National League A
Die Schweiz als Traumdestination für die Hockey-Ausländer

Die Salär-Obergrenze in der NHL spült qualitativ hochstehende Spieler in die National Leage A. Die russische KHL ist dabei längst nicht mehr erste Wahl.

Marcel Kuchta
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Auch Derek Roys Weg führte von der NHL in die NLA.

Auch Derek Roys Weg führte von der NHL in die NLA.

Keystone

Das nennt man dann wohl eine geballte Ladung. 2274 NHL-Spiele beträgt der gesammelte Erfahrungsschatz der vier ausländischen Spieler, die kürzlich innert weniger Tage in der NLA anheuerten. Der Finne Sean Bergenheim (31 Jahre alt/532 NHL-Spiele) und der Kanadier Derek Roy (32/787) wechselten zum SC Bern. Ebenfalls aus Kanada stammen James Sheppard (27/431), der sich den Kloten Flyers anschloss, und Devin Setoguchi (28/524), der sich für den HC Davos entschied.

Der schlechte Ruf der KHL
Mit Ausnahme des NHL-Lockouts, als die Stars aus Übersee mangels Meisterschaftsbetrieb zur Überbrückung der Zwangsspielpause nach Europa wechselten, erlebte die höchste Schweizer Liga selten zuvor eine derart massive Verstärkungswelle. Denn es kamen nicht etwa abgehalfterte Altstars, sondern Spieler, die sich im besten Alter befinden, die aber in der NHL keinen Job mehr bekamen. Was nicht am fehlenden Können lag, sondern an den Finanzen. «Seit die NHL-Teams mit der Salärbegrenzung zu kämpfen haben, setzen sie eher auf jüngere und billigere Spieler», erklärt SCB-Sportchef Sven Leuenberger die spezielle Dynamik. Besonders Spieler wie Derek Roy, der aufgrund seiner Klasse fast in jeder der 30 NHL-Mannschaften einen Platz auf sicher hätte, werden dabei Opfer des Taschenrechners. Für die Rolle, die er spielen könnte, finden sich inzwischen günstigere Optionen. Und im Zweifelsfall lässt der Trainer auch in der NHL lieber einen eigenen Junior Erfahrungen sammeln.
Und doch ist die einheitliche Bewegung Richtung Schweiz erstaunlich. Zumal für die Söldner mit der russisch geprägten KHL immer noch eine zahlungskräftigere Alternative zur NLA existiert. Doch die Eishockey-Profis sind bei der Wahl ihres Arbeitgebers vorsichtiger geworden. Man hört nicht nur Gutes aus dem «wilden Osten». Ausbleibende Lohnzahlungen, willkürliche Vertragsauflösungen, der Zerfall des Rubels, schlechte medizinische Versorgung, isolierte Wohnsituationen in entlegenen Städten, lange Reisen mit lottrigen Flugzeugen – die Mängelliste im Zusammenhang mit der KHL ist lang, selbst wenn sich die Situation in gewissen Bereich in den letzten Jahren gebessert hat. Die Aussage von Sean Bergenheim spricht für sich: «Die KHL? Ich weiss nicht, was ich davon halten soll. Ich habe eine Familie, da hat man eine andere Herangehensweise.»

Mund-zu-Mund-Propaganda
Fragt man die neuen Ausländer nach ihren Beweggründen für einen Wechsel in die Schweiz, dann wird ein Argument immer wieder genannt: «Die Lebensqualität.» Bergenheim sagt: «Die Wahrnehmung der Schweizer Liga ist sehr positiv unter den NHL-Spielern.» Viel läuft über Mund-zu-Mund-Propaganda.» Sven Leuenberger kann sich etwa auf Mark Streit und Roman Josi als Schweizer «SCB-Botschafter» in der NHL verlassen. Oder man nutzt das Netzwerk ehemaliger Spieler wie Marc-André Gragnani (letzte Saison beim SCB), der den Kontakt zu Derek Roy herstellte. «Deshalb ist es wichtig, dass man die Spieler fair behandelt. Es kann einem später zugutekommen», betont Leuenberger.
Derek Roy und Devin Setoguchi kannten das Land bereits aus vorherigen Besuchen. Roy war Teil der kanadischen WM-Mannschaft, die 2009 an den Titelkämpfen in der Schweiz die Silbermedaille gewann. Setoguchi war anlässlich der Hochzeit des Davoser NHL-Lockoutstars Joe Thornton (er ist mit einer Aargauerin verheiratet) schon einmal in den Bündner Bergen: «Ich wusste, welch wunderschöner Ort mich und meine Frau erwartet», sagt der ehemalige Erstrunden-Draftpick der San Jose Sharks. Wie Setoguchi verliess sich auch James Sheppard auf das Urteil des ehemaligen Teamkollegen Thornton bei den Sharks. Der neue Klotener Import sagt: «Als es mit einem NHL-Job nicht geklappt hat, war für mich klar, dass ich in der Schweiz spielen will.»

NHL-Aufstockung als Gefahr
Klar ist, dass die NHL-Spieler nicht nur wegen der frischen Luft, der Landschaft, der Schokolade und der begeisterten Eishockeyfans in die Schweiz kommen, sondern auch darum, weil man hierzulande gut verdient – und das erst noch steuerfrei. Sven Leuenberger sieht vorderhand keinen Grund, dass sich an der Attraktivität der Schweiz für gute Ausländer etwas ändern wird. Mittelfristig bestehe nur eine Gefahr: «Sollte es in der NHL zwei neue Mannschaften geben, dann sind mit einem Schlag 100 potenzielle Spieler vom Markt.» Dann wird es selbst für die Traumdestination Schweiz eng.