US Open
Die Märchen der Traumfabrik - Bei diesen Spielern spielte Tennis zuletzt nur eine Nebenrolle

Ob Spritzen aufgrund von Diabetes, mit einem Messer bedroht werden bei einem Überfall oder Chemotherapie wegen Krebs – Diese Tennisspieler konzentrierten sich zuletzt auf andere Sachen, als auf den Sport

Simon Häring
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Juan Cruz Aragone hat mit Diabetes zu kämpfen

Juan Cruz Aragone hat mit Diabetes zu kämpfen

Keystone

Am Horizont flimmert die Skyline von New York, drüben in Manhattan, im pulsierenden Herzen einer Stadt, in die so viele ihre Träume projizieren. Der Tennis-Zirkus ist keine Ausnahme, die US Open das schrillste, lauteste und extravaganteste der Grand-Slam-Turniere. Auch ausserhalb des Schwenkbereichs der Kameras werden in der Traumfabrik Märchen wahr, völlig losgelöst von Punkten und Siegen. Die bewegendsten und buntesten Geschichten.

Diabetiker Juan Cruz Aragone
Sein Leben hängt an einer Maschine. Leberversagen, Nierenversagen, drei Wochen Koma. Damals, 2012, ist Juan Cruz Aragone erst 16-jährig. Erst im August 2013 folgt die Diagnose: Diabetes. Heute hängt sein Leben wieder an einer Maschine. Rund um die Uhr. Aragone trägt auf dem Platz ein Gerät, das mit Kleber an seinem Bauch befestigt ist und vibriert, wenn sein Blutzuckerspiegel von der Norm abweicht.

«Manchmal meldet sich das Gerät während eines Punktes. Ich muss mich dann sofort hinsetzen und mir Insulin spritzen, sonst kann es lebensbedrohlich werden», erzählt er dem «Daily Express». So kommt es in der Qualifikation zur kuriosen Szene, wie er sich während eines Seitenwechsels eine Spritze setzt. «Ich musste den Anti-Doping-Leuten meine Situation erklären», sagt die Nummer 534, die nur dank Absagen überhaupt an der Qualifikation teilnehmen konnte. «Manchmal brauchst du ein wenig Glück im Leben. Niemals hätte ich gedacht, es überhaupt einmal bis hierhin zu schaffen.» Sein US-Open-Abenteuer endet am Montag in der Startrunde. Für einen wie ihn ein Resultat, mehr nicht. «Ich bin einfach froh, dass ich atme!»

Einbruchsopfer Roberta Vinci
Die Italienerin ist wohl die erste Spielerin, die New York mit einem Pokal verlässt, obwohl sie schon in der ersten Runde verloren hat. Am Montag erhält die 34-Jährige eine Silberschale, wie sie am Samstag in einer Woche die US-Open-Finalistin erhält. Hintergrund: Im August waren in Vincis Haus in Apulien Einbrecher eingedrungen und hatten alle Pokale mitgehen lassen.

Bei Roberta Vinci wurde einst eingebrochen

Bei Roberta Vinci wurde einst eingebrochen

KEYSTONE/AP/KATHY WILLENS

Darunter jenen Silberteller, den Vinci nach ihrer Finalniederlage 2015 gegen Landsfrau Flavia Pennetta erhalten hatte. «Vielen Dank! Es fühlt sich an, als hätte ich noch einmal gewonnen.» Bald erhält Vinci noch mehr Silberware aus New York. Die Trophäe für den Doppel-Sieg 2012 mit Sara Errani wird nachgeliefert. Veni, vidi, arrivederci quasi.

Krebspatientin Allie Kiick
Als die Amerikanerinnen Allie Kiick (22) und Victoria Duval (21) in der letzten Runde der Qualifikation aufeinandertreffen, ist es ein Duell ohne Verliererin. Denn beide haben den Krebs besiegt. Bei Duval wird 2014 ein Hodgkin-Lymphom entdeckt, ein bösartiger Tumor des Lymphsystems.

Allie Kiick leidetet an Krebs

Allie Kiick leidetet an Krebs

Zur Verfügung gestellt

Während der Chemotherapie wird sie nur von Kiick besucht. Nachdem sie bereits vier Mal am Knie hatte operiert werden müssen und am Pfeifferschen Drüsenfieber erkrankt war, wird bei Kiick im Sommer 2016 Hautkrebs diagnostiziert. Diesmal steht Duval ihr bei. «Wir haben ein spezielles Band zueinander, weil wir beide wissen, woher wir kommen.» Kiick qualifiziert sich zwar fürs Hauptfeld, den schwersten Kampf aber, den gegen den Krebs, haben sie beide gewonnen.

Überfallopfer Petra Kvitova
Ihre Geschichte ist nicht neu, hat aber kaum an Faszination eingebüsst. Grund dafür ist ein Bild, das kurz vor dem Turnier erscheint. Es zeigt, wie schwer die linke Schlaghand von Petra Kvitova im letzten Dezember nach einem Überfall zu Hause in Prostejov beschädigt war. Betroffen sind Sehnen, Nerven und alle fünf Finger. Eine vierstündige Notoperation wird notwendig.

Petra Kvitova wurde überfallen

Petra Kvitova wurde überfallen

KEYSTONE/AP/PETR DAVID JOSEK

«Die Verletzungen waren grauenvoll und die Chance, dass Petra wieder Tennis spielen kann, gering», sagt Chirurg Radek Kebrle. Fünf Monate später gewinnt Kvitova in Birmingham. Grosse Jubelgesten sind nicht möglich. Die linke Faust kann sie nicht ballen. Daumen und Zeigefinger sind noch nicht wieder voll funktionsfähig. Trotzdem gilt sie in New York als Aussenseitertipp. «Ich bin selber noch immer überrascht, wie gut ich wieder spielen kann.»

Die Dämonen Kwiatkowskis
Er zerschmettert Rackets, beschimpft Gegner, wechselt Schulen. Thai-Son Kwiatkowski, Sohn einer Vietnamesin und eines Vietnamesen mit polnischen Wurzeln, gilt als Problemfall. Das ändert sich erst, als er in die Hände von Carlos Benatzky gerät, den Trainer an der University of Virginia. Im Mai wird die Nummer 710 (!) der Welt College-Meister und erhält eine Wildcard für die US Open.

Kwiatkowski hatte gegen viele «Dämonen» zu kämpfen

Kwiatkowski hatte gegen viele «Dämonen» zu kämpfen

Keystone

«Ich hatte in meinem Leben so viele Dämonen zu bezwingen», sagt er. Bei der Fünfsatzniederlage gegen Mischa Zverev gibt er eine Kostprobe seines Könnens ab – und seines Showtalents. Nach einem abgewehrten Matchball liegt er bäuchlings auf dem Platz – und macht Liegestützen. Die Niederlage bringt ihm 50 000 Dollar Preisgeld und verdoppelt den bisherigen Kontostand von 31 487 Dollar.