkeit:  Ilaria Käslin über dem Schwebebalken.

Spielende Leichtigkeit: Ilaria Käslin über dem Schwebebalken.

Heute wirbeln die Turner um die Stangen, dass man sich im Zirkus wähnt. Wo ist der Unterschied zwischen Akrobatik und Turnen? Gibt es ihn überhaupt? Am Aufwand messen darf man ihn wahrscheinlich nicht. Der Eindruck von Mühelosigkeit entsteht dann, wenn man die Mühen nicht mehr sieht. Nicht, wenn es nie welche gab.

Wir haben auch gelernt, koordinierte Bewegung geniessen zu können, ohne an Schlachtfelder und Exerzierplätze denken zu müssen. Frei, fröhlich, vielleicht frisch – und, wenn’s sein muss, sogar auch fromm.

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