Eishockey

Die Nati an der U18-WM im eigenen Land: Ist heute alles vorbei?

Auf die beiden ZSC-Spieler Jonas Siegenthaler (r.) und Denis Malgin sind besonders viele Augen gerichtet.

Auf die beiden ZSC-Spieler Jonas Siegenthaler (r.) und Denis Malgin sind besonders viele Augen gerichtet.

Die U18-WM ist für die jungen Spieler Schaufenster und Stolperfalle zugleich. Heute Abend treffen die Schweizer auf die starken Russen im WM-Viertelfinal.

Der Hüne fährt sich mit der Hand immer wieder durch die schweissnasse, lange schwarze Haarpracht. Jonas Siegenthaler, 189 cm gross, fast 100 Kilogramm schwer, 17 Jahre alt, steht nach der 0:5-Niederlage der Schweizer U18-Auswahl im letzten Vorrundenspiel gegen Tschechien in der Mixed-Zone und wählt seine Worte sehr sorgfältig. Die Weltmeisterschaft im eigenen Land ist bisher noch nicht wirklich nach seinem Gusto verlaufen. Die Schweizer haben das Minimalziel Viertelfinal zwar erreicht. Nach menschlichem Ermessen dürfte das Turnier für sie am Donnerstagabend nach dem Duell gegen die starken Russen aber zu Ende sein.

Jonas Siegenthaler gehört zu den Spielern, auf welche sich der Fokus der Zuschauer, der Talentspäher, der Medien und der Mitspieler besonders richtet. Der Verteidiger der ZSC Lions stand in den letzten Tagen permanent im Schaufenster. Wer, wie er, schon mit 17 Jahren Stammspieler bei einer der besten Schweizer Mannschaften wird, muss aus einem speziellen Holz geschnitzt sein.

Die Erwartungen an den Sohn eines Schweizer Vaters und einer thailändischen Mutter waren hoch. Vermutlich zu hoch. Siegenthaler hatte, wie die gesamte Schweizer Equipe, Mühe, richtig ins Turnier zu kommen. Gut möglich, dass die Titelkämpfe für das Team von Trainer Manuele Celio bereits am Donnerstag zu Ende sind. Und man sich als Beobachter irgendwie verwundert fragt, welche Spuren dieser als speziell geltende Jahrgang hinterlassen hat.

Mühe mit der Leaderrolle

Mittendrin in diesem bisweilen etwas orientierungslos wirkenden Auftritt der Schweizer steht Jonas Siegenthaler. Wer dem grossen Hoffnungsträger bisher zugeschaut hat, der konnte spüren, dass der sich nicht wirklich wohl fühlt auf dem Eis. Bei den ZSC Lions durfte Siegenthaler an der Seite des Routiniers Severin Blindenbacher agieren. Wusste immer, dass er sich auf seinen Nebenmann verlassen kann, falls ihm ein Fehler passiert. Jetzt ist plötzlich er der Spieler, auf den die anderen schauen, der keine Fehler machen darf. «Dieser Rollentausch ist schwierig für ihn», bestätigt Manuele Celio und fügt an: «Oft haben es die Spieler in den Nationalauswahlen einfacher, die bei ihren Juniorenteams Leaderrollen spielen, als diejenigen, die in der NLA eine Nebenrolle einnehmen.»

Manuele Celio weist noch auf einen anderen, speziellen Umstand hin. «Während des Turniers wirst du von vielen Seiten beeinflusst. Da ist es schwierig, einen klaren Kopf zu bewahren.» Auf der Tribüne sitzen die NHL-Talentspäher. Der Agent ist da und gibt Tipps. Die Eltern und Freunde sind im Stadion. Sie alle verfolgen gespannt jede Bewegung des als Riesentalent gepriesenen Siegenthaler. In diesem Dampfkochtopf nicht die Übersicht zu verlieren und ruhig zu bleiben, ist alles andere als einfach. «Ich spüre den Erwartungsdruck natürlich schon ein bisschen. Aber ich versuche, nicht zu viel zu wollen und einfach zu spielen. Wichtig ist, nicht zu viel nachzudenken», sagt der trotz seiner imposanten Statur sehr zurückhaltend wirkende Siegenthaler. Und man merkt: Das ist einfacher gesagt als getan.

Trotz Unruhe hoch gehandelt

Dass Jonas Siegenthaler im kommenden Juni im NHL-Draft recht früh ausgewählt wird, daran dürften die durchzogenen Auftritte in Zug kaum etwas geändert haben. «Wichtig ist für uns das grosse Bild», sagt etwa Ville Sirén, der Chefscout der Columbus Blue Jackets. Auch ihm sind die Schwierigkeiten des Schweizer Verteidigungsministers nicht entgangen.

Aber er und seine Kollegen können ebenso einschätzen, dass Siegenthaler an der WM in Zug nicht die Rolle spielt, die er bei den ZSC Lions während der ganzen Saison ausübte. Will heissen: Wenn man ihn draftet, dann erwartet man keinen Offensiv-Verteidiger wie Roman Josi, sondern einen, der hinten aufräumt und möglichst wenig Fehler macht. Für Jonas Siegenthaler dürfte das Schaufenster U18-WM deshalb nicht zur Stolperfalle werden. Im Gegenteil: Ein Exploit am heutigen Abend gegen Russland könnte das angekratzte Image mit einem Schlag aufpolieren.

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