So hysterisch ihn die Australier in Melbourne feiern, so enthusiastisch ihn die Amerikaner in New York bejubeln, so sehr ihm die Herzen der Franzosen in Paris zufliegen, Roger Federer hatte während seiner Karriere nie einen Hehl daraus gemacht, dass Wimbledon für ihn eine besondere Bedeutung hat. «Es ist der Ort, an dem alle meine Träume als Spieler wahr geworden sind.»

Auf dem Centre Court des All England Club schaffte er vor 14 Jahren mit dem Sieg gegen Mark Philippoussis den lang erwarteten Durchbruch, hier avancierte er 2009 mit seinem 15. Major-Titel zum erfolgreichsten Spieler der Geschichte, hier zog er 2012 mit den Rekordsiegern Pete Sampras und William Renshaw gleich.

Im Gegensatz zum Australian Open, als er im Januar nach seiner halbjährigen Pause zurückgekehrt war und nicht zum Favoritenkreis gezählt wurde, präsentierte sich die Ausgangslage in Wimbledon anders. Bereits vor Beginn war Federer bewusst gewesen, dass seine Titelchancen in diesem Jahr so gut sind wie seit seinem Triumph 2012 nicht mehr. Rafael Nadal hatte in den letzten Jahren auf Rasen geschwächelt, Andy Murray und Novak Djokovic, die Sieger der letzten vier Austragungen, waren seit Monaten physisch und mental angeschlagen.

Federer hingegen tritt 2017 so frisch und inspiriert auf wie in seinen besten Tagen. «Es gibt keine Anzeichen, dass er älter wird», sagte der im Halbfinal unterlegene Tomas Berdych. Bereits vor einem Jahr, als Federer und sein Team den harten, aber weitsichtigen Entscheid fällten, die Saison abzubrechen, hatte er im Hinterkopf, dass er 2017 in Wimbledon wieder auf der Höhe seines Schaffens sein wollte. Und nach seinem traumhaften Comeback mit den Siegen in Melbourne, Indian Wells und Miami erlag er nicht der Versuchung, seine Ziele zu ändern, und legte noch einmal eine zehnwöchige Turnierpause ein.

Der Entscheid zahlt sich aus, in Wimbledon zog er ohne Satzverlust in seinen 11. Final ein. Federer überzeugte dabei durch mentale Stärke; in den wichtigen Momenten spielte er sein bestes Tennis. Alle fünf Tiebreaks gewann er souverän, seine Quote von 80 Prozent abgewehrter Breakbällen ist die Höchste derjenigen Spieler, welche die zweite Woche erreicht haben. Es ist Ausdruck seines Selbstvertrauens und jener Fähigkeit, die ihn während der Jahre seiner absoluten Dominanz Mitte der Nullerjahre so ausgezeichnet hatte.

Der bessere Berdych

Dass der letzte Schritt, der schwierigste ist, weiss Federer. Noch mehr als sonst sind die Augen auf ihn gerichtet, wenn er sich aufmacht, ein weiteres Kapitel Tennis-Geschichte zu schreiben. Mit Marin Cilic steht ihm ein Gegner gegenüber, der mit seinem US-Open-Sieg 2014 bewiesen hat, dass er dem Druck standhalten kann. Auch für ihn sei es damals eine grosse Chance gewesen, das Turnier zu gewinnen, sagte Federer im Rückblick auf jenen verlorenen Halbfinal gegen Cilic in Flushing Meadows. «Ich hoffe, ich werde diese nicht auch noch verpassen.»

Im Vergleich mit Berdych schätzt Federer seinen Finalgegner stärker ein. «Seine Returns sind länger und er spielt mit mehr Risiko.» Seit seiner Zusammenarbeit mit Goran Ivanisevic, dem bislang einzigen kroatischen Wimbledon-Sieger, habe sich Cilic auch beim Aufschlag verbessert. «Es ist schwieriger geworden, diesen zu lesen.»

In Wimbledon schlug der 1,98 m grosse Kroate bislang 130 Asse. Er hat es geschafft, seine Quote der ersten Aufschläge deutlich zu steigern, seit er seit knapp einem Jahr mit Jonas Björkman zusammenarbeitet. Cilic verglich die Herausforderung Federer mit dem Erklimmen eines Berges. «Er spielt das beste Tennis seiner Karriere auf diesem Court.» Die Erfahrung, bereits einmal einen Grand-Slam-Titel gewonnen zu haben, werde ihm helfen. «Es auch hier zu schaffen, würde mir die Welt bedeuten.»

Der Match startet um 15 Uhr Schweizer Zeit.

Roger Federer und der Final in Wimbledon – zehn Spiele für die Ewigkeit: