Leichtathletik
Die Rückkehr ins Wohnzimmer

Nach der WM-Enttäuschung will Hürdensprinter Kariem Hussein heute Abend beim Meeting im Zürcher Letzigrund glänzen.

Simon Steiner, Zürich
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Ein Jahr nach seinem Sturmlauf zu EM-Gold will sich Kariem Hussein heute im Letzigrund erneut von seiner besten Seite zeigen. Keystone

Ein Jahr nach seinem Sturmlauf zu EM-Gold will sich Kariem Hussein heute im Letzigrund erneut von seiner besten Seite zeigen. Keystone

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Nein, als WM-Revanche will Kariem Hussein seinen Auftritt heute Abend bei Weltklasse Zürich nicht betrachten. Lieber wählt er eine andere Perspektive: «Es ist für mich das Grösste, für ein Rennen in den Letzigrund zurückzukehren», sagt der 26-jährige Thurgauer. Zurück in jenes Stadion also, in dem er vor einem Jahr mit dem Europameistertitel über 400 m Hürden den bisher mit Abstand grössten Erfolg seiner Karriere feiern konnte. Und zurück in jenes Stadion, das gewissermassen sein zweites Wohnzimmer darstellt, so oft trainiert er darin.

«Für dieses Rennen muss ich die Motivation nicht suchen, die kommt von allein», sagt Hussein. Auf eine Wut im Bauch ist der Medizinstudent also nicht angewiesen, um dem Heimpublikum eine starke Leistung zu zeigen. Erst recht nicht, weil er weiss, dass er noch schneller laufen kann als an den Weltmeisterschaften in Peking. Dort verpasste er den Einzug in den Final knapp, obwohl er im Halbfinal mit einer Zeit von 48,59 Sekunden nur wenig über seiner persönlichen Bestzeit von 48,45 bleib. Diese hatte Anfang August an den Schweizer Meisterschaften in Zug aufgestellt, obwohl er dort keine ebenbürtige Konkurrenz vorfand.

Alles angerichtet für einen Sieg

Das ist nun in Zürich anders, wo die Veranstalter eigens für Hussein ein Rennen über 400 m Hürden ins Hauptprogramm aufgenommen haben – nachdem die Disziplin in diesem Jahr bei Weltklasse Zürich nicht als Finallauf der Diamond League ausgetragen wird. Schneller als Hussein ist heuer zwar noch keiner seiner heutigen Gegner gelaufen, doch das Startfeld mit Vize-Europameister Rasmus Mägi (Estland) oder Studentenweltmeister Thomas Barr (Irland) kann sich durchaus sehen lassen.

«Es kann für mich nur ein Ziel geben: der Sieg», sagt Hussein. «Dafür muss ich schnell laufen, vielleicht so schnell wie noch nie.» Dabei sollte der Europameister von der Form profitieren, die er gezielt auf die Weltmeisterschaften hin aufgebaut hat. «Kariem ist immer noch in Bestform», sagt Coach Flavio Zberg, der mit seinem Athleten zu Wochenbeginn nochmals gezielt im qualitativen Bereich trainiert hat. «Nun gilt es, diese Form abzurufen.»

Dies war in Peking nicht vollständig gelungen. Coach Zberg ortet die Gründe beim Vorlauf, den Hussein mit mehr Schwierigkeiten überstand als erwartet. «Alle haben immer nur vom Final gesprochen», sagt er. «Deshalb ist er den Vorlauf vermutlich nicht ganz mit der richtigen Einstellung angegangen – und hatte dann auch kein Erfolgserlebnis, das ihn im Halbfinal hätte pushen können.»

Den WM-Final wollten Hussein und Zberg nach der Halbfinal-Enttäuschung nicht live im Stadion mitverfolgen, sondern im Teamhotel am TV. «Aber das chinesische Fernsehen hat nur den Weitsprung-Wettkampf gezeigt», sagt der Trainer, der seinen Schützling in den ersten Tagen nach dem Wettkampf «enttäuscht, aber nicht völlig niedergeschlagen» erlebte. Zberg sieht die Weltmeisterschaften als wichtige Erfahrung im Hinblick auf die Olympischen Spiele im nächsten Jahr in Rio de Janeiro. «Wir wissen jetzt, dass für 2016 nochmals ein Entwicklungsschritt nötig ist.»

Den ganzen Abend im Fokus

Zunächst geht es für Hussein aber noch darum, die laufende Saison mit einem positiven Erlebnis abzuschliessen. Das Heimrennen im Letzigrund ist für den Ostschweizer der zweitletzte Wettkampf des Jahres vor dem Diamond-League-Final in einer Woche in Brüssel. Danach stehen für den angehenden Arzt erst mal Ferien an, ehe er im Oktober mit dem nächsten Praktikum im Rahmen seines Studiums beginnt.

Zum heutigen Meeting reist Hussein übrigens von zu Hause an. Im Unterschied zu den Europameisterschaften im letzten Jahr, als er mit dem Schweizer Team in Regensdorf logierte, hat der Wahl-Zürcher diesmal in seinem eigenen Bett geschlafen. Für den Transport ins Stadion, das rund einen Kilometer von seiner Wohnung entfernt liegt, ist trotzdem gesorgt: Hussein wird von einem Fahrer von Weltklasse Zürich persönlich zum Letzigrund chauffiert. Eine besondere Behandlung erwartet ihn auch dort: Eine Kamera-Crew wird Hussein fast den ganzen Abend begleiten, um die Zuschauer im ausverkauften Stadion an seinem Weg vom Aufwärmen bis zur eventuellen Siegerehrung hautnah teilhaben zu lassen.

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