Eishockey

Die «Pausenplatz-Schweizer» mit allen positiven und negativen Nebeneffekten

Die Fans der Schweizer Nationalmannschaft dürfen auf ein Spektakel an der WM in Moskau hoffen.

Die Fans der Schweizer Nationalmannschaft dürfen auf ein Spektakel an der WM in Moskau hoffen.

Erstmals in dieser Eishockey-Weltmeisterschafts-Vorbereitung gelingt der Schweizer Nationalmannschaft zwei Siege in Serie: 2:1 n. V. und 4:3 gegen Lettland.

Lettland? Eigentlich ein Hockey-Zwerg. Aber die Letten holen aus einem minimalen Potenzial (nur rund 5000 lizenzierte Spieler, fünfmal weniger als wir) ein Maximum heraus. In der Weltrangliste stehen sie immerhin auf Position 10 (Schweiz 7). Siege gegen Lettland sind also nie eine Selbstverständlichkeit. Die zwei Spiele waren ein sehr guter Test gegen ein Team in WM-Formation mit 16 Spielern aus der KHL, einem aus der NHL und einem aus der NLA: Luganos Finalgoalie Elvis Merzlikins spielte in der ersten und in den letzten sechs Minuten der zweiten Partie.

Was können wir nach diesem WM-Test sagen? Dass wir in Moskau mit guter Unterhaltung rechnen dürfen. Wir haben am Freitag in Genf und gestern in Neuenburg eine «neue» Nationalmannschaft gesehen. Auffallend und positiv ist die Leidenschaft, mit der die Jungs bei der Sache sind. Offensichtlich ist Nationaltrainer Patrick Fischer ein guter Motivator. Und er ist durchaus ein guter Analytiker. Leistungen schönzureden, ist nicht seine Sache. Nach dem Sieg in Genf (2:1 n. V.) bemängelte er die fehlende Konstanz und das Nachlassen im Schlussdrittel und sagte: «Das müssen wir ändern.» Am nächsten Tag hat seine Mannschaft in Neuenburg mit einer starken, teilweise begeisternden Steigerung aus einem 0:2 einen 4:3-Sieg gemacht.

Siegtorschütze Eric Blum behauptet den Puck gegen den Letten Andris Dzerins.

Siegtorschütze Eric Blum behauptet den Puck gegen den Letten Andris Dzerins.

Das spielerische Potenzial der Schweizer blitzte immer wieder auf. Etwa beim 1:0 am Freitag in Genf, das Andres Ambühl mit einem Rush ins gegnerische Drittel magistral vorbereitet hatte, und beim 2:1-Siegestreffer in der Verlängerung, einem harten Schlagschuss von Verteidiger Eric Blum. Und gestern gelangen sogar die «schmutzigen Tore», die der Nationaltrainer gefordert hatte. Also Treffer, die nicht herausgetanzt, sondern herausgearbeitet werden wie beim 1:2-Anschlusstreffer (Walker) und beim 3:3-Ausgleich (Hofmann).

Die Inkonstanz

Wir haben gegen Lettland im positiven Sinne «Pausenplatz-Schweizer» gesehen: Spieler, die mit Freude und Feuereifer bei der Sache sind, mehr spontan als organisiert spielen – eben wie auf dem Pausenplatz. Der negative «Pausenplatz-Effekt» zeigte sich in einer gewissen Unordnung, fehlender Konstanz und zu vielen Undiszipliniertheiten im taktischen Bereich und im Zweikampfverhalten, die vielleicht grösste Schwäche des Teams.
Typisch für diese «Pausenplatz-Inkonstanz» gestern in Neuenburg: Lino Martschini erzielt im Powerplay mit einem Direktschuss das 2:2 (Weltklasse) – und nur kurz darauf verliert NHL-Verteidiger Yannick Weber an der Bande hinter dem eigenen Tor die Scheibe und Lettland führt wieder 3:2 (Anfängerhockey).

Mit Nino Niederreiter und Rafael Diaz stossen noch zwei echte Verstärkungen zur Nati.

Mit Nino Niederreiter und Rafael Diaz stossen noch zwei echte Verstärkungen zur Nati.

In beiden Partien fehlte (noch) die klare Linie, die taktische Ordnung. Deshalb waren schnelle, präzise Gegenangriffe noch zu selten – aber in der Schlussphase der zweiten Partie gelang in Neuenburg der perfekte Konter, und den schloss Matthias Bieber zum 4:3-Siegestreffer ab.

Mit Stürmer Nino Niederreiter und Verteidiger Rafael Diaz kommen nun am Montag noch zwei WM-Silberhelden zum Team. Sie werden die offensive Dynamik, den positiven «Pausenplatz-Effekt» verstärken. In der Mannschaft stecken zudem einige Spieler, die ihr Potenzial noch lange nicht ausgeschöpft haben: Etwa NHL-Stürmer Sven Andrighetto, der nach wie vor keinen Treffer erzielt und auch gestern in Neuenburg gute Abschlussmöglichkeiten nicht genützt hat.

Zwei Top-Goalies

Die beiden Lettland-Spiele machen aber durchaus Hoffnung auf eine WM-Viertelfinal-Qualifikation. Zumal die Besetzung auf der Torhüterposition erstklassig ist: Sowohl Robert Mayer (beim 2:1 n. V.) in Genf als auch gestern Reto Berra hexten auf internationalem Top-Niveau. Der Formaufbau passt: In den bisherigen sieben Vorbereitungsspielen war auf einen Sieg immer eine Niederlage gefolgt. Nun haben die Schweizer Hockespieler gegen Lettland erstmals zweimal hintereinander gewonnen – gegen einen Gegner, den wir bei der WM in Moskau im vierten Spiel wiedersehen werden.

Reto Berra spielt auf internationalem Top-Niveau und ist ein sicherer Rückhalt für die Schweizer Nationalmannschaft.

Reto Berra spielt auf internationalem Top-Niveau und ist ein sicherer Rückhalt für die Schweizer Nationalmannschaft.

Erstaunlich, dass es weder in Genf noch in Neuenburg bei weitem nicht gelungen ist, die Stadien zu füllen. Das war zwar auch eine gute Vorbereitung auf die WM: In Moskau dürfte die Stimmung bei Schweizer Partien in nicht ausverkauften Arenen ähnlich sein. Aber nur drei Jahre nach dem WMSilberwunder ist die Begeisterung im Publikum verebbt und das zeigt, dass wir aus dem WM-Final von 2013 zu wenig gemacht haben. Zu den Zeiten von Ralph Krueger rockte die Nationalmannschaft und füllte in WM-Vorbereitungspartien jeweils die Hallen auch im Welschland. Aber das ist wiederum eine andere Geschichte.

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