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Die neuen Mächte im Schweizer Eishockey verunmöglichen eine reguläre Meisterschaft

Von den Gesundheitsämtern über den Liga-Manager bis zum Spielplan-Chef: Die Schweizer Eishockey-Meisterschaft ist neuen Mächten ausgesetzt. Für Gesprächsstoff und Polemik wird gesorgt sein.

Wir können aufatmen. Es gibt eine Eishockeymeisterschaft. Die Klubgeneräle sind in der Not zusammengerückt und haben einstimmig den Saisonstart auf den 1. Oktober festgelegt. Sie haben sich auch auf Regeln geeinigt, die in allen Stadien gelten: eine generelle Maskenpflicht, Sitzplatzpflicht, Registrierungspflicht, keine Gästefans und eine Testpflicht drei Tage vor dem ersten Meisterschafts- oder Cupspiel für alle Spieler und Staffmitglieder. Und darüber hinaus müssen die Klubs dafür sorgen, dass es auf dem Stadiongelände nicht zu Personenansammlungen kommt, und vor dem Stadioneinlass wird eine Fiebermessung empfohlen. Limite: kein Stadionzutritt ab 37,6 Grad Temperatur. Die Meisterschaft mit 50 Runden plus Playoffs beginnt am 1. Oktober. Die erste Cuprunde wird am 5. und 6. Oktober gespielt.

Ab Oktober gilt in den Schweizer Eishockeystadien Masken- und Sitzplatzpflicht.

Ab Oktober gilt in den Schweizer Eishockeystadien Masken- und Sitzplatzpflicht.

Die Umsetzung aller Schutzmassnahmen ist eine grosse Herausforderung für die Klubs. Das grosse Problem der neuen Saison ist jedoch der vorübergehende Verlust der Unabhängigkeit und Unschuld des Sportes und damit der sportlichen Regularität. Um es etwas polemisch zu erklären: Bisher war der Spielbetrieb nur zwei unberechenbaren Mächten ausgeliefert – den Schiedsrichtern und dem Einzelrichter. Sie waren die Einzigen, die direkten Einfluss auf das Spiel hatten. Durch die Entscheidungsgewalt auf dem Eis (Strafe? Tor?) und im Nachgang der Partien (Sperre?). Nun kommen dazu zwei weitere Institutionen.

Neben den Schiedsrichtern und dem Einzelrichter beeinflussen neu auch die kantonalen Gesundheitsämter und Liga-Manager Denis Vaucher den Spielbetrieb. Die kantonalen Gesundheitsbehörden legen nicht nur fest, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer ins Stadion dürfen (angestrebt wird mindestens eine 50-prozentige Auslastung). Sie haben auch die Macht, ein Spiel je nach Umständen ganz abzusagen. Und die neue vierte Macht ist Liga-Manager Denis Vaucher. Er darf in Zusammenarbeit mit Spielplanchef Willi Vögtlin entscheiden, ob eine Mannschaft ein Spiel verschieben darf und gleich auch noch, wann ein Spiel nachgeholt werden muss. Als Grundregel gilt: Wenn 12 Feldspieler und ein Torhüter zur Verfügung stehen, muss gespielt werden.

Unter diesen Umständen ist die Chancengleichheit als Voraussetzung für eine sportlich reguläre Meisterschaft nicht gegeben. Klugerweise ist der Abstieg erst einmal ausgesetzt worden. Der Unterhaltungswert wird trotz allem grandios sein. Für Gesprächsstoff, Verschwörungstheorien und Polemik ist gesorgt, wenn ein Advokat aus einem alten Stadtberner Burgergeschlecht (Denis Vaucher) und ein ehemaliger SCB-Manager (Willi Vögtlin), beaufsichtigt von einem ehemaligen SCB-Verwaltungsrat (Verbandspräsident Michael Rindlisbacher), ein Spiel verschieben.

Die Klubgeneräle haben noch ein Problem zu lösen. Ein Topf mit 150 Millionen Bundesgeldern steht für das Profihockey bereit. Das Geld soll allerdings nur in Form von Krediten ausbezahlt werden, für die alle haften. Wenn also Ambri den Kredit nicht zurückzahlen kann, werden auch der SCB, Zug oder die ZSC Lions zur Kasse gebeten.

Selbst wenn das Geschäft boomt und die Stadien voll sind, schreiben alle Klubs rote Zahlen und die Defizite werden durch Quersubventionierungen und milliardenschwere Klubbesitzerinnen und Klubbesitzer ausgeglichen. Weder im Fussball noch im Hockey werden die Profiklubs je dazu in der Lage sein, einen Kredit zurückzuzahlen. Nicht einmal bei einer Kreditlaufzeit von 100 Jahren. Auch wirtschaftlich hat das Eishockey längst seine Unschuld verloren.

Deshalb ist es Zeit, ehrlich zu sein. Die Kredite sind in Subventionen umzuwandeln. Aber mit klarer Zweckbestimmung wie die Subventionen in der Landwirtschaft. Das heisst: Alimentiert werden die Nachwuchsorganisationen (wobei sichergestellt werden muss, dass das Geld nicht für die Löhne der Profis abgezweigt wird). Die Kosten für die Infrastruktur (Stadionmieten) können übernommen werden und allenfalls ist eine Entschädigung für den Ausfall der Zuschauereinnahmen denkbar. Aber kein Steuerfranken für Spielerlöhne.

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